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Statt zum Sieg tröten, kann man seine Mannschaft bei dieser WM zum Sieg löffeln.
Statt zum Sieg tröten, kann man seine Mannschaft bei dieser WM zum Sieg löffeln.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 07. Juni 2018

WM-Countdown (7): Auf Vuvuzela folgen "Löffel des Sieges"

Von Katrin Scheib, Moskau

Was den Südafrikanern die Vuvuzela war, soll den Russen bei ihrer WM der Löffel sein. Genauer gesagt: zwei Löffel. Und ehe einer fragt: Natürlich gibt es diese "Löffel des Sieges" auch in der Deutschlandvariante.

Was wäre der Fußball ohne eine ordentliche Portion Pathos. Der Torwart, der den entscheidenden Ball hält - ein Held. Die schwächere Mannschaft, die die stärkere schlägt - David, natürlich, Sieger über Goliath, wie in der Bibel. Und dann das ganze Drumherum, Hymnesingen, Fahnenschwenken, Spontanverbrüderung auf den Rängen. Kein noch so profanes Ding, das mit der Fußball-Weltmeisterschaft zu tun hat und nicht auf dieses Level hochstilisiert wird. Weshalb wir seit dieser Woche eine Wortkombination kennen, die man so auch nie zusammen erwartet hätte: "Die Löffel des Sieges". Das muss man sich, wie man es sonst mit dem Inhalt dieser Löffel täte, mal auf der Zunge zergehen lassen.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Als langjährige In-Russland-Lebende bin ich in der glücklichen Position, mich zum Thema "Löffel des Sieges" qualifiziert äußern zu können. "Loschki Pobedi" heißt die Formulierung auf Russisch (wobei man vor dem E ein J spricht, also: "Pobjedi"). Pobeda, der Sieg, ist in Russland ein wichtiger Begriff - historisch verankert im Sieg über Hitlerdeutschland, bis heute so präsent, dass die staatliche Billigfluglinie diesen Namen trägt. Und die Löffel? Dazu muss ich ein bisschen ausholen, zeitlich und räumlich.

Es war Winter, und es war Wladimir. Nicht Putin, sondern die Stadt, die knapp zwei Stunden mit dem Zug von Moskau entfernt liegt. Sie gehört zum Goldenen Ring, einer Reihe schöner, alter Städte im Moskauer Umland. In irgendeinem Januar waren wir mit einer Gruppe von Leuten auf die Idee gekommen, dort rauszufahren. Sehr idyllisch, die alten Kirchen und anderen Gebäude, so im Schnee und bei Minusgraden. Bis der Schneefall stärker wurde, Wind hinzu kam und man nur noch weitergehen konnte, wenn man sich dagegen lehnte und zu Boden blickte. Wir bogen ab von der Hauptstraße, rechts durch eine Tür. Es war warm. Es war windstill. Es war das Löffelmuseum von Wladimir.

Die Exponate, wie zu erwarten: Löffel. Wunderschöne, fein mit Emaille verzierte Jugendstillöffel. Ein Löffel mit einem Foto von Charles und Diana mit ihren beiden Söhnen. Gedenklöffel für diverse Olympische Spiele, wobei nach Calgary und Seoul die Organisatoren in Albertville diese schöne Merchandisingtradition wohl unterbrochen hatten.

Bemalte Löffel gehören zur russischen Tradition.
Bemalte Löffel gehören zur russischen Tradition.(Foto: Katrin Scheib)

Eine Uhr mit Löffel-Zeigