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Kretzsche analysiert die WM "Das ist kein Hosenscheißer-Handball"

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Stefan Kretzschmar sieht für die bei der WM früh gescheiterte DHB-Auswahl große Chancen in der Zukunft.

(Foto: imago images/Andreas Gora)

Bescheidenes Ergebnis, aber glänzende Perspektiven. Nach dem vorzeitigen WM-Aus der deutschen Handballer macht sich Stefan Kretzschmar im Gespräch mit ntv.de seine Gedanken über den Auftritt des Teams in Ägypten. Um die Zukunft der Nationalmannschaft aber ist dem ehemaligen Weltklasse-Linksaußen nicht bang.

ntv.de: Die deutschen Handballer sind vor ihrem abschließenden WM-Spiel gegen Polen (heute Abend, 20.30 Uhr) bereits ausgeschieden. Ein enttäuschendes Ergebnis, oder?

Stefan Kretzschmar: Klar, die Mannschaft hat ihr Ziel, die K.o.-Runde zu erreichen, verpasst. Das Viertelfinale war das Minimalziel. Das ist auf den ersten Blick zu wenig. Aber mit Ungarn und Spanien standen der DHB-Auswahl zwei Mannschaften im Weg, die mindestens ebenbürtig waren. Und im erweiterten Kreis der Weltspitze entscheiden dann halt Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage. Beide Gegner waren schlagbar, positiv aber stimmt mich, dass diese deutsche Mannschaft nahe daran war, die Spiele zu gewinnen. Das hatte man so nicht unbedingt erwartet.

Weil zahlreiche Absagen und Verletzungen den Kader im Vorfeld geschwächt hatten?

Die Erwartungshaltung im Vorfeld der WM war schon gering. Große Ziele zu formulieren, wäre dieser Mannschaft nicht gerecht geworden. Und wenn man dann sieht, wie die Spiele gelaufen sind, lässt einen das zwiespältig zurück. Einerseits ärgerte es einen, dass das Viertelfinale verpasst wurde, andererseits hat die deutsche Auswahl - zumindest aus der Sicht von Handball-Fachleuten - Fortschritte gemacht und Spaß bereitet.

Vor allem im Angriff ist das Spiel variabler geworden.

Zum einen ist deutlich mehr Struktur in der Mannschaft. Und zum anderen hat das Team jene Mentalität, erst einmal nicht verlieren zu wollen, längst abgelegt. In der Vergangenheit hat die DHB-Auswahl oft sehr ängstlich agiert, in der ersten Sieben aber, die sich bei dieser WM klar herauskristallisiert hat, übernahm jeder Verantwortung. Da ist mittlerweile eine große Sicherheit zu sehen. Das ist kein Hosenscheißer-Handball.

Ist das die Handschrift von Trainer Alfred Gislason?

Das ist zumindest die Wirkung dieses Bundestrainers. Er geht mit großer Autorität voran und vermittelt seinen Spielern diese Sicherheit. Gislason ist eine absolute Respektsperson, die von jedem seiner Spieler bedingungslos anerkannt wird. Er ist der Vater dieser Mannschaft.

Das Team folgt ihm also?

Zumindest die erste Sieben. Alfred spielt weitgehend mit seiner ersten Sieben, der er vertraut, durch. Das hat er schon zu Vereinszeiten selten anders gehandhabt. Das ist angesichts des großen Kaders möglicherweise ein Ansatz zur Kritik, wenn selbst im bedeutungslosen Spiel gegen Brasilien Marian Michalczik oder Juri Knorr - beides große Talente auf der Spielmacherposition - keine Einsatzzeiten bekommen.

Sie hätten Spielpraxis auf höchstem Niveau sammeln können.

Gislason wollte es wohl nicht riskieren, ein Spiel, das die Mannschaft im Griff hatte, noch einmal herzugeben. Neben der Entwicklung der Mannschaft stehen eben auch Ergebnisse im Vordergrund. Handball ist ein Ergebnissport, und da wollte Gislason unbedingt liefern.

Dass diese Mannschaft Potenzial hat, sieht man vor allem beim Blick darauf, welche Spieler nicht dabei waren und schon bald zurückkehren werden.

Das sehe ich auch so. Bei der WM durfte das kein Thema sein, in der Analyse aber schon. Natürlich wird diese Mannschaft deutlich stärker, wenn in der Abwehr wieder der Kieler Mittelblock mit Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek steht. Aber Johannes Golla hat das in der Defensive und am Kreis in Ägypten so hervorragend gemacht. Er gehört zu den absoluten Gewinnern dieser WM. Der ist vorerst aus dem Team nicht mehr wegzudenken. Wiencek wird es künftig schwer haben. Und wenn man sieht, mit welchem Teamgeist und mit welcher Stimmung und Motivation die Auswahl aufgetreten ist, hat das trotz allem richtig Eindruck gemacht.

Aber nach dieser WM werden die Karten neu gemischt.

