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Siegt "Mama" oder Debütantin? Zwei Deutsche stehlen Stars in Wimbledon die Show

Größer könnten die Unterschiede kaum sein: Auf der einen Seite die junge Debütantin, auf der anderen Seite die zwölf Jahre ältere zweifache Mutter. Doch sowohl Jule Niemeier als auch Tatjana Maria spielen sich in Wimbledon eindrucksvoll ins Viertelfinale. Ihr Duell sehen sie positiv.

Das Comeback von Serena Williams scheiterte im ersten Spiel, selbst die schier überirdische Dominanz der Weltranglisten-Ersten Iga Świątek ist nach 37 Siegen in Folge gebrochen. Auch die bekannteste Deutsche, Angelique Kerber, ist schon in der dritten Runde rausgeflogen. Von den Top 15 der Wimbledon-Setzliste sind nur noch die Tunesierin Ons Jabeur sowie Paula Badosa aus Spanien im Turnier. Statt der bekannten Namen stehen sich zwei der Welt ziemlich unbekannte Deutsche im Viertelfinale gegenüber: Tatjana Maria und Jule Niemeier. Eine von ihnen wird im Halbfinale des legendärsten Tennisturniers der Welt spielen.

So richtig fassen kann das weder die 34-jährige Maria noch ihre zwölf Jahre jüngere Landsfrau. Niemeier ist eine Wimbledon-Debütantin, und Maria spielt zwar schon zum zehnten Mal in London, war bislang aber nie über die dritte Runde eines der weltweit größten Tennisturniere hinausgekommen. Ihr Duell kommt unerwartet, Wimbledon hat zweimal Boris Becker gegen Michael Stich und einmal Angelique Kerber gegen Sabine Lisicki gesehen, aber die waren da schon wer auf der Tour.

"Unglaublich, mit zwei Kindern zu reisen"

Anders als die beiden Deutschen, für die die englische Presse längst nicht nur Freundliches übrig hat. Maria liefere die "Story des Turniers", meinte die "Daily Mail" zwar wohlwollend, mischte aber zweifelhaftes Lob mit Verwunderung: "Es stellt sich heraus, dass doch noch eine ältere Mutter die Geschichte dieser Championships sein könnte." Eigentlich wäre diese Rolle ihrer früh gescheiterten Nachbarin in ihrer Wahlheimat, Serena Williams, zugedacht gewesen. Nun erzählt Maria auf Deutsch, Englisch und Französisch immer wieder die Geschichte ihres reisenden Tennis-Familienbetriebs mit Ehemann und Trainer Charles-Edouard sowie den zwei Töchtern. "Ich ziehe wirklich meinen Hut davor, wie sie das machen als Familie", schwärmte Niemeier. "Ich finde es unglaublich, mit zwei Kindern zu reisen."

Bei Maria gibt es keinen Artikel - ja, auch diesen nicht - der nicht bewundernd hervorhebt, dass die 34-Jährige erst im April 2021 ihre zweite Tochter Cecilia zur Welt gebracht hat und längst andere Prioritäten setzt, als nur Tennis-Profi zu sein. Ihre achtjährige Tochter Charlotte spielt selbst Tennis, das Training ruht auch während Wimbledon nicht. Jeden Morgen um 8.30 Uhr ist es so weit. Erst danach starten Marias Tag und damit die Vorbereitung auf das (bislang) wichtigste Match ihres Lebens.

"Absolute Top-20-Spielerin"

Über ihre Gegnerin, die junge Dortmunderin Niemeier, schrieb der "Telegraph", sie sei eine "unfassbare Spielerin, von der man sich irgendwie vorstellen kann, dass sie auf dem Münchner Oktoberfest einen Bierkrug hält". Der Schmerz über das Aus der Lokalheldin Heather Watson, die Niemeier 6:2, 6:4 vom 100 Jahre alten Centre Court geschossen hatte, mag dabei eine Rolle gespielt haben. Doch sie sollten sich im Londoner Südwesten an Niemeier gewöhnen, denn wie der "Guardian" feststellte, passt das Spiel der 22-Jährigen perfekt zum schnellen Rasen. Das musste vor Watson auch die an Nummer zwei gesetzte Anett Kontaveit miterleben, die Niemeier glatt mit 6:4, 6:0 vom Platz gefegt hatte. "Harte Aufschläge, viele unterschnittene und tiefe Bälle, Stopps, immer wieder vor ans Netz gehen, das liegt mir einfach", erklärte Niemeier.

"Spielerisch ist sie für mich eine absolute Top-20-Spielerin", sagte Andrea Petkovic der "Süddeutschen Zeitung" über Niemeier, "das weiß sie, das sage ich ihr jeden Tag sieben bis achtmal". Denn die Zahlen drücken es (noch) nicht aus. Die 22-Jährige steht auf Platz 108 der Weltrangliste, daran wird sich akut nichts ändern, weil die WTA in Folge der Sanktionen gegen russische und belarussische Athletinnen und Athleten in diesem Jahr keine Weltranglistenpunkte in Wimbledon vergibt.

"Nur positive Sachen"

Nun also das Duell: "Wir spielen oft gegen Leute, die wir mögen", sagte sie über Niemeier vor der Partie am Dienstag. "Ich glaube, wir kriegen das beide gut hin, dass wir rausgehen, unser bestes Tennis spielen, und danach ist alles wieder in Ordnung." Und auch Niemeier verschwendete keinen Gedanken an die außergewöhnliche Konkurrenzsituation. Sie freue sich "extrem", dass auf jeden Fall eine Deutsche im Halbfinale stehe: "Für mich hat das nur positive Sachen."

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Eine klare Favoritin gibt es in dem Match ums Halbfinale nicht. "Am Ende wird es ein enges Match mit ganz offenem Ausgang", sagte Barbara Rittner der Deutschen Presse-Agentur. "Spielerisch sehe ich Jule einen Tick vorne, weil sie einen noch stärkeren Aufschlag hat und in der Lage ist, Tatjana ihr Spiel mehr aufzuzwängen", sagte Rittner. Andererseits sei dies auch bei der unterlegenen Lettin Jelena Ostapeno im Achtelfinale der Fall gewesen, gegen die Maria zwei Matchbälle abgewehrt hatte. "Tatjana hat oft genug eindrucksvoll gezeigt, dass sie über sich hinauswächst. Sie wird alles tun, um es Jule so schwer wie möglich zu machen."

Es wird darum gehen, wer die besseren Nerven hat, verbissen und vom Erfolg besessen sind sie beide nicht: Die erfahrene Taktikerin Maria oder Niemeier, die es nach Regensburg verschlagen hat, deren Herz aber noch in der Heimat ist - vor allem bei ihrem BVB. Der gratuliert regelmäßig, und auch für die Fußballstars der Schwarz-Gelben ist Niemeier mittlerweile ein Begriff. "Ich habe tatsächlich eine Nachricht von Nico Schlotterbeck erhalten", erzählte Niemeier - und Mats Hummels habe sie in einer Insta-Story erwähnt. Das schmeichelt dann selbst ihr. "Ich hätte vor dem Turnier nicht damit gerechnet, dass ich hier sitze und so viele Leute meinen Namen kennen."

Quelle: ntv.de, ara/sid/dpa

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