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"Solange die Leute nicht mit Leuchtraketen auf mich schießen oder mit Flaschen schmeißen, ist es mir egal": Mario Basler.
"Solange die Leute nicht mit Leuchtraketen auf mich schießen oder mit Flaschen schmeißen, ist es mir egal": Mario Basler.(Foto: imago/HJS)
Samstag, 03. März 2018

Redelings über die Saison 95/96: Wasserbomben auf Mario Basler

Von Ben Redelings

Die Fußball-Bundesliga boomt und drängt immer mehr ins Fernsehen. Komiker Harald Schmidt macht Witze über den Bayern-Trainer, und auf St. Pauli bietet man den Werder-Spielern Joints an. Doch Basler trinkt lieber Bier und raucht im TV eine Zigarette.

Auch ein alter Hase wie Werders Manager Willi Lemke erlebt in seinem Job noch Neues. Als die Bremer mit ihrem Mannschaftsbus in der Saison 1995/1996 am 28. Spieltag der Fußball-Bundesliga am Millerntor zur Partie gegen den FC St. Pauli (1:2) ankommen, sitzen direkt am Zaun vor den Kabinen zwei junge Männer und rauchen einen Joint. Etwas verdutzt schauen die Werder-Profis zu den beiden Jungs hinüber. Vielleicht eine Sekunde zu lange, wie Lemke erzählt, denn dann passiert das Unerwartete: "Die haben uns doch tatsächlich was angeboten!"

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Die Liga boomt. Kamen in der Saison 1988/1989 nur durchschnittlich 17.631 Zuschauer in die Stadien, sind es in dieser Spielzeit über 30.000 Besucher pro Partie. Das Fernsehen lässt die Bundesliga bunt, fröhlich und populär erscheinen - und profitiert von der gestiegenen Aufmerksamkeit selbst in nicht unerheblichem Maße. Attraktive Geschichten, wie die Trainertätigkeit von Otto Rehhagel im Scheinwerferlicht der Medien-Metropole München, sind zudem das Salz in der Suppe. Dass das Abenteuer des ehemaligen Werder-Coachs an der Isar so schnell vorbei ist, deutet sich spätestens Mitte Februar 1996 an.

Als enttarnt wird, dass an seinem Klingelschild in der Schwabinger "Casa Schellissima" nicht Rehhagel, sondern "Rubens" steht, titeln die Boulevardblätter spöttisch: "Vom Malermeister zum Meistermaler". Natürlich lesen auch die Bayernprofis hier und da Zeitungen und nennen ihren Übungsleiter ab sofort nur noch "Rubens". TV-Komiker Harald Schmidt lästert in seiner Sendung zudem über den gelernten Anstreicher und Lackierer Rehhagel: "Eines Tages Uli Hoeneß: Otto, das Training macht jetzt der Augenthaler. Du kannst schon mal die Wand streichen."

Als Brehme nicht zu trösten ist

Bild der Saison: Rudi Völler und Andreas Brehme.
Bild der Saison: Rudi Völler und Andreas Brehme.

Der BVB gewinnt mit sechs Punkten Vorsprung auf die Münchner den Titel. Im Bundesliga-Keller kommt es zu einem denkwürdigen Abstiegsendspiel zwischen Bayer Leverkusen und dem 1. FC Kaiserslautern. Acht Minuten vor Schluss schießt Markus Münch, in seiner letzten Partie für die Leverkusener, das wichtigste Tor seiner Karriere. Es ist der Ausgleich zum 1:1, der Bayer rettet und Lautern in die zweite Liga befördert. Nach der Begegnung kommt es im TV-Studio von "Premiere" zu herzzerreißenden Szenen. Lauterns Andreas Brehme weint in den Armen seines Weltmeister-Kollegen Rudi Völler live vor einem Millionenpublikum bittere Tränen des Abstiegsschmerzes. Er ist untröstlich. Erst als sein Trainer Eckhard Krautzun eintrifft, schnäuzt sich Brehme und spricht mit verstopfter Nase und tränenerstickter Stimme einige schwer verständliche Worte ins Mikrofon. Rudi Völler, der an diesem Tag das letzte Spiel seiner Karriere bestritten hat, hält Brehme die ganze Zeit über tröstend im Arm.

Nur einer behält in dieser Spielzeit konstant die Nerven: Bremens Mario Basler nimmt die Wasserbomben, die sie auf ihn in München schmeißen, gelassen hin: "Solange die Leute nicht mit Leuchtraketen auf mich schießen oder mit Flaschen schmeißen, ist es mir egal." Und zu den Schmähungen, die er sich 90 Minuten anhören durfte, sagt er ebenso ungerührt: "Die Leute zahlen Eintritt, da dürfen sie alles sagen."

Wer so freiheitlich denkt, nimmt das Recht auf Entfaltung auch für sich in Anspruch. Als er im September verletzt pausieren muss, spielen seine Kollegen im Europapokal gegen Glenavon Belfast - während Basler selbst im TV-Studio von Thomas Koschwitz’ Sendung "RTL Late Night Show" sitzt und genüsslich an einer Zigarette zieht. Dann lehnt er sich entspannt zurück und trinkt einen Schluck aus seinem Kölsch-Glas. Die Werder-Offiziellen reagieren beim Betrachten der Bilder nicht ganz so entspannt.

Eine Randnotiz: Borussia Mönchengladbach ist der erste deutsche Verein im "Computernetz Internet". Manager Rolf Rüssmann ist total begeistert von der eigenen Homepage und der Möglichkeit, bis zu 40 Millionen Menschen, "Fußballinteressierte, die nicht zu uns ins Stadion kommen" (Marketingleiter Thomas Röttgermann), auf der ganzen Welt zu erreichen. Die Zukunft hat 1996 die Bundesliga bereits erreicht.

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Quelle: n-tv.de