Fußball

Bundesliga-Check: Werder Bremen Aging-Kur gegen schlechte Stimmung

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Die Anti-Aging-Kur ist bei Werder Bremen ersichtlich.

(Foto: imago/foto2press)

In Bremen ist fast alles neu, nur Trainer Viktor Skripnik nicht. Nur mehren sich die Befürchtungen, dass genau der das Problem sein könnte. Immerhin konnte Bremen ordentlich shoppen - und einen Skandalprofi holen.

Es konnte nur einen geben an der Weser: Schon im aufreibenden Abstiegskampf hatte sich angedeutet, dass Manager Thomas Eichin seinem Trainer Viktor Skripnik nicht mehr vertraut. Doch die Vereinsführung stellte sich hinter das Werder-Idol, und Eichin musste seinen Platz räumen. Als neuen starken Mann installierte der Aufsichtsrat den Double-Helden Frank Baumann. Auch im Kader tat sich Einiges: Mit 14 Spielern hatte Werder mehr Abgänge zu verzeichnen als die Donald Trump University. 12 Spieler holten sie dazu, darunter einen, und da sind wir wieder bei Trump, der seine Chancen auf eine Karriere mit allerhöchsten Weihen im Eiltempo sabotiert hat: Max Kruse kam für vergleichsweise spottbillige 7 Millionen Euro aus Wolfsburg, wenig Geld für viel Potenzial. "Ich habe bei diesem Transfer auf mein Bauchgefühl und Herz gehört", sagte der Ex-Nationalspieler, wobei die Frage offen bleibt, ob er in der Vergangenheit nicht lieber öfter seinen Kopf in die Entscheidungsfindung hätte einbeziehen sollen. Sei's drum, für Unterhaltung scheint gesorgt in einer Saison, in der die Fans wohl nur eins wollen: Nicht schon wieder "Wonderwall", gesungen von einem Kinderchor. Das bedeutet nie Gutes.

Was gibt’s Neues?

Alt ist das neue Neu. Manager Frank Baumann hat dem Kader eine Aging-Kur verpasst, über den Sommer ist das Durchschnittsalter um drei Jahre angestiegen (auf über 25 Jahre). Die Innenverteidigung musste nach dem Weggang von Jannik Vestergaard, Papy Djilobodji und Alejandro Galvez komplett neu besetzt werden. Mit dem finnischen Nationalspieler Niklas Moisander (30), Fallou Diagne (26) und Lamine Sané (29) verpflichtete Baumann drei international erfahrene Abwehrspieler, die das traditionelle Problem in der Defensive beheben sollen. Bei der Pressekonferenz wurde Sané übrigens als "Salif Sané" angekündigt - den hätte Bremen wahrscheinlich auch gern verpflichtet, aber Hannover 96 verlangt dem Vernehmen nach immer noch 10 Millionen Euro für ihn. Lamine ist sein großer Bruder, er wechselte ablösefrei von Girondins Bordeaux. Bei seiner Vorstellung erzählte der Senegalese, er habe wegen seiner Liebe zu Johan Micoud auf der Playstation immer mit Werder gespielt. So macht man sich an der Weser schnell Freunde.

Auf wen kommt es an?

65, 65, 66, 66, 58: Diese Zahlen bereiten Werder-Fans Kopfschmerzen. Es sind die Gegentore der vergangen fünf Spielzeiten. Jede Saison von Neuem soll das Problem gelöst werden, diesmal mit der erwähnten Aging-Kur, die sich Frank Baumann aus seiner aktiven Zeit bei Werder abgeschaut hat. Damals verlieh die Verpflichtung des 32-jährigen Frank Verlaat der Abwehr Stabilität.

Auch wenn es für Unkenrufe freilich noch viel zu früh ist - die 2:4-Pleite im Test daheim gegen Chelsea trug dann doch arg charakteristische Züge. "Die vier Gegentore haben vielleicht einen Hallo-Wach-Effekt", sagte Kapitän Clemens Fritz danach. "Auf der anderen Seite brauchen wir jetzt nicht alles über den Haufen zu werfen. Wir arbeiten einfach weiter an den Schwachstellen und müssen eine gesunde Mischung finden." Auch eine nette Umschreibung für: Wir müssen vorne einfach eine Bude mehr machen. Zuständig wäre Alterspräsident Claudio Pizarro - der gerade wegen einer Oberschenkelverletzung das Trainingslager verlassen hat. Die Ärzte fürchten einen Faserriss und damit mehrere Wochen Pause. Nun bricht im Sturm die Stunde der Jungen an, beziehungsweise eine mittelschwere Panik an der Weser aus.

Was fehlt?

Die ganz große Überzeugung im Umfeld. Als Viktor Skripnik im Oktober 2014 den Trainerjob von Robin Dutt übernahm, machte sich Aufbruchstimmung breit. Der Ukrainer wurde in "Viktory" umgetauft, der "Skripnicker" weckte die Erinnerungen an die großen Tage unter Thomas Schaaf. Doch die Euphorie verlor schneller an Schwung als Ailton beim Japan-Test. Angeblich sollen Teile der Mannschaft in der verkorksten Vorsaison regelrecht gegen den Trainer revoltiert haben, Jannik Vestergaard sei gar nach Gladbach "geflüchtet", schrieb der "Kicker". Auch Zlatko Junuzovic soll so unzufrieden mit dem Coach sein, dass er noch immer mit einem Wechsel liebäugelt.

Der neue Manager Frank Baumann hat allerdings voll auf Skripnik gesetzt, der Ukrainer sei der "bestmögliche Trainer" für Bremen, sagte der 40-Jährige. An die Aussage wird man ihn erinnern, wenn der Saisonbeginn schlecht verläuft. Baumanns ganz persönlicher Start ist geglückt: Auch dank der 12,5 Millionen Euro aus Gladbach für Vestergaard und der sehr großzügigen 11 Millionen Euro für Anthony Ujah aus China konnte er den Kader verbessern. Nur: Wenn Skripnik zu Saisonbeginn zu wenig Punkte einfährt, hat Baumann dann den Mut, eine schnelle Entscheidung zu treffen.

Wie lautet das Saisonziel?

Die Spieler Baumann und Skripnik haben mit Werder große Erfolge gefeiert, das prägt ihr Selbstverständnis und ihr Bild des Klubs bis heute. Auch nach einer Saison, die fast in der Katastrophe endete, redet Skripnik davon, keine Punkte mehr gegen "die Kleinen" liegen zu lassen - wie viele Vereine in Relation zu Werder noch zu den "Kleinen" zählen, sollte man in Bremen vielleicht mal diskutieren. Jedenfalls geben Trainer und Manager die Parole "40 Punkte plus" aus, mit der Betonung auf plus, wie Frank Baumann sagt: "Ich will nicht, dass der Klassenerhalt künftig bejubelt wird wie ein Champions-League-Gewinn."

Die n-tv.de-Prognose

Der Kader völlig durcheinandergewirbelt, die verlässlichen Stützen im Team gealtert, der Trainer umstritten – Werder geht mit vielen Fragezeichen in die neue Saison. Klickt das Team sofort, hat es mit dem Abstieg nichts zu tun. Wenn nicht, könnte es schnell ungemütlich werden am Osterdeich.

Quelle: ntv.de