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Haarigster Aberglaube des Sports Wie der Bart-Wahnsinn in die NHL kam

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Bärte und Eishockey-Playoffs - dieser Verbindung können sich selbst kleinste Fans nicht entziehen.

(Foto: AP)

Playoffs - das ist eine ganz haarige Zeit im Eishockey. Die Saisonphase, in der Kinder ihre Papas kaum wiedererkennen, Frauen ihre Männer als kratzbürstig empfinden. Weil viele Kufencracks so abergläubisch sind, dass sie dann den Rasierer meiden. Denn: wer rasiert, verliert. Nur - warum?

Wann alles anfing, ist nicht mehr so ganz genau eruierbar. Aber wer damit begann, steht fest. "Ich hatte ein paar Haare an meinem Kinn - das war's aber auch", erinnerte sich Bob Nystrom 2017 in einem ESPN-Artikel an die Geburtsstunde des Playoff-Barts. Nystrom spielte seine gesamte NHL-Karriere für die New York Islanders. Und die wiederum hatten ab Mitte der Siebziger Jahre jede Menge abergläubische Spieler in ihren Reihen.

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Bob Nystrom ließ in den 1970er Jahren seinen Bart sprießen. Der wucherte nicht übermäßig, inspirierte aber den haarigsten Aberglauben im Eishockey.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Warum genau die Profis damals plötzlich den Rasierer mieden, weiß Nystrom nicht mehr. Es sei einfach irgendwann mal so weit gewesen, die Mannschaft habe dann zu dem Zeitpunkt Erfolg gehabt, eine Siegesserie gestartet und deshalb natürlich nichts ändern wollen, so der heute 66-Jährige. "Allerdings", fügt er umgehend mit einem Schmunzeln an: "Geduscht haben wir uns zumindest noch."

Bärte als gutes Zeichen

Was damals also eher ein Zufall gewesen sein mag, ist mittlerweile Playoff-Tradition - und zwar längst nicht mehr nur in Nordamerika, sondern auch in Europa und auch in anderen Sportarten. Aber vor allem im Eishockey gilt: Draußen ist Frühling. Es wird endlich wärmer. Und drinnen, in den Eishallen, wachsen Meisterschafts-Hoffnungen, reifen Titelträume und sprießen die Bärte. "So lange der Bart wächst, gewinnt man. Und je länger der Bart wird, desto länger ist man in den Playoffs dabei - oder holt sogar am Ende den Cup. Es ist einfach ein gutes Zeichen", sagt Dennis Seidenberg im Gespräch mit n-tv. Er ist neben Thomas Greiss und Tom Kühnhackl einer von drei deutschen Profis bei den Islanders.

Zusammen mit ihren Teamkollegen dürfen sie seit K.-o.-Runden-Beginn am 10. April nun die Bärte wachsen lassen. Denn während der NHL-Vorrunde war das beim Klub auf Long Island strikt untersagt. Auf Anordnung von Manager Lou Lamoriello. Egal, bei welchen Vereinen der mittlerweile 76-jährige Kanadier auch als Manager arbeitete, die Spieler mussten während der sogenannten regulären Saison immer rasiert sein und durften keine langen Haare haben. In den Playoffs ist das jedoch anders.

Unrasiert rasiert Rasiert

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Unrasiert rasierten die New York Islanders zwischen 1980 und 1983 die NHL-Konkurrenz und holten vier Stanley Cups in Folge.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ob's tatsächlich an den K.-o.-Runden-Bärten lag, die die Islanders damals trugen - nun ja, wer weiß das schon so genau. Andererseits gewann die haarige Horde von 1980 bis 1983 viermal nacheinander den Stanley Cup. Und in der Finalserie 1981 besiegten - oder besser gesagt, rasierten - die unrasierten Islanders in nur fünf Spielen die Minnesota North Stars. Die wiederum waren das komplette Gegenteil gewesen - zumindest im Gesicht. Denn die North Stars hatten penibel darauf geachtet, frisch rasiert auf's Eis zu gehen.

Als die Islanders 1984 erneut die Endspielserie erreicht hatten, verloren sie gegen die Edmonton Oilers. Deren Anführer war ein 23-Jähriger mit wenig Bartwuchs, ein gewisser Wayne Gretzky. Er und seine größtenteils jungen Mitspieler hielten nichts von der vermeintlichen Magie der Bärte - und wurden trotzdem von 1984 bis 1988 viermal Meister. Gretzky gilt heute als bester Eishockey-Spieler aller Zeiten, den Aberglauben konnte auch er nicht bezwingen.

Die Playoff-Bärte überlebten diese Gretzky-Generation - und erlebten bei den New Jersey Devils eine Renaissance. Als eine Art Hommage an die benachbarten Islanders ließen die Devils ihre Gesichtshaare wachsen und wachsen. 1994 schaffte es New Jersey bis ins Halbfinale - und unterlag dort den New York Rangers in sieben Spielen. Die Rangers gewannen in jenem Frühjahr den Stanley Cup - allerdings ohne Bärte. Die hatten schließlich einst die Islanders eingeführt. Und so war es den Rangers eine besondere Freude, dem Stadtrivalen zu zeigen, dass man auch wohlgepflegt Meister werden kann.

Von Steinzeitmensch bis Wattestäbchen

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Unrasierter Champion: Dennis Seidenberg 2011 mit dem Stanley Cup - und formidablem Bart.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Erfolgsquote des Bart-Brauches ist relativ gering. Von den 31 NHL-Teams erreichen 16 die Playoffs - und nur eines davon wird letztlich Meister. "Aber man versucht halt alles, um eine bessere Chance, beziehungsweise einen besseren Teamgeist zu haben", sagt Seidenberg. Seine längsten Playoff-Bärte hatte der Verteidiger 2011, als er mit den Boston Bruins den Stanley Cup gewann. Und 2013, als die Braunbären in der Finalserie den Chicago Blackhawks unterlagen.

Mehr als zwei Monate hatte Seidenberg damals wachsen lassen, nur am Hals "hin und wieder ein wenig getrimmt, sonst sieht das echt bescheuert aus." Natürlich gebe es auch Spieler, die würden den Rasierer während der K.-o.-Runde komplett meiden, so Seidenberg. "Aber dann siehste aus, wie einer aus der Steinzeit. Denn dann wachsen dir die Haare unter anderem in den Mund rein - und das ist ekelhaft."

Doch mit dem Bart ist es wie mit so vielen anderen Dingen im Leben - alles reine Gewöhnungsache. Als Seidenberg beispielsweise 2011 und 2013 nach den Playoffs endlich wieder zum Rasierer griff und Ehefrau Rebecca sein Kopf ohne den buschigen Bart ziemlich klein vorkam, meinte sie umgehend: "Du siehst aus wie ein Wattestäbchen."

Quelle: n-tv.de

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