Sport

Tennis mit Dresscode und Sahne Wimbledon - die Deluxeversion

Von allen Tennisturnieren ist der Grand Slam in Wimbledon das mit der größten Tradition. Seit mehr als 130 Jahren finden auf dem Rasen im Südwesten Londons Ballwechsel auf höchstem Niveau statt. Doch wer den Mythos aufsaugen will, muss sich seit jeher an spezielle Regeln halten.

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Roger Federer legt in Wimbledon stets Wert auf angemessene Kleidung.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Kommerz ist im Sport inzwischen allgegenwärtig. Stadien werden nach Unternehmen benannt, ganze Sportteams von reichen Investoren aufgekauft. Selbst in Einzelsportarten entflammen Konflikte zwischen den Ausrüstern, Geld bestimmt das Business. Auch im Tennis dominieren Nike, Adidas und Co. die Courts, edle Uhrenhersteller werben auf den Plätzen von Flushing Meadows und Roland Garros mit ihrem Namen. Doch in England, rund acht Kilometer südwestlich von London, gibt es noch eine kleine Enklave: Wimbledon.

Klein ist in diesem Zusammenhang wohl deutlich untertrieben, denn der Grand Slam auf der Insel gilt als das ruhm- und traditionsreichste Tennisturnier der Welt, das seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hat. 1877 wurde auf der ehemaligen Croquetanlage zum ersten Mal Tennis gespielt. Und bis heute umgibt den "heiligen Rasen" einen besonderen Charme, wie man ihn sonst bei keiner anderen großen Sportveranstaltung findet. Am Montag beginnt die 125. Auflage. 

Die Queen schaut zu

Wimbledon lebt bis heute von seinen Traditionen. Eine davon ist der exklusive Snack für zwischendurch, der den Gästen bei den Matches serviert wird: Erdbeeren mit Sahne. Während des gesamten Turniers verschlingen die Zuschauer ungefähr 28.000 Kilogramm an Erdbeeren und 7.000 Liter Sahne. Bei den US-Open wäre das undenkbar, schließlich zählen jenseits des großen Teichs Hotdogs, Burger und koffeinhaltige Getränke zu den Grundnahrungsmitteln. Das würde so gar nicht in das piekfeine Weltbild der Briten passen.

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Die Queen und der Herzog von Kent in der Royal Box.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die königliche Tradition darf deshalb auch beim Sport nicht zu kurz kommen. So ließ sich in der Royal Box die Queen höchstpersönlich schon viermal blicken, zuletzt im vergangenen Jahr. Diesmal sind dann wohl William and Kate an der Reihe. Der Knicks der Spieler vor den royalen Gästen erfolgt heute nur noch auf freiwilliger Basis. Zu den festen Ritualen gehört ebenso, dass der Herzog von Kent und seine Gattin den Siegerpokal überreichen.

Ein Ballwechsel dauert drei Sekunden

Bliebe noch der Dresscode, der Andre Agassi nicht nur einmal daran hinderte, an der Premiumausgabe aller Turniere teilzunehmen: Mindestens 90 Prozent der Spielkleidung muss in Weiß gehalten sein. Der Wimbledon-Knigge genehmigt höchstens bunte Streifen auf Socken und Schweißbändern. Viele Spieler haben versucht, diese strikte Auflage zu umgehen, doch die Turnierleitung bleibt hart: Wer sich nicht daran hält, wird disqualifiziert. Roger Federer betritt den Platz schon mal gerne im weißen Zweiteiler im Vintage-Look.     

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So sehen es die Briten gerne: Ganz in Weiß, wie hier Novak Djokovic.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es mutet ein wenig paradox an, dass gerade Wimbledon von allen Tennisturnieren die meisten Zuschauer in seinen Bann zieht: Während bei den French Open auf Sandbelag Kraft, Schweiß und Kampf das Spiel bestimmen und in Australien und New York der Gummibelag das übrige tut, das Spiel zu beschleunigen, dauert in "Boris Beckers Wohnzimmer" ein Ballwechsel im Schnitt gerade mal drei Sekunden. Offenbar ist es doch die besondere Atmosphäre, die den Mythos Wimbledon auszeichnet. Während die Australian Open zu einer Partyveranstaltung für feierwütige Backpacker aus Europa verkommen, ist es im Südwesten Londons während der Matches so still, dass man die Grashalme knicken hören kann. Das vornehme Event hat natürlich seinen Preis: Mehrere hundert Euro muss der Zuschauer hinlegen, um ein Spiel vor Ort zu sehen. Umso erstaunlicher, dass das Kassenhäuschen in der Church Road alljährlich von einem großen "Sold Out"-Schild geziert wird.

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28 Tonnen Erdbeeren werden bei einem Turnier verzehrt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wie Bekleidungskodex, Verhaltensregeln und Erdbeeren gehört eigentlich auch das englische Wetter zu Wimbledon wie der Big Ben nach London. Doch diesbezüglich rückten die Organisatoren erstmals von ihren Grundsätzen ab und bauten vor zwei Jahren ein Dach über den Centercourt, den Hauptplatz der Anlage. Damit hat auch der Regenschirm ausgedient, der früher für jeden Pilger zur Grundausstattung gehörte. Hoffen wir, dass es bei diesen Entbehrungen bleibt und die Deluxeversion aller Tennisturniere den Krallen des Sportmarketings weiterhin entkommen kann.

Quelle: ntv.de

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