Das wird spannend zu beobachten sein. Diese WM hat uns allen vor Augen geführt, welche Talente da noch schlummern. Das war gut so. Hier konnten sich Spieler wie Kai Häfner oder Philip Weber beweisen, die bislang noch nicht so sehr in Erscheinung getreten waren, weil sie das uneingeschränkte Vertrauen des Bundestrainers genossen.

Kritik hatte sich an Kapitän Uwe Gensheimer und dessen Leistung entzündet. Zurecht?

Ich finde die Kritik an Uwe übertrieben und zum Teil respektlos angesichts dessen, was er seit Jahren für den deutschen Handball leistet. Weniger gute Leistungen ließe man anderen Spielern sehr oft durchgehen, bei Uwe gelten da offensichtlich andere Maßstäbe. Er hat die Messlatte für Linksaußen extrem hoch gelegt, er ist ohne Zweifel der beste Linksaußen der Welt. Deswegen erwartet man von ihm stets besondere Dinge. Zudem brauchst du im Misserfolgsfall einen Sündenbock. Das war jahrelang Ex-Bundestrainer Christian Prokop, der für alles verantwortlich gemacht wurde. Und jetzt ist es Uwe Gensheimer. Das ist nicht korrekt.

Im Interview hatte Gensheimer moniert, dass der Rechtsaußen mehr Bälle bekommt als der Linksaußen.

Das entspricht ja auch der Wahrheit. Ich hätte meinen Halblinken damals zur Sau gemacht, wenn der mir im Spiel nur zwei Mal den Ball gegeben hätte. Dem hätte ich die Meinung gesagt. Pommes (Pascal Hens, Anm. der Red.) kann wahrscheinlich ein Lied davon singen. Da wird mit Uwe nicht fair umgegangen.

Aber was war mit Torhüter Andreas Wolff los? Das war nicht seine WM.

Wolff ist ein Keeper, der sich selbst immer extrem unter Druck setzt. Der ist extrem ehrgeizig. Er fand zu keiner Zeit in dieses Turnier. Im ersten Spiel saß er auf der Tribüne, das zweite fand gar nicht statt. Und als es gegen die Ungarn ernst wurde, war er nicht in Form. Hinzu kamen diese unglücklichen Äußerungen im Rahmen eines launigen Podcasts vor der WM, als er sich negativ zu den Spielern äußerte, die coronabedingt auf eine Teilnahme verzichtet hatten. Von da an stand er in der Schusslinie und wurde besonders beäugt. Wir alle wissen, dass er ein deutlich besserer Torwart sein kann.

Können Sie das nachvollziehen, dass Spieler auf eine WM verzichten?

In der aktuellen Lage gibt es keine normalen Maßstäbe, nach denen man Entscheidungen trifft. Der DHB hatte es seinen Spielern freigestellt, zu dieser WM zu fahren. Und wenn dann Familienväter der Meinung sind, dass sie diesmal - aus unterschiedlichsten Gründen - nicht mitfahren sollten, dann muss man das so akzeptieren. Schade ist es, weil man natürlich immer mit der bestmöglichen Mannschaft zum Turnier reisen möchte.

Wären Sie gefahren?

Hochwahrscheinlich ja, aber es steht mir nicht zu, über die Entscheidungen anderer zu urteilen.

Wie stehen Sie grundsätzlich zu dieser WM? War dieses Turnier notwendig?

Notwendig ist das falsche Wort. Eine moralische Diskussion zu diesem Thema wirst du nicht gewinnen können, weil es in dieser Pandemie vielen Leuten extrem schlecht geht und eine Handball-WM nicht erste Priorität genießt. Aber wenn wir uns in diesen Zeiten Schritt für Schritt in die Normalität zurückkämpfen wollen, können wir mit Hygienekonzepten und klugen Lösungen zeigen, wie man trotz des Virus oder auch mit dem Virus das Leben wieder lebbarer machen kann. Das Konzept dieser WM jedenfalls war für mich schlüssig. Die Ägypter haben das mit einigen Schwächen zu Beginn sehr konsequent und sehr diszipliniert durchgezogen.

Der Ägyptische Präsident wurde von der Blase ausgeschlossen, weil er sie nur einmal kurz verlassen hatte.

Sehr korrekt. Oder nehmen sie nur die beiden Spieler Andy Schmid (Schweiz) und Luc Abalo, die wegen der Dopingkontrolle ihren Mannschaftsbus verpassten und dann mit einem Shuttle zum Hotel gebracht wurden. Auf dem Weg zurück mussten beide dringend pinkeln, aber der Fahrer und der mitfahrende Corona-Sheriff verweigerten den Stopp. Schmid und Abalo mussten in mitgebrachte Flaschen urinieren. Das ist kurios, aber eben auch sehr konsequent. Insofern könnte diese WM eine Blaupause für künftige Sportevents sein. Letztlich ist es doch klüger, mit konstruktiven Lösungen und durchdachten Strategien als mit Verboten zu arbeiten.

Werden wir am Ende noch einmal sportlich. Wer wird Weltmeister?

Ich tippe auf Norwegen.

Mit Stefan Kretzschmar sprach Arnulf Beckmann.

Quelle: ntv.de