Formel1

Kann Audi der Retter sein?Ralf Schumacher fällt vernichtendes Urteil über Motorsport-Deutschland

03.03.2026, 10:11 Uhr
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Ralf Schumacher hat eine sehr klare Meinung zur Situation des Motorsports in Deutschland.

Die Formel 1 war in Deutschland mal eine ganz große Nummer. Lange ist das her. Für Ralf Schumacher wurden strategische Fehler gemacht, die die Königsklasse aus dem Rampenlicht gedrängt haben. Nun stürzt sich Audi ins Abenteuer.

Auf dem Yarra River im Herzen von Melbourne legt Audi vor seiner Formel-1-Premiere als Werksteam einen Anker. Der deutsche Hersteller verwandelt ein Restaurantschiff während seines ersten Grand-Prix-Wochenendes in ein Hauptquartier für Fans. Audi will andocken, der milliardenschwere Auftritt in der Motorsport-Königsklasse soll dauerhaft in Erinnerung bleiben und Erfolg bringen. "Wir waren schon immer bereit", lautet einer der Slogans, mit dem der Rennstall vor Ort für wirbt.

Die Regelzäsur in der Formel 1 mit neuen Motoren und neuen Autos erschien Audi als perfekter Zeitpunkt für den intern umstrittenen Einstieg. Fast die gesamte Branche ächzt und ausgerechnet jetzt soll viel Geld investiert werden? "Dass eine große Marke dahintersteht, heißt nicht, dass alles klappt, aber die Voraussetzungen sind vorhanden, um schnellstmöglich konkurrenzfähig zu sein", meinte Nico Hülkenberg, neben dem Brasilianer Gabriel Bortoleto Stammpilot bei Audi und nebenbei eine Rarität.

Auch 2026 kein deutscher Grand Prix

Denn der Deutsche ist der letzte Stammpilot aus einem Land, das von der mittlerweile ächzenden PS-Branche stolz als Autoland - wenn auch nicht unbedingt Motorsportland - tituliert wurde und in Michael Schumacher, Sebastian Vettel sowie Nico Rosberg Weltmeister hervorgebracht hat. Hülkenberg, der auch schon mal komplett aus der Formel 1 draußen war, habe "auf seine Art und Weise eine beeindruckende Karriere hingelegt", lobte Ralf Schumacher, sechsmaliger Grand-Prix-Gewinner und Bruder des Rekordweltmeisters, "immer wieder zurückzukommen und dann auch die meiste Zeit abzuliefern. Das ist schon toll."

Wenn Hülkenberg ein Stehaufmännchen ist, kann dann Deutschland aus Formel-1-Sicht zum Stehaufländchen werden? Denn auch wenn in Mercedes und Audi zwei deutsche Rennställe am Start sind, in Hülkenberg wenigstens noch ein deutscher Fahrer: Einen Grand Prix in Deutschland gab es letztmals 2020 auf dem Nürburgring, das war aber auch nur eine Ersatzveranstaltung wegen der Corona-Pandemie. Die Antrittsgebühr in zweistelliger Millionenhöhe ist Nürburg- und Hockenheimring zu hoch, in anderen Ländern hilft auch gerne mal der Staat aus.

Sky konnte zwar ein wachsendes Zuschauerinteresse zum Ende der vergangenen Saison registrieren und profitierte vom bis zum Schluss spannenden WM-Kampf. Doch von der Begeisterung früherer Jahre, als zu Zeiten von Michael Schumacher mehr als zehn Millionen Deutsche den Fahrten im Free-TV zuschauten, ist nur wenig übrig geblieben.

15 Millionen Euro für den Weg nach oben

"Der deutsche Motorsport hat sich selbst abgeschafft", fällte Schumacher, der für Sky als Experte arbeitet, ein vernichtendes Urteil. Das habe bei den Kartbahnen angefangen, die sich mit gestiegenen Energiekosten und strengeren Umweltschutzvorgaben konfrontiert sahen. Und genau dort haben nicht nur die Schumachers gelernt, was für ihren Aufstieg nötig war. Für den Weg von unten nach ganz oben, also in die Formel 1, müsse man rund 15 Millionen Euro veranschlagen, rechnete Ralf Schumacher vor. Wer soll sich so etwas leisten können?

Zuletzt verabschiedete sich Tim Tramnitz von seinem Formel-1-Traum. Dem früher von Red Bull unterstützten Talent aus Hamburg ging das Geld aus. Die Zukunft des bisherigen Formel-3-Piloten liegt in der GT-Serie bei BMW. "Ohne die professionelle und finanzielle Unterstützung eines Herstellers zu einem frühen Punkt in der Karriere ist der Sprung in die Formel 1 kaum noch zu stemmen. Dass Fahrer aus vermögenden Verhältnissen über ihr privates Budget in die Formel 1 kommen, ist historisch nichts Neues, sollte aber weiterhin die absolute Ausnahme bleiben", sagte ADAC-Sportpräsident Gerd Ennser.

"Strategisch großer Fehler"

Neben den Kartbahnen machte Schumacher einen Kardinalfehler aus. "Leider hat Deutschland mit dem Verkauf der Formel-3-Namensrechte vor vielen Jahren an die FIA den Motorsport in Deutschland belanglos gemacht. Das war ein strategisch großer Fehler", kritisierte er. "Damals gingen noch alle Größen, ob Sebastian Vettel oder Lewis Hamilton, bei uns den Weg über die Formel 3 in Richtung Formel 1. Mittlerweile ist die Formel 3 vereinheitlicht und fährt im Rahmen der Formel 1, früher war das bei der DTM der Fall."

Was sollte also passieren? "Zuerst müssten sich speziell die automobil- oder motorsportnahen Konzerne zusammentun und Sportstätten fördern, damit wir wieder Kartbahnen haben und so auch wieder international interessanter werden", sagte Schumacher und forderte einen Neustart: "Politik, Verbände, Industrie, Sponsoren und die Medien müssten alle mal ein Reset vornehmen, da ist in den letzten Jahren leider aus wirtschaftlichen und teils ideologischen Gründen oder auch Kompetenzthemen viel falsch gelaufen."

Wie sehr strahlen Großevents?

Die Situation in der Formel 1 sei aus deutscher Sicht "derzeit nicht zufriedenstellend", räumte Ennser ein. Man sehe aber in der Gesellschaft "gerade bei den Jüngeren eine Affinität für den Motorsport, und ich bin mir sicher, dass man es schaffen kann, daraus einen Boom zu entfachen".

Wenn Deutschland wieder ein Formel-1-Rennen ausrichten wolle, brauche "es politisches Bewusstsein für die enorme nationale wie internationale Strahlkraft großer Sportevents - und den entsprechenden Rückhalt. Im Rahmen der Bewerbung um die Olympischen Spiele scheint es ein Einsehen über die positiven Effekte solcher Events für Gesellschaft und Wirtschaft zu geben", meinte Ennser, der jahrelange Erfahrung als Formel-1-Rennkommissar hat.

Gesucht: Vorbilder zum Nacheifern

Das Anliegen des ADAC sei es, "Industrie und Politik an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam die Rückkehr der Königsklasse zu ermöglichen. Entscheidend für einen Boom sind auch deutsche Fahrer, die Fans begeistern und Identifikation schaffen."

In der Formel 1 ist nur Hülkenberg übrig geblieben, der beim Start in Melbourne aber auch schon 38 ist. Und in der Formel 2 gibt es Oliver Goethe (21, MP Motorsport), Sohn eines Deutschen und einer Dänin. Der gebürtige Brite wurde 2025 aber nur 15. in der Fahrerwertung.

Vielleicht muss man auf Pilotenseite noch geduldiger sein. Ennser und sein Vorgänger Hermann Tomczyk, Vorsitzender der ADAC Stiftung Sport, verweisen exemplarisch auf den erst elfjährigen Devin Titz. Der junge Kartfahrer wurde kürzlich in das Juniorprogramm des Formel-1-Teams Mercedes aufgenommen.

Talente im Motorsport-Team Germany

Titz gehört genauso wie Goethe zum Motorsport-Team Germany, dem gemeinsamen Förderprogramm der ADAC-Stiftung Sport und des Deutschen Motor-Sport-Bundes (DMSB). Die größten Talente haben dabei Aussicht auf Unterstützung durch die Hersteller Audi, BMW, Mercedes, Porsche und Toyota.

"In unserer aktuellen Kaderauswahl des Motorsport-Team Germany befinden sich äußerst talentierte Kart- sowie Formel-4-Nachwuchssportler deren Ziel natürlich die Formel 1 ist, auch wenn der Weg dorthin noch weit sein dürfte", sagte Tomczyk und meinte mit Blick auf die Förderung von Titz: "Wenn im deutschen Motorsport zusammengearbeitet wird, ist vieles möglich." Wie viel tatsächlich, das muss die Zeit zeigen.

Quelle: ntv.de, Martin Moravec, dpa

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