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"Es ist gut, wenn man einen Jérôme als Nachbar hat in der Abwehr", weiß der Bundestrainer.
"Es ist gut, wenn man einen Jérôme als Nachbar hat in der Abwehr", weiß der Bundestrainer.(Foto: imago/Moritz Müller)
Montag, 13. Juni 2016

DFB-Elf in der EM-Einzelkritik: Neuer titanesk, Boateng akrobatisch

Von Stefan Giannakoulis, Lille

Die Turneinlage geht an Jérôme Boateng. Ansonsten zeigt die DFB-Elf beim EM-Auftakt in Frankreich weniger Kunststückchen und mehr humorlosem Verwaltungsfußball. Gegen die Ukraine reicht das. Und dann ist da noch der Altmeister.

Das war jetzt noch nicht titelwürdig, aber die deutsche Fußballnationalelf ist erfolgreich in die Europameisterschaft in Frankreich gestartet. Sie hat an diesem Sonntagabend in Lille die Ukraine mit 2:0 (1:0) geschlagen und dabei noch so viel Raum für Verbesserungen gelassen, dass alle nun munter diskutieren können, was Bundestrainer Joachim Löw unbedingt ändern muss - und wie er vielleicht ein bisschen mehr Esprit ins Spiel seines Teams bekommt. Am Donnerstag dann steht im Stade de France (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) das zweite Spiel in dieser Gruppe C an. Der Gegner in St. Denis ist Polen, bekannt aus Funk, Fernsehen, der Qualifikationsgruppe zu dieser EM und aufgrund der Tatsache, dass Robert Lewandowski mitspielt. Wir werden berichten. Erst einmal aber die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Neuers Leistung war titanesk.
Neuers Leistung war titanesk.(Foto: imago/Ulmer/Teamfoto)

Manuel Neuer: Wenig bis nichts deutet darauf hin, dass der 30 Jahre alte Liberotorhüter des FC Bayern seinen Job nicht gerne macht. Doch vor seinem 66. Länderspiel, das er mit grellgelber Kapitänsbinde bestreiten durfte, hatte er gesagt: "Ich bin früher als kleiner Junge gar nicht so gerne ins Tor gegangen." Aus gutem Grund: "Bei uns haben wir teilweise auf Beton gespielt. Sich ins Tor zu stellen und zu schmeißen - da wusste jeder, was er zu erwarten hatte und wie er ausschauen würde, wenn er nach Hause kommt." Zu seinem Glück und dem der DFB-Elf haben sie an diesem Sonntagabend gegen die Ukraine in Lille im Stade Pierre-Mauroy auf Rasen gespielt. Und Neuer rettete seiner Mannschaft den Sieg. Nach vier Minuten musste er erstmals die Fäuste strecken und einen Schuss von Yevhen Konoplyanka parieren. Nach 26. Minuten war er wieder da, bei einem Kopfball von Yevhen Khacheridi aus beängstigender Nähe wehrte er den Ball mit einer Hand zur Ecke ab. Beim dritten Mal (37.) half ihm Jérôme Boateng, dazu später mehr. Und beim vierten Mal zwei Minuten später war's Abseits. Das heißt aber auch: Die stürmischen Ukrainer setzten die Deutschen durchaus unter Druck. Und die Defensive wird weiter für Diskussionen sorgen, vor allem, wenn es um ihre Anfälligkeit bei Standards geht. Neuer aber zeigte eine Leistung, die mit titanesk treffend beschrieben ist. Oliver Kahn weiß, was das heißt.

Benedikt Höwedes: Kaum beginnt das Turnier, ist der 28 Jahre alte Schalker wieder zur Stelle. Zur Erinnerung: In Brasilien vor zwei Jahren, als die deutsche Mannschaft den Weltmeistertitel gewann, stand er in allen sieben Partien vom Anfang bis zum triumphalen Ende auf dem Platz - als linker Außenverteidiger. Nun in Frankreich, da der Dortmunder Mats Hummels nach seiner Verletzung um Genesung ringt, setzt der Bundestrainer wieder auf ihn - als rechten Verteidiger. Dass Höwedes eigentlich Innenverteidiger ist, scheint keine Rolle zu spielen. Er selbst findet das "nicht so wichtig". Er hilft dort, wo er gebraucht wird, auch in seinem 35. Länderspiel. Dennoch war ihm deutlich anzumerken, dass er sich erst in seiner neuen Rolle finden musste. Bis das in der zweiten Halbzeit so weit war, war ihm der flinke Flügelstürmer Konoplyanka ein ums andere Mal entwischt. Prädikat: ausbaufähig.

Der Akrobat im Netz.
Der Akrobat im Netz.(Foto: imago/Moritz Müller)

Jérôme Boateng: Der Bundestrainer bedachte den 27 Jahre alten Innenverteidiger des FC Bayern hinterher mit dem Zitat des Abends: "Es ist gut, wenn man einen Jérôme als Nachbar hat in der Abwehr." In der Tat war das 60. Länderspiel des Münchners eins seiner bessern. Der 27 Jahre alte Lieblingsnachbar der Deutschen hat dem FC Bayern zwar fast die gesamte Rückrunde wegen einer Muskelverletzung gefehlt; aber erstens haben sie ja in München Joshua Kimmich; und zweitens ist Boateng wieder fit. Wie fit, das zeigte er nach 37 Minuten, als er geradezu artistisch - Akrobat schön! - mit einem Höchstmaß an Körperbeherrschung auf der Linie rettete. Oder besser: Der Ball war nur halb drauf. Das war im Stadion zwar so genau nicht zu sehen, aber Dank der Torlinientechnik wissen wir es. Und weil die Einlage Boatengs so toll war, verraten wir auch nicht, dass er selbst es war, der sich mit einem Ballverlust in dieses Schlamassel gebracht hatte. "Ich war selber erschrocken, der Ball kam mit vollem Tempo aus der anderen Richtung. Ich musste den Ball irgendwie wegschlagen und bin im Netz gelandet, aber zum Glück hat es noch geklappt", erzählte er hinterher. Ansonsten gelte: "Wir müssen uns steigern und noch mehr zum Abschluss kommen. Der letzte Pass ist heute noch nicht so gut angekommen."

Shkodran Mustafi: War der einzige Nordhesse im deutschen Kader in den Testspielen noch unberücksichtigt geblieben, fand er sich nun in Lille etwas überraschend in der Startelf wieder. An der Seite Boatengs in der Innenverteidigung als Mats-Hummels-Ersatz kam der 24 Jahre alte Defensivspezialist vom FC Valencia zu seinem elften Länderspieleinsatz. Und zu seinem ersten Tor! Nach 19 Minuten hatte der Kollege Toni Kroos einen Freistoß in den ukrainischen Strafraum serviert, Mustafi sprang ein Stückchen höher als sein Gegenspieler Serhiy Sydorchuk und rammte den Ball mit seinem Kopf zum 1:0 ins Tor. Nicht nur in Bad Hersfeld und Bebra nennen sie ihn ab sofort nur noch Air Mustafi. Und weil er das so gut gemacht hat, gehen wir auch nicht allzu ausführlich darauf ein, dass er in der 88. Minute beinahe für den Ausgleich gesorgt hätte. Nach einem langen Abschlag des ukrainischen Torhüters Andriy Pyatov wollte er, so vermuten wir, den Ball zu Neuer köpfen. Das allerdings misslang, so dass der Titan 2.0 schneller rennen musste als Yaroslav Rakitskiy, um die Situation zu klären. Natürlich ist ihm das gelungen. Mustafi ging darauf auch nicht näher ein, sondern konstatierte: " Es war wichtig, mit einem Sieg zu starten, noch dazu zu null. Es war zum Teil auch ein offenes Spiel, es war ein englisches Spiel. Es ging hin und her - was wir eigentlich nicht wollten." Sei's drum. Doch wenn Hummels wieder fit ist, spielt er.

Impulse für das Offensivspiel kamen von Hector nicht.
Impulse für das Offensivspiel kamen von Hector nicht.(Foto: imago/Matthias Koch)

Jonas Hector: Der Kölner ist mit seinen 26 Jahren der Mann im Löw'schen Kader, der eher weniger auffällt. Für einen linken Verteidiger ist das nicht die schlechteste Referenz. Und so hat er es innerhalb von vier Jahren von der Regionalliga West zur EM geschafft, ist er gesetzt und kann nun auf 15 Länderspiele verweisen - auch wenn er beim Effzeh häufiger im defensiven Mittelfeld spielt. Er selbst beschrieb jüngst im Gespräch mit dem Berliner "Tagesspiegel" sein Spiel so: "Ich mache zwar keine Überdinger, schieße aber auch relativ wenig Böcke." In seinem 15. Länderspiel hatte nach zwölf Minuten die Chance zur Führung, rutschte aber aus, als er sich bemühte, sein zweites Tor im Trikot des DFB zu schießen. Das war aber höchstens ein kleiner Bock. Ansonsten hatte er so seine Probleme mit dem ernsthaft überragenden Andriy Yarmolenko, der bisweilen schneller war als Hector. Und wie seinem Pendant Höwedes am anderen Ende der Viererkette gelang es ihm zu selten, Impulse fürs Offensivspiel auszusenden. Er war, das nur nebenbei, der einzige Nicht-Weltmeister, der beim EM-Auftakt der Deutschen mitwirken durfte.

Sami Khedira: Der 29 Jahre alte Mittelfeldmann, der in dieser Saison mit Juventus Turin das italienische Double feierte, ist einer, der für sich beansprucht, zum Führungspersonal zu gehören. Hobbyarzt scheint er auch zu sein, jedenfalls beherrscht der das Vokabular: "Es waren neurogene Verletzungen, ein Verbindungsproblem zwischen Nerven und Muskeln", dozierte er jüngst im "Tagesspiegel" über seine Leiden. In seinem 61. Länderspiel fiel er am meisten auf, als er nach einer knappen halben Stunde und einem feinen Pass des Kollegen Toni Kroos alleine auf Pyatov zulief - und ihn dann anschoss; und als er es nach einer guten Stunde aus 20 Metern sehr energisch und kraftvoll noch einmal versuchte, allerdings ebenfalls vergeblich. Ansonsten war sein Aufritt als etwas weniger spektakulärerer Part der Doppelsechs im defensiven Mittelfeld grundsolide. Sein Fazit: "Das war ein klassisches Auftaktspiel. Das Wichtigste war, dass wir drei Punkte geholt und zu Null gespielt haben. Wir hatten speziell in der ersten Halbzeit auch Glück, aber das gehört auch dazu. Wir müssen uns noch steigern, aber so ein Turnier ist ein Marathon, kein Sprint." Da scheint also einer davon auszugehen, dass die DFB-Elf nicht in der Vorrunde ausscheidet.

Toni Kroos hat auf dem Platz die beste Figur gemacht.
Toni Kroos hat auf dem Platz die beste Figur gemacht.(Foto: imago/Ulmer/Teamfoto)

Toni Kroos: Apropos Führungspersonal - der 26 Jahre alte Champions-League-Sieger von Real war in seinem 66. Länderspiel der Chef auf dem Platz. Er gab die Vorlage zum ersten Tor, er bediente die Kollegen mit seinen traumhaft sicheren Pässen, wie es ihm gefiel. Kurzum: Er war der beste Spieler seiner Mannschaft. Dieser Kroos könnte einer der überragenden Spieler des Turniers werden. Wobei: Wer kann das jetzt schon wissen? Die EM ist schließlich ein Marathon. Aber wenn einer dafür gerüstet scheint, dann der Stoiker aus dem Vorpommerschen. "Ich denke, es ist sehr ordentlich gelaufen, wir haben ein ordentliches Spiel gemacht. Wir haben eine Viertelstunde gehabt, da wäre der Ausgleich nicht unverdient gewesen. Wichtig ist immer, mit einem Sieg ins Turnier zu starten. Ich hoffe, dass uns das noch mehr Selbstvertrauen gibt." Grundsätzlich sei es aber so: "Es war für alle erst einmal nur das Auftaktspiel."

Thomas Müller: Apropos Auftakt. Im Grunde war es relativ schlau, dass sich der 26 Jahre alte Münchener das erste Turnierspiel ausgesucht hat, um auf der rechten Außenbahn kaum bis gar nicht aufzufallen. Da das nämlich so gut wie nie vorkommt, kann es ja jetzt nur noch besser werden. Um es ganz vorsichtig zu sagen: Das 72. Länderspiel war nun wirklich nicht sein bestes. Das soll nicht heißen, dass er sich nicht bemüht hat. Er rannte und ackerte wie eh und je, war in der Defensive besonders fleißig. Nur nach vorne ging halt nicht viel. Und so steht weiter die Behauptung im Raum, dass ihm Europameisterschaften nicht liegen. Während der bei Weltmeisterschaften bereits zehn Tore erzielt hat, traf er bei einer EM noch nie. Aber wie sagte es sein Kollege Khedira: Das Turnier ist ja noch lang.

