Fußball

Fußball-Zeitreise, 30.03.1968 Angetrunkene Nürnberger taumeln zum Titel

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Ludwig Müller und Roland Wabra Jubeln über den Sieg.

(Foto: imago sportfotodienst)

Beinahe verspielt der 1. FC Nürnberg im Frühjahr 1968 noch die deutsche Meisterschaft. Doch Trainerfuchs Max Merkel versteht sich intelligent auf das Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip. Als drei Spieler bereits am Montagvormittag zu tief ins Glas schauen, macht sich das bezahlt!

Das eigentliche Wunder hatte sich schon in den Tagen davor abgespielt. Aber als Roland Wabra am 30. März 1968 tatsächlich bei der Partie des Klubs auf dem Kaiserslauterer Betzenberg im Tor stand und sein Mitspieler Karl-Heinz Ferschl davor, konnte jedermann sehen, dass alles gut ausgegangen war. Das hatte noch wenige Tage zuvor ganz anders ausgesehen. Doch was war damals passiert?

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Die Feierwütigen: Georg Volkert und Torwart Roland Wabra beim Einmarsch.

(Foto: imago sportfotodienst)

Ende März war die heile Welt in Nürnberg auf dem Weg
 zur Meisterschaft ernsthaft
 in Gefahr geraten. Roland Wabra und Karl-Heinz Ferschl hatten am
 Montagmittag vor dem Training die Taufe des neuen
 Wagens von Mannschaftskollege Georg
 Volkert etwas zu ausgiebig gefeiert. Ein paar
 Gläser Sekt in der Vormittagssonne direkt beim Autohändler - und schon waren die drei Klub-Akteure tüchtig angesäuselt. Fahren konnte
 niemand mehr, und so brachte die drei ein
 Mitarbeiter des Autohauses zum Trainingsgelände - mit einem verhängnisvollen Zwischenstopp in einer nahe gelegenen Gaststätte.

Dort sollte eigentlich nur ein Kaffee
 getrunken werden, um "wieder auf die Beine
 zu kommen", doch dummerweise hatten den
 gleichen Gedanken auch einige Journalisten. Denen blieb natürlich nicht verborgen, in
 welch lustigem Zustand sich die Akteure befanden. Und als dann auch noch Masseur Roider die zwei angetrunkenen Spieler bei Trainer Max Merkel abmeldete und entschuldigte ("Wabra und Ferschl war es nicht gut, sie sind wieder nach Hause gefahren"), war die Story schon geschrieben. Merkel: "In diesem Augenblick sah ich rot. Ich verstehe ja, dass einer mal Durst hat, aber so etwas in der Vorbereitung für den Meisterschafts-Endspurt - das ist unverantwortlich und unentschuldbar."

"Entschuldigen S’, Trainer, aber darf ich mal von Ihrer Schorle trinken?"

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Torwart Wabra war einer der Trunkenbolde.

Die sofortige Entlassung wurde beantragt, doch am Ende kam es anders. Max Merkel zeigte Herz und Humor bei einer zufälligen Aussprache abends in einem Straßenlokal: "Wir reden da so eine gute halbe Stunde, und der Roland wartet vor meinem Tisch, auf dem eine Schorle Maß (eine Mischung aus Wein und Limonade) steht. Ich hab schon gesehen, wie er immer wieder auf das Glas schielte. Und plötzlich schaut er mich ganz treuherzig an: ´Entschuldigen S’, Trainer, aber darf ich mal von Ihrer Schorle trinken? Ich hab ja so einen Durscht!` So ein Kerl ist das! Ich hab mich umdrehen müssen, damit er nicht sieht, wie ich lache." Die fristlose Kündigung wurde zurückgenommen.

Doch Max Merkel konnte auch anders. Er war der strenge Vater des Teams, der sein Erfolgskonzept von "Zuckerbrot und Peitsche" beim Klub in Nürnberg eisern durchzog. Er sagte zu seiner Mannschaft: "Ihr müsst rennen, bis ihr umfallt. Dann trage ich euch auf meinen eigenen Armen vom Platz!" Und seine Elf gehorchte. Trotz der neuen Auswechselregel standen im Kern nur zwölf Mann in der Saison für den Klub auf dem Rasen: Wabra, Leupold, Popp, L. Müller, Wenauer, Ferschl, Cebinac, Strehl, Brungs, H. Müller, Volkert, Starek. Hinzu kamen mit wenigen Einsatzzeiten noch Hilpert, Toth und Schöll. Autor Peter Handke widmete dieser Elf (plus 1) sogar das Gedicht "Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968".


"Wer soll das denn aushalten?" Ein Empfang jagte den nächsten."

Ein Akteur hatte es Max Merkel ganz besonders angetan. In den höchsten Tönen schwärmte er von seinem wichtigsten Spieler Luggi Müller: "Zehn von Luggis Sorte müssten wir haben. Hart gegen sich und den Gegner. Der ist aus dem richtigen Holz - da zittern die anderen schon, wenn sie hören, dass sie gegen den Luggi spielen müssen."
Die sieben Punkte Vorsprung, die Nürnberg am Ende der Halbserie bereits auf Mönchengladbach hatte, schmolzen in der Rückrunde zusammen. Doch der Respekt vorm Klub war in der Winterpause schon so groß, dass prominente Spieler der anderen Bundesligavereine prognostizierten, dass Nürnberg mit acht Punkten Vorsprung vor 1860 München Meister werde.

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Schließlich waren es drei auf Bremen. Beim letzten Spiel saß auch Max Merkels Landsmann Udo Jürgens auf der Trainerbank. Im Rausch der zünftigen Feierlichkeiten fragte Horst Leupold: "Wer soll das denn aushalten?" Ein Empfang jagte den nächsten. Doch einer war sich sicher, dass seine Spieler fit genug seien. Trainer Max Merkel prostete mit einem Augenzwinkern den Journalisten zu: "Auch dafür ist in meinem Trainingsprogramm schon Vorsorge getroffen!" Die Partie am 30. März 1968 ging in Kaiserslautern verloren - doch das war fast schon eine Nebensache. Wichtiger war, dass es weiterging und der Klub geschlossen den Kampf um die deutsche Meisterschaft antrat.

Quelle: n-tv.de

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