Fußball-EM

Löws Aufstellung gegen Italien Der Magier hat sich verzockt

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Joachim Löw, unterlegen.

(Foto: dpa)

Die Niederlage der deutschen Fußballer gegen Italien bei der EM ist auch eine Niederlage für Bundestrainer Joachim Löw. Die bitterste seiner Amtszeit. Denn der Taktiker verschätzt sich. Und wagt mit Toni Kroos einen neuen Schachzug, der zum Erfolg führt. Dafür bedankt sich jedoch nur der Trainer des Gegners.

Wahrscheinlich hat er es gar nicht so fies gemeint. Es klang aber schon ein wenig durch, zumindest beim zweiten Hinhören. Was er denn davon halte, dass der Kollege Joachim Löw seine Startelf wieder verändert habe und mit Mario Gomez, Lukas Podolski und Toni Kroos drei Spieler aufgestellt habe, die im Viertelfinale nicht von Beginn an dabei waren. Und Cesare Prandelli, Trainer der italienischen Fußballer, sagte: "Aus meiner Sicht kann ich ihm nur dazu gratulieren."

Vor dem Hintergrund, dass seine Mannschaft gerade in Warschau das Halbfinale der Europameisterschaft gegen die deutsche mit 2:1 gewonnen hatte und dabei weitaus überlegener war, als es das Ergebnis aussagt, war das zumindest zweideutig. Weil alle wussten, dass das, was der Bundestrainer sich ausgedacht, so nicht funktioniert hatte. Zum ersten Mal bei diesem Turnier. Ausgerechnet im Halbfinale hat Joachim Löw sich verzockt. Das wollte der zwar hinterher nicht zugeben, räumte aber ein, dass nicht alles nach Plan lief. Wie auch, wenn seine Mannschaft nach 37 Minuten 0:2 in Rückstand liegt?

Bittere Sache mit Toni Kroos

Das betraf nicht in erster Linie die Entscheidung, Lukas Podolski auf der linken Seite im Mittelfeld einzusetzen, statt, wie im Viertelfinale beim 4:2 gegen Griechenland, auf André Schürrle zu setzen. Podolski hatte auch in den drei Gruppenpartien von Beginn an gespielt - und das durchaus ordentlich. Dass er gegen die Italiener überhaupt nicht in Tritt kam und diese Begegnung völlig an ihm vorbeilief, kann niemand seinem Trainer vorwerfen. Auch Mario Gomez im Sturm spielen zu lassen, erschien kaum einem Beobachter als völlig absurd. Immerhin war und ist der Münchner mit drei Treffern bei dieser EM der beste Torschütze seiner Mannschaft. Gegen die Squadra Azzurra blieb er allerdings wirkungslos. Beide Personalien korrigierte Joachim Löw in der Pause, schickte Marko Reus und Miroslav Klose auf den Rasen. Zu spät.

Nein, was diese Niederlage für den Bundestrainer zu der bittersten seiner nun sechs Jahre währenden Amtszeit macht, ist neben der Tatsache, dass nun die anderen gegen Spanien den Titel ausspielen, das Ding mit Toni Kroos. Denn Joachim Löw, der zuletzt bei Personalentscheidungen ein nahezu magisches Händchen zu besitzen schien, hat sich mit seiner mehr als sonst auf die Stärken des Gegners ausgerichteten Taktik schlichtweg verzockt. Manager Oliver Bierhoff wurde da schon deutlicher: "Es ist bitter, auch ärgerlich. Man plant so etwas zwei Jahre, denkt sich tausend Sachen aus, man plant das Detail - und dann erscheint es in so einem Moment nutzlos."

Beide Tore über rechts

Joachim Löw wollte den Münchner auf dem Platz haben, damit der gemeinsam mit Mesut Özil in der Mittelfeldzentrale die Kreise des italienischen Spielmachers Andrea Pirlo stört. Ein Fehlgriff mit Folgen. Auch wenn Özil gerade in der Anfangsphase des Spiels häufig auf der rechten Seite aushalf, blieb diese die Schwachstelle im deutschen Spiel. Und Özil fehlte in der Mitte und konnte das Spiel nicht dirigieren. Kroos indes konnte dort gegen Pirlo und seine Kollegen Daniele de Rossi, Riccardo Montolivo und Claudio Marchisio herzlich wenig ausrichten. Dafür fehlte er auf der häufig leeren rechten Seite, über die der Gegner dann beide Tore vorbereitete.

So gesehen ging das Experiment mit Toni Kroos gleich doppelt und dreifach schief. Oder wie Joachim Löw sagte: "Im Nachhinein hätten wir dieses oder jenes auch anders machen können." Und auch, wenn eine Niederlage stets mehr als einen Grund hat - was bleibt ist die Erkenntnis, dass etwas, was ein paar Mal funktioniert hat, nämlich überraschende Wechsel in der Anfangsformation, deswegen nicht automatisch immer funktionieren muss. Und dass Erfolg im Fußball nicht planbar ist. Auch nicht für Joachim Löw.

Quelle: ntv.de