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Aberwitziger Handball-Thriller Zwei Dummheiten, ein Drama, viele Tränen

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Ali Zein, der unglücklichste Ägypter an einem unglaublichen Handball-Abend.

(Foto: picture alliance/dpa/Pool Reuters/AP)

Das WM-Viertelfinale zwischen Dänemark und Ägypten wird zu einem der spektakulärsten, wahnwitzigsten, außergewöhnlichsten Spiele der Handball-Geschichte. Am Ende jubelt der Favorit, weil sich der Außenseiter in der letzten Sekunde durch eine Torheit selbst um die Sensation bringt.

Es ist nicht möglich, ein solches Handballspiel in wenigen Sätzen zu beschreiben. Es gab zu viele Irrungen, Wirrungen und Wendungen, sodass man immer nur einen Teil der Geschehnisse wiedergeben kann. Trotzdem taugt Ali Zein und seine Auszeichnung zum besten Spieler eines aberwitzigen Duells, um die Absurdität des Viertelfinals der Weltmeisterschaft zwischen Ausrichter Ägypten und Titelverteidiger Dänemark zu beschreiben.

Zein, der Rückraumspieler der Ägypter, bekam eine Urkunde als "Bester Spieler" für seine starke Leistung überreicht und wusste doch nicht, wohin er mit seiner Trauer sollte. Der hünenhafte Lockenkopf weinte, er zog sich immer wieder das Trikot übers Gesicht, er wollte der Situation, er wollte dieser Halle entfliehen - und sollte doch stolz auf die eigene Leistung sein. Es funktionierte aber nicht, denn Zein hatte den entscheidenden Siebenmeter in einer Partie verworfen, die zu den dramatischsten in der Geschichte des Handballs zählt.

Dänemark gewann am Ende 39:38 nach Siebenmeterwerfen, in den beiden Verlängerungen gaben zunächst die Dänen, später die Ägypter wegen Aussetzern einzelner den sicher geglaubten Sieg aus der Hand. Ganz zum Schluss entschied das Glück - und der Fehlwurf von Zein -, dass die märchenhafte Reise der Ägypter bei der WM im eigenen Land ein Ende fand.

"So etwas noch nie erlebt"

"Ich dachte, wir sind schon raus, doch dann haben wir noch einmal eine Chance bekommen", sagte Niklas Landin. Der Weltklasse-Keeper der Dänen hatte Zeins Wurf aus sieben Metern entschärft, war aber verwundert, dass es überhaupt so weit gekommen war. In der zweiten Verlängerung führten die Ägypter 35:34, es waren nur noch wenige Sekunden zu spielen und die Dänen hatten einen Freiwurf. Die Chance, dass der den Weg ins Tor finden würde, war minimal gering, aber Ismail El-Masry spielten die Nerven einen Streich. Er behinderte den Schützen Mathias Gidsel derart, dass den Schiedsrichtern aus Nordmazedonien keine Wahl blieb, als regelkonform El-Masry die Rote Karte zu zeigen und den Dänen einen Siebenmeter zuzusprechen: Magnus Landin traf in letzter Sekunde zum 35:35.

Am Ende der ersten Verlängerung gab es eine ähnliche Situation auf der anderen Seite. Dänemark führte mit einem Treffer Vorsprung, war in Ballbesitz, sieben Sekunden vor dem Ende waren die Dänen dem Sieg nahe, als Mikkel Hansen das Spielgerät in Richtung der Tribüne warf, nachdem die Schiedsrichter auf Spielverzögerung entschieden und deshalb abgepfiffen hatte. Das Regelwerk sieht für so etwas in den finalen 30 Sekunden eine Rote Karte und einen Siebenmeter für den Gegner vor. Mikkel Hansen, der geniale Spielmacher der Dänen, der zweifache Welthandballer des Jahres, hatte in einer wichtigen Situation die Nerven verloren. Mohammad Sanad traf vom Siebenmeterstrich zum 34:34, das Drama fand eine Fortsetzung. "Ich habe so etwas noch nie erlebt", sagte Niklas Landin, hochdekorierter Torhüter vom THW Kiel.

Auch in einer fast menschenleeren Halle können emotionale Ausnahme-Situationen zu Fehlleistungen einzelner Akteure führen, selbst die besten sind davor nicht gefeit. In der Kairo-Arena machte der Handball die bestmögliche Werbung in eigener Sache. Dessen war sich Roberto Parrondo bewusst, wenngleich der Trainer der Ägypter zunächst keine Freude darüber empfinden konnte.

Der Spanier hatte den WM-Gastgeber zu einem ernstzunehmenden Aspiranten auf die Medaillenrunde gemacht. Parrondo formte eine Mannschaft, die den Weltmeister an den Rand einer Niederlage brachte. Der 41-Jährige gewann mit RK Vardar Skopje 2019 die Champions League, obwohl der nordmazedonische Klub zu diesem Zeitpunkt schon in Auflösung begriffen war, weil der Mäzen seinen Rückzug angekündigt hatte. Danach erlag er dem Lockruf des ägyptischen Verbandes und entwickelt seither eine Mannschaft weiter, die bei den Weltmeisterschaften zuletzt keine große Rolle gespielt hatte. Bei der WM vor zwei Jahren in Deutschland und Dänemark reichte es immerhin zum achten Rang, 2017 (13.), 2015 (14.) und 2013 (16.) waren die Ägypter weit davon entfernt, ein ernsthafter Konkurrent für die besten europäischen Nationen zu sein. Die Nordafrikaner waren ein Spielball der Topteams.

Mehr als Mentalität

Das hat sich geändert, obwohl der Ausrichter in seinen Partien nicht von 16.000 fanatischen Landsleuten nach vorne gepeitscht wurde. In der gigantischen Kairo-Arena sind wegen der Corona-Pandemie keine Zuschauer zugelassen, sodass die Anfeuerungsrufe einiger Volunteers als verbale Unterstützung reichen müssen. Es ist den Spielern allerdings gelungen, aus sich selbst heraus die Emotionen zu entfachen, die sie durch das Turnier trugen.

Für den Erfolg bislang ist die Mentalität der Nordafrikaner aber nicht die Erklärung. Parrondo hat der Mannschaft darüber hinaus einen klaren Spielauftrag an die Hand gegeben. Körperlich sind die Ägypter den Teams aus Europa mindestens ebenbürtig, alle Rückraumspieler entwickeln eine bemerkenswerte Wucht. Im Zusammenspiel macht sich bemerkbar, dass der Trainer seine Auswahl trotz der Pandemie in den zurückliegenden Monaten intensiv vorbereiten könnte. Die Ägypter waren bereit für die WM im eigenen Land. Jetzt fühlen sie sich bereit für das nächste Großereignis in ein paar Monaten.

"Ich glaube an uns", sagte Mohammad Sanad. Der Rechtsaußen hatte sich nach dem dramatischen Spiel schneller als die Kollegen wieder gesammelt: "Wir werden uns gut auf die Olympischen Spiele vorbereiten." In Tokio ist Ägypten kein Außenseiter mehr, er ist ein ernstzunehmender Konkurrent für die großen Mannschaften aus Europa.

Quelle: ntv.de