Fußball

Fußball-Zeitreise, 10. 8. 1985 65 Minuten Bundesliga ohne Wiederkehr

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Welch' Freude: Torwart Dirk Drescher wird von Walter Oswald, links, und Bochums Ko-Trainer Erich Klamma gefeiert.

Nürnbergs Trainer Heinz Höher ist entsetzt: "Wir waren nicht in der Lage, einem 14-jährigen Knaben einen Ball ins Netz zu setzen." Zwar ist Bochums Keeper Dirk Drescher am 10. August 1985 bereits 17 Jahre alt, doch seine 65 Minuten Erstligafußball sind Geschichte.

Als Dirk Drescher am ersten Spieltag der Saison 1985/1986 für den VfL  Bochum den Rasen in Nürnberg betrat, war er gerade einmal 17 Jahre, 5 Monate und 13 Tage alt. Am Vormittag dieses denkwürdigen Tages erst hatte sein Verein beim Deutschen Fußball-Bund eine Spielberechtigung für den jungen Torhüter eingeholt. Eine weise Entscheidung. Nachdem die Nummer eins des Bundesligisten, Ralf Zumdick, wegen einer Schulterverletzung hatte passen müssen, schaffte es der Nachwuchstorwart Markus Croonen, ebenfalls in seinem allerersten Spiel, gerade einmal bis zur 25. Minute. Dann säbelte er den Nürnberger Reiner Geyer übereifrig von den Beinen und flog unter Tränen vom Platz.

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"Ich war mit einem Male so nervös, dass ich es nicht schaffte, meine Fußballschuhe zuzubinden."

(Foto: imago sportfotodienst)

Ein Moment der Stille im Frankenstadion. Schließlich schüttelte sich Bochums Trainer Rolf Schafstall einmal durch, schaute betreten in Richtung Bank, nahm Stürmer Stefan Kuntz vom Platz und nickte dann dem nervös vor sich hinstarrenden Drescher zu. Ihn anzusprechen, das vermied der Trainer, denn Schafstall wusste nicht einmal den Vornamen seines Ersatzkeepers. Der Gymnasiast stand zitternd auf, blickte auf den Boden und deutete stumm auf seine Füße. "Ich war mit einem Male so nervös, dass ich es nicht schaffte, meine Fußballschuhe zuzubinden", erinnert sich der Torwart noch heute schmunzelnd an diesen ganz besonderen Moment.

Routinier Heinz Knüwe fackelte nicht lange, ging in die Hocke und knotete eine Doppelschleife. Derweil erkundigte sich Kapitän Klaus Fischer nach Dreschers Vornamen und Ata Lameck klopfte in einer Tour dem Keeper - und auch ein bisschen sich selbst - Mut machend auf die schmalen Schultern. Als der VfL Bochum nach neunzig Minuten und nach einem durch und durch unansehnlichen Spiel überraschend mit 1:0 beim Club gewonnen hatte, schien es für einen Augenblick so, als sei ein neuer Stern am Torwarthimmel geboren. Doch der Nürnberger Trainer Heinz Höher kritisierte eher seine Mannschaft. "Wir waren doch nicht einmal in der Lage, einem 13- oder 14-jährigen Knaben einen Ball ins Netz zu setzen", ordnete er die Leistung des von den Medien zum Helden gemachten Torwarts ein.

"Ich bin hier nur der Aushilfskellner!"

In Bochum sah man die Dinge ähnlich und verpflichtete über Nacht den alten Gladbacher Meisterspieler Wolfgang Kleff als neue Nummer eins. Rotsünder Markus Croonen kam in seiner Karriere nur noch zu drei weiteren Einsätzen beim VfL Bochum und für Dirk Drescher blieb der Traum Bundesliga eine fünfundsechzigminütige Episode. Und so stellte sich Kleff in Bochum der Mannschaft gewohnt pointiert vor: "Ich bin hier nur der Aushilfskellner!"

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"Das war nach langer Zeit endlich wieder großer Fußball": Wolfgang Kleff.

(Foto: imago/Kicker/Liedel)

Doch der alte Hase hatte schnell Spaß an seinem Job. Nach dem 5:3 in seinem Eröffnungsspiel gegen Düsseldorf schwärmte der Keeper: "Das war nach langer Zeit endlich wieder großer Fußball. Ich ertappe mich dabei, dass ich als alter Mann, der im November 39 wird, ins Schwärmen gerate wie ein Teenager!"

Als Kleff, der dem ostfriesischen Komiker Otto Waalkes wie aus dem Gesicht geschnitten war und sogar in einem Otto-Film die legendäre Rolle des Friseur Herr Astrid spielte, dem VfL Bochum damals nach einer längeren Auszeit aus der Patsche half, wischte er alle Zweifel über seinen körperlichen Zustand mit einem Satz hinfort: "Ich habe mich die ganze Zeit über mit Waldläufen durch die Düsseldorfer Altstadt fit gehalten." Ähnlich unterhaltsam hatte Kleff ein Jahr zuvor sein Gastspiel dort beendet. Als die Fortuna seinen Vertrag nicht verlängerte, ließ er sich im letzten Spiel unter dem Vorwand einer Verletzung auswechseln und drehte dann fröhlich trabend eine Runde durchs Rheinstadion. Unterwegs entkleidete er sich Stück für Stück.

"Für die Fans gebe ich mein letztes Hemd"

Trikot, Stutzen, Schuhe und seine Handschuhe hatte er bereits ins Publikum geworfen, als Kleff vor der Haupttribüne beschwingt winkend ankam. Langsam stoppte er, drehte sich zum Spielfeld, streckte die Beine durch, beugte den Oberkörper nach unten und zog in einem Rutsch seine Hose herunter. Kleffs nackter Hintern strahlte leicht von links nach rechts wackelnd dem erzürnten Fortuna-Präsidenten Bruno Recht entgegen. Kleffs Kommentar: "Für die Fans gebe ich mein letztes Hemd, für manch andere nur meinen Arsch."

In Bochum angekommen, trainierte Kleff, trotz seiner intensiven Waldläufe durch die Altstadt, erst einmal etwas bedächtiger. Seine humorvolle Begründung klang einleuchtend: "Mit Muskelkater kann ich mich so schlecht bücken." Als schließlich kurz vor Ende der Vorrunde die eigentliche Nummer eins, "Katze" Zumdick, wieder fit war, lehnte sich Kleff lächelnd auf der Auswechselbank zurück, blinzelte zufrieden in die winterliche Sonne und sagte gelassen: "Kein Problem. Ein älterer Herr setzt sich auch ganz gern auf eine Parkbank." Zu diesem Zeitpunkt war die Mini-Bundesliga-Episode des Dirk Drescher in Bochum bereits zur Legende geworden.

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Quelle: n-tv.de

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