Fußball-EM

Europameisterschaft ist kein Discofox Löws Jungs zahlen, die Kerle räumen ab

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Die Luft ist raus.

(Foto: dpa)

Sie dachten, sie machen alles richtig, das EM-Finale ist ihr Ziel. Doch dann treffen Deutschlands beste Fußballer und ihr Vortänzer Joachim Löw in Warschau auf die Italiener, zahlen Lehrgeld, weil die schlicht noch besser sind, und verpassen so den großen Abschlussball in Kiew. Ein Drama wie auf dem Schulhof - zeigt die Einzelkritik.

Eine Szene auf dem Schulhof, der Zehntklässler und sein Schwarm aus dem Tanzkurs. Er hat Clerasil, seine Mutter ihm das Hemd gebügelt. Die Rose in der Hand, die Eisdiele im Sinn und Bügelfalten in der Jeans, glaubt er, ganz nah dran zu sein. Er macht doch alles richtig, beim Discofox läuft's rund, Abschlussball ist am Sonntag. Doch dann fährt der andere vor, Motorrad, schwarze Lederhose, den Helm überm Ellenbogen. Ein Lächeln aus Mitleid, ein kurzer Blick - und weg ist sie.

Mit ihm, dem anderen. Er ist älter, wohnt nicht mehr zu Hause, verdient in der Stadt sein eigenes Geld, womit, ist nicht ganz klar. Die Leute reden, ihm ist das egal. Er trinkt sein Bier aus der Flasche, er ist unrasiert, er ist lässig, er kriegt die Frau. Ein Klischee. Aber so ist es halt. Im richtigen Leben und erst recht im Fußball. Warschau, Donnerstagabend, Halbfinale der Europameisterschaft, Deutschland eins, Italien zwei. Oder: Wenn Jungs gegen Männer spielen. Szenen wie auf dem Schulhof. Die DFB-Elf in der Einzelkritik:

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Neuer in Orange brachte auch keine Wende.

(Foto: dpa)

Manuel Neuer: War bei allen sechs Gegentoren bei dieser Europameisterschaft machtlos, auch an den beiden in seinem 31. Länderspiel im Halbfinale gegen Italien. Es gibt Schlechteres, was sich über einen Torwächter sagen lässt. Und was sollte er auch gegen diesen Mario Balotelli machen? Da half auch sein orangerotes Trikot nicht. Das hätten seine Kollegen schon erledigen müssen, bevor es zum Äußersten kam. So aber konnte die unangefochtene deutsche Nummer eins das Aus nicht verhindern, nicht mit seinem mannhaften Flugkopfball im Mittelkreis kurz vor dem Ende der Partie, nicht mit seinem Ausflug in des Gegners Strafraum in der Nachspielzeit. Und auch nicht dadurch, dass er nach 70 Minuten zwei Sanitäter anpflaumte, weil die seiner Meinung nach nicht schnell genug mit ihrer Trage zum am Boden liegenden Mario Balotelli eilten. Der anschließend mit Krämpfen ausgewechselt wurde. Italiens Trainer Cesare Prandelli sagte hinterher: "Wie hätten in einer Verlängerung auch mit 2:5 verlieren können, so k.o. waren wir." Doch dazu kam es nicht. Ach ja: Der 27 Jahre alte Manuel Neuer war einer von sieben Münchner Bayern in der Startelf, die jetzt wenigstens nicht zum vierten Mal in dieser Saison nur Zweiter geworden sind. Diesmal haben sie es noch nicht einmal bis zum Abschlussball geschafft

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Boateng stürmt ganz gerne mit.

(Foto: dpa)

Jérome Boateng: War dieses Mal in der Offensive gar nicht so schlecht, bisweilen gar mutig, der 23-jährige Münchner brachte zum Beispiel mit einer verunglückten Flanke nach zwölf Minuten Italiens Torhüter Gianluigi Buffon in Verlegenheit, der, wie man hört, sein Geld nicht nur mit Bällehalten verdienen soll. Jérome Boatengs Lust am Angriff in seinem 25. Länderspiel ging allerdings ein wenig auf Kosten der Defensive, nicht ganz so günstig als rechter Außenverteidiger. Verlor zum Beispiel vor dem ersten Treffer der Italiener die Übersicht und ließ sich so locker ausspielen und hatte ansonsten vor allem mit dem abgezockten Stürmer Antonio Cassano so seine Probleme. Zumal das Zusammenspiel mit Toni Kroos nicht besonders gut klappte, was vor allem daran lag, dass der sich meist in der Mitte des Spielfeldes herumtrieb, um die Kreise des ebenso überragenden wie unrasierten Andrea Pirlo zu stören. Was dann auch nicht besonders gut funktionierte. Insgesamt aber hat er ein ordentliches Turnier gespielt. Nach 71 Minuten musste er Platz machen für seinen 22 Jahre alten Vereinskollegen Thomas Müller, der so zu seinem 32. Länderspiel kam. Eine Auswechslung, die vor allem der Tatsache geschuldet war, das die DFB-Elf mit 0:2 hinten lag. Und wenig brachte. Für Thomas Müller war diese Europameisterschaft wie schon die ganze Saison, nämlich schlichtweg frustrierend.

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Auch Hummels ist kein Übermensch - schade.

(Foto: AP)

Mats Hummels: Galt mit seinen 23 Jahren schon als der neue Franz Beckenbauer, lässig zuverlässig und elegant zugleich. Nach seiner 19. Partie für die DFB-Elf aber steht fest: Auch Mats Hummels macht Fehler. Dumm nur, dass sie ihm ausgerechnet im Halbfinale unterlaufen sind. Dabei fing gegen die abgezockten Italiener alles so gut an, nach fünf Minuten hätte er beinahe ganz nah vor dem Tor des Gegners die Führung erzielt. Doch dann ließ er sich eine Viertelstunde später vor dem ersten Tor der Blauen vom Flankengeber Antonio Cassano ausspielen wie ein Sextaner beim Männerfußball. Beging danach sein erstes Foul bei dieser EM - keine schlechte Bilanz für einen Innenverteidiger. Trotz allem bleibt der Dortmunder die Entdeckung des Turniers, das allerdings nun für ihn und seine Mannschaft zu Ende ist.

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Wär' alleine nach Hause: Badstuber.

(Foto: AP)

Holger Badstuber: Hatte wie der Kollege Hummels seine Mühe und Not mit den Stürmern Mario Balotelli und Antonio Cassano. Keine Frage: Im direkten Vergleich hätten die beiden Italiener an diesem Abend die Frauen abbekommen. Holger Badstuber, 25 Jahre alt, konnte in seinem 25. Länderspiel den Matchwinner beim Kopfballtreffer nicht stoppen, was allerdings auch verdammt schwer, wenn nicht gar unmöglich war. Das Blöde ist, dass der Münchner zwar ein wirklich Guter ist und auch in den ersten vier Begegnungen bei dieser Europameisterschaft mit zwar unauffälligen, aber souveränen Leistungen überzeugt hat, aber der letzte Eindruck immer der ist, der bleibt. Und der war nun eben nicht so gut. Auch wenn er nach 34 Minuten den Italiener Riccardo Montovolio gekonnt am Torschuss hinderte.

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Lahm war einen halben Schritt zu langsam.

(Foto: REUTERS)

Philipp Lahm: Um ein Haar hätte der Kapitän, der wieder das linke Glied in der Viererabwehrkette war, vier Minuten nach der Pause den Anschlusstreffer erzielt, und was wäre der für seine Mannschaft wichtig gewesen. Aber der 28 Jahre alte Münchner geriet in Rücklage und schlenzte den Ball in seinem 91. Länderspiel über das Tor. Und nicht wie gegen Griechenland hinein. Keine Überraschung für den, der weiß, dass Käpt'n Lahm nur alle zwei Jahre ein Tor schießt. Zuvor hatte er beim zweiten Tor der Italiener das Abseits aufgehoben, weil er einen halben Schritt zu spät kam. So aber hatte Super-Mario Balotelli freie Bahn. Und für Philipp Lahm bleibt die Erkenntnis, dass diese EM für ihn und sein Team letztlich nicht so gut gelaufen ist, wie sie sich das vorgestellt hatten.

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Khedira hat sein Mädchen schon abgestaubt.

(Foto: dpa)

Sami Khedira: Der 25-Jährige begann sein 32. Länderspiel sehr dynamisch, energisch und mit enormem Drang, den Ball nach vorne in die italienische Hälfte zu treiben. Höhepunkt war sein gewaltiger Schuss exakt eine Minute nach dem 2:0 der starken Squadra Azzurra, mit dem er Gianluigi Buffon zu einer respektablen Parade zwang. Ist bei dieser EM, auch weil der Kollege Schweinsteiger gesundheitsbedingt schwächelt, zum Chef im Mittelfeld aufgestiegen und von Natur aus eher der Typ, der mit dem Motorrad vorfährt. Das nicht nur, weil er bei Real Madrid spielt. War an diesem Donnerstagabend im ausverkauften Warschauer Nationalstadion zweikampfstark wie stets und der Spieler seines Teams, der am deutlichsten so etwas wie unbedingten Siegeswillen ausstrahlte. Allein: Geholfen hat es nichts.

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Die Schultern hängen durch bei Schweinsteiger.

(Foto: dpa)

Bastian Schweinsteiger: Die gute Nachricht ist: Der 28 Jahre alte Lazarus vom FC Bayern München kann nun endlich in Ruhe seine Verletzung am Sprunggelenk auskurieren, nachdem er die Blessur während des gesamten Turniers tapfer ertragen hat. Man könnte auch sagen: wie ein Mann. Auch wenn er sich zeitweise eher durchgeschleppt hat, anstatt seine Kollegen anzutreiben. Sein 95. Länderspiel war ebenso wie sein 94. beim 4:2-Sieg im Viertelfinale nicht sein bestes. Wirkte vor allem im zweiten Abschnitt mutlos, kraftlos und ließ - nicht nur im übertragenden Sinne - die Schultern hängen. Mehr Chefchen als Chef. Der geneigte Beobachter stellt sich die Frage, ob Bundestrainer Joachim Löw ihm und der Mannschaft damit einen Gefallen getan hat, dass er ihn alle fünf Partien von Beginn an hat spielen lassen. Auch wenn Bastian Schweinsteiger vor diesem Halbfinale verkündet hatte, er sei hundertprozentig fit. Nun steht er da mit seiner Rose in der Hand. Eine EM für die Tonne.

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Kroos schießt gerne und viel - aber immer daneben.

(Foto: dpa)

Toni Kroos: Bundestrainer Joachim Löw brachte ihn zum ersten Mal bei bei dieser Europameisterschaft von Beginn an. Und da man hinterher bekanntlich alles besser weiß, wissen wir jetzt: Das war keine gute Idee. Der 22 Jahre alte Münchner zeigte in seinem 30. Länderspiel nicht das, was Joachim Löw von ihm sehen wollte. Seine Aufgabe war es, Italiens genialen Spielmacher Andrea Pirlo zu stören, was ihm schlicht und ergreifend nicht gelang. Negativer Effekt dieses Sonderauftrags war, dass Toni Kroos sich meist in der Mitte des Mittelfelds aufhielt, was zur Folge hatte, dass er auf der rechten Seite fehlte. Hier lag Joachim Löw falsch. Rückte nach der Pause auf die linke Seite, wo es dann etwas besser lief. Das Manko des Münchners bleibt zudem, dass er zwar ebenso häufig wie gerne aufs Tor schießt, gerne auch aus der Distanz, aber halt nicht trifft. Ließ nach dem doppelten Rückstand - auch hier nicht nur im übertragenden Sinne - die Schultern hängen.

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Ach, Özil.

(Foto: dpa)

Mesut Özil: Ist auch in der fünften und letzten Partie der DFB-Elf bei diesem Turnier nicht explodiert, obwohl Joachim Löw genau das nach den Gruppenspielen angekündigt hatte. Bleibt die Vermutung, dass Mesut Özil, 24 Jahre alt, das im Endspiel getan hätte. Aber dazu kommt es ja jetzt nicht mehr. War in seinem 38. Länderspiel trotzdem nicht schlecht, sondern gut. Aber eben nicht so gut, wie er es von seinen Fähigkeiten her sein könnte. Und das ist nun einmal die Messlatte, nach der er beurteilt wird. Lief wie stets unglaublich viel, mühte sich, fand aber die zündende Idee für den entscheidenden Pass nicht. Was auch daran lag, das sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, dass es oft an den Anspielstationen fehlte. Lässig war er nur, als er in der Nachspielzeit den Handelfmeter verwandelte. Ein schwacher Trost.

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Podolski blieb unsichtbar.

(Foto: REUTERS)

Lukas Podolski: Nun durfte er, in Polen geboren, bei dieser EM endlich auch in Polen spielen. Doch der 27 Jahre alte Bald-Londoner vergab in seinem 101. Länderspiel die Chance, einen bleibenden Eindruck auf der linken Seite zu hinterlassen. Er hinterließ genau genommen überhaupt keinen Eindruck. Ihm gelang einfach nichts. Unsichtbar quasi. Joachim Löw sah ihn trotzdem - und wechselte ihn nach der Pause aus. Für ihn kam der 23 Jahre alte Bald-Dortmunder in die Partie und zu seinem achten Länderspiel. Sorgte für mächtig Wirbel, stürmte, was das Zeug hielt, hatte gleich eine gute Torchance und schoss später noch einen prima Freistoß. Hinterher wusste auch der Bundestrainer, dass es besser gewesen wäre, Marko Reus wie im Viertelfinale gegen Griechenland von Beginn an spielen und Lukas Podolski auf der Bank zu lassen.

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Bleibt allein zurück: Gomez.

(Foto: AP)

Mario Gomez: Er kann nach diesem Turnier von sich behaupten, mit drei Treffern bester deutscher Torschütze zu sein. Das ist nicht schlecht. Aber gegen Italien war er nicht gut. Er spielte in seinem 57. Länderspiel, wie Mario Gomez halt spielt, wenn es nicht gut läuft. Dann schießt der Münchner kein Tor und ist auch sonst nicht zu sehen. Und wenn er an den Ball kam, ließ er ihn verspringen. Wahrscheinlich wusste Joachim Löw hinterher, dass es wohl besser gewesen wäre, Miroslav Klose von Anfang an spielen zu lassen. Wie gegen Griechenland. Und Betonung auf spielen. Für den 34 Jahre alten Wahl-Römer ist das Aus seiner Mannschaft besonders bitter. Nun hat er mittlerweile 121 Länderspiele und sechs große Turniere absolviert - und immer noch keinen Titel gewonnen. Das ist schlimmer, als auf dem Schulhof stehen gelassen zu werden.

Quelle: ntv.de