Fußball

"120 Prozent gibt es nicht" Auch Gross wird Schalke nicht retten

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Fassungslos? Hilflos? Regungslos!

(Foto: imago images/Nordphoto)

Der FC Schalke 04 macht im Jahr 2021 einfach so weiter. Nach einer Pleite bei Hertha BSC finden sich die ersten Fans mit dem Bundesliga-Abstieg ab, den Spielern geht es nicht gut und der neue Trainer Christian Gross übt sich bereits in Durchhalteparolen.

Der Mann, der im Mai seine Trainerkarriere beendete, um Ende Dezember auf dem sinkenden Schiff Schalke 04 anzuheuern, sagt: "Die Grauzone interessiert mich nicht. Schalke ist eine Herausforderung und deshalb habe ich es angenommen." Da hat das Spiel noch nicht begonnen. Vielleicht ist dem Fußballlehrer Christian Gross da noch nicht bewusst, was für eine Herausforderung er dort angenommen hat. Er sagt, er freue sich auf die "Mission 2021" und fühle sich voller Energie und fit. Gross spricht starke Worte aus dem Motivationsbuch. Er fordert 100 Prozent, denn "120 Prozent gibt es nicht." Er will lieber "loben", denn "jeder ist nach so einer Serie am Boden" und spricht von der "Grundhaltung der Leute in Gelsenkirchen: Zusammenstehen!"

Dabei sind die Schalker bekanntlich zerstritten wie nie. Es gibt keinen Zusammenhalt mehr zwischen Fans und Vereinsführung. Jeder misstraut jedem und über allem schwebt der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies mit dem Gift seines Vermögens. Diese durchaus als Himmelsfahrtkommando zu begreifende Mission für Gross wird nach den 90 desolate Minuten im Berliner Olympiastadion und der 0:3 Niederlage gegen Hertha BSC nicht leichter. Das wird auch dem 66-Jährigen bewusst geworden sein. Worte allein werden Schalke nicht retten.

Der Schweizer Gross ist bereits der vierten Schalke-Trainer der laufenden Saison. Nach David Wagner, Manuel Baum und Huub Stevens nun also der nächste Schuss von Sportvorstand Jochen Schneider, einem alten Bekannten aus gemeinsamen Stuttgarter Zeiten. Der Auftrag an ihn ist klar formuliert: Irgendwie ein Spiel gewinnen und dann vielleicht noch eins und doch noch in der Bundesliga bleiben. Überlebenswichtig für den auch finanziell schwer angeschlagenen Ruhrgebietsgiganten, der Anfang 2021 nicht einmal mehr eine Lachnummer ist. Ein ganzes Land hat Mitleid mit Schalke. Ein Fluch lastet auf ihnen.

Gross verharrt regungslos

Das zeigt auch das Spiel bei Hertha BSC, einem durchaus dankbaren ersten Gegner für einen neuen Trainer. Gross hat an ein paar Schrauben gedreht, setzt auf den erfahrenen Ralf Fährmann im Tor und den US-Amerikaner Matthew Hoppe im Sturm. Der hat in der von den Berliner passiv geführten Anfangsphase auch eine kleine Chance, fällt sonst nicht weiter auf oder ab. Weil man auf Schalke nicht abfallen kann. So schlecht, so ohne Selbstvertrauen spielen sie bald wieder. Einmal kommen sie durch Mark Uth zu einem guten Abschluss, doch nach einem Konter scheitert der Nationalspieler freistehend an Keeper Alexander Schwolow. Danach ist es vorbei.

"Wenn der Gegner tief steht, sind die ersten Minuten immer die Räume zu und irgendwann sind die Räume wieder größer, dann können wir besser spielen", erklärt Mittelfeldspieler Vladimir Darida nach dem Spiel. Für ihn und Hertha zahlt sich diese Geduld aus. Dem Tschechen gelingen zwei Assists, Hertha sogar drei Treffer durch Matteo Guendouzi, Jhon Cordoba und Krystzof Piatek. Es hätten mehr werden können. Immer wieder attackieren sie die schwache linke Abwehrseite der Schalker, spielen die Angriffe aber häufig zu schwach aus.

Schalke überlässt den Gastgebern Ball und Mittelfeld, wehrt sich mit zahlreichen kleinen Fouls zumindest körperlich, aber sportlich kommt da nicht mehr viel und an der Seitenlinie verharrt Christian Gross regungslos. Er steht ein paar Schritte vor der Trainerbank. Blaue Jacke, schwarze Cap und die Hände tief in den Taschen vergraben. Manchmal zeigt er einen Laufweg an, doch er ist selten zu hören. Anders als Ralf Fährmann, dessen Anfeuerungsrufe im leeren Stadion verhallen. Schalke geht nach okayem Beginn unter. Die Zweifel an der Bundesligatauglichkeit werden noch größer. Es ist die schlechteste Schalker Mannschaft der Ligageschichte. Nur Tasmania war schlechter. Sie mussten damals Bundesliga spielen, weil es die politische Lage erforderte. Eine erste Liga ohne Berliner Verein war nicht vorstellbar. Sie verschwanden bald wieder und kehrten nie zurück. Jetzt ist für sie ein Fest, das beste Marketing der Vereinsgeschichte.

Tasmania-Fans erhöhen den Druck

Ein paar Stunden vor Anpfiff erhöhen sie den Druck noch einmal. Rund ein Dutzend Fans haben sich vor dem Stadion versammelt, alle Abstände eingehalten, und den anreisenden Journalisten ihre flehenden Appelle an die Schalker Mannschaft präsentiert. "Arsch hoch und gewinnen, ihr Gas(prom)flaschen" oder "Das ist unser Rekord! Ra Ra Ra Tasmania (Das Original)" steht dort auf eilends angefertigten Papptafeln. In Vor-Pandemiezeiten wären sie nicht weiter aufgefallen. Im Gästeblock hätte ihre Unterstützung der Schalker Mannschaft für kleinere Tumulte gesorgt, auf den restlichen Tribünen wohl ebenso. So aber haben sie leichtes Spiel. Wie bereits seit Monaten, in denen der Rekord langsam zu bröckeln beginnt und der Berliner Amateurverein sich in der Aufmerksamkeit suhlt. Mit einer Lawine von Interviews befeuern sie das Interesse, erinnern an die damalige Situation. Sie stellen sogleich sicher, dass der potenzielle neue Rekordhalter für immer mit dem Makel leben muss, schlechter als Tasmania gewesen zu sein.

Bereits jetzt streiten sich die Experten, ob Tasmanias Serie in der Spielzeit 1965/1966 überhaupt mit der aktuellen der Schalker vergleichbar sei, denn diese käme saisonübergreifend und nicht innerhalb einer Spielzeit zustande. Die Absurdität dieser Diskussion birgt Potenzial für den Amateurverein. Sie könnten genau auf diesen Fakt pochen und einfach weiter mit dem Finger auf Schalke zeigen. Was also für einen Amateurverein aus dem Berliner Bezirk Neukölln ein großer Spaß und Imagegewinn sind, lässt das Schwergewicht aus dem Ruhrgebiet weiter verzweifeln.

"Mir geht es nicht gut", sagt Alessandro Schöpf nach der 0:3 Niederlage gegen Hertha BSC. "Ich glaube unsere Spiele sprechen für sich. Genauso fühle ich mich auch. Wenn du jedes Spiel gefühlt keine Chance hast, immer auf die Fresse kriegst, genauso fühlst du dich auch. Der Druck wird immer größer. Jedes Spiel läuft uns auch ein bisschen die Zeit weg. Es wird sehr, sehr schwer, wenn wir so weitermachen. Die Leute lachen teilweise schon über uns, dass wir jetzt 30 Spiele nicht gewonnen haben. Es tut mir für jeden Schalker leid. Wir müssen uns noch mehr den Arsch aufreißen und egal wie jetzt so schnell wie möglich ein Spiel gewinnen."

Kolasinac allein wird nicht reichen

Die nächste Chance dazu bietet sich nun am kommenden Wochenende gegen die in dieser Saison bislang enttäuschende Hoffenheimer. Gelingt das nicht, werden die Experten weiter über den Rekord streiten, Tasmania wird ihn weiter für sich reklamieren und Schalke immer tiefer in die rote Zone rutschen. "Das", sagt Gross nach dem Spiel mit wenig Überzeugung, "wird nicht der Fall sein."

Die Einstellung des Rekords verhindern soll auch die nächste, letzte Patrone der Schalker. Sie heißt Sead Kolasinac. Ein Schalker Junge, den es in die Premier League verschlagen hat und der nun als Erlöser zurückkehrt. Im Dezember hat er zwei Spiele für Arsenal gemacht. Einmal im Ligapokal und einmal in der Europa League. "Wir müssen wirklich zu 100 Prozent fitte Spieler haben", sagt Gross und geht dann auf seine Erwartungen an den Neuzugang ein: "Dass er mit seiner Erfahrung, seiner Persönlichkeit und mit seinem Spirit dazu beiträgt, dass wir da hinten rauskommt."

Kolasniac allein wird nicht reichen. Das ist allen auf Schalke bewusst. Mark Uth fordert Verstärkungen, "die uns sofort helfen" und auch Gross denkt an neue Spieler. Doch dafür braucht es Geld. Wird Clemens Tönnies noch einmal einspringen, werden eventuelle Transfers von Ozan Kabak oder Rabbi Matondo, der im Sommer noch als Neuzugang bei Manchester United gehandelt wurde, genug in die Kassen spülen und wer will sich diesem Himmelfahrtskommando überhaupt noch anschließen?

Es sind ungewisse Zeiten auf Schalke. Die ersten Fans haben sich mit dem Abstieg abgefunden. Sie haben den Glauben verloren. Nichts spricht mehr für Schalke. Aus den letzten 30 Spielen holten sie 10 Unentschieden und 20 Niederlagen. Sie erzielten 15 Tore und kassierten 76. Aus den nächsten 20 Spielen brauchen sie nun etwas über 20 Punkte. In der kommenden Woche aber werden sie sich weiter mit Tasmania Berlin rumschlagen müssen. Fällt der Rekord und würde dieser dann überhaupt anerkannt? Wird alles immer noch schlimmer? Bis zur Grauzone sind es für Gross und Schalke noch einige Hundert Kilometer.

Quelle: ntv.de