Mesut Özil: Es habe, das hatte der Bundestrainer vor der Partie vehement betont, niemals einen Zweifel daran gegeben, das der 27 Jahre alte Zauberfuß vom FC Arsenal in der Startelf stehe und so zu seinem 74. Länderspiel komme. Hinterher wissen wir: Auch er kann sich noch steigern. Und das nicht nur, weil er kurz vor dem Ende der Partie bei einem schnellen Gegenstoß die Chance zum 2:0 und damit auf sein 20. Tor in der DFB-Elf vergab. Viel mehr fiel ins Gewicht, dass er auf der zentralen Position im Mittelfeld kaum zu sehen war. Das ist dann doch arg wenig für einen, den Löw zuvor so gelobt und als "extrem wichtig" für seine Mannschaft bezeichnet hatte. Und es ist zu wenig für einen, der es im Grunde besser kann. Aber die zündenden Ideen, die entscheidenden Pässe - die gingen ihm in Lille ab.

Nach 78 Minuten war Schluss für den Ex-Schalker.
Nach 78 Minuten war Schluss für den Ex-Schalker.(Foto: imago/Revierfoto)

Julian Draxler: Nach dem Ausfall des Dortmunders Marco Reus bekam der 22 Jahre alte Wolfsburger seine Chance in der Startelf und auf dem linken Flügel. Er machte das nicht schlecht, sorgte mitunter in der massiven Defensive der Ukrainer für Wirbel. Er hatte in seinem 20. Länderspiel seine beste Szene, als er sich in der 48. Minute für die erste Chance seiner Mannschaft verantwortlich zeichnete. Am linken Strafraumeck legte er sich den Ball auf den rechten Fuß und zwirbelte ihn in Richtung Tor. Pech für ihn, das dort Pyatov stand und parierte. Nach einer schlechten Saison in der Bundesliga ist er auf einem guten Weg. Für ihn spricht, dass er das Dribbling nicht scheut und immer wieder seine Kollegen auffordert, ihm doch den Ball zu überlassen. Nur ein echter Zweikämpfer wird wohl so schnell nicht mehr aus ihm. Nach 78 Minuten war Schluss für den Ex-Schalker, für ihn kam sein drei Jahre älterer Vereinskollege André Schürrle auf den Platz und zu seinem immerhin schon 53. Länderspiel. Ob ihm wie bei der WM 2014 in Brasilien nur die Rolle des Jokers bleibt, wissen wir auch nicht.

Mario Götze: Das war schon ein wenig merkwürdig. Da stellt der Bundestrainer einen auf die Position des vordersten Angreifers, der 176 Zentimeter misst. Doch was machen die Kollegen? Sie flanken munter den Ball in den Strafraum, als stünde dort einer, der, sagen wir, 189 Zentimeter lang ist. Ja genau, einer wie Mario Gomez. Das konnte nicht gutgehen, und so blieb dem 24 Jahre alten Immer-noch-Münchner Götze sein 18. Tor in seinem 53. Länderspiel verwehrt. Ob das nun heißt, dass am Donnerstag gegen Polen Gomez spielt, wissen wir auch nicht. Aber man könnte es ja mal probieren. Andererseits: Vielleicht lassen sie auch einfach das mit den hohen Flanken. Denn Fußballspielen kann dieser Götze ja. Und Tore schießen auch. In der 90. Minute kam für ihn: Bastian Schweinsteiger. Und das war ein Auftritt des Altmeisters von Manchester United, wie ihn sich der 31-Jährige in seinem 116. Länderspiel nicht besser hätte ausdenken können. Zwei Minuten nach seiner Einwechslung erreichte ihn eine Flanke Özils - und der eigentliche Kapitän donnerte den Ball aus zehn Metern per Dropkick zum 2:0 ins Tor. Das war in der Tat beeindruckend.

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Quelle: n-tv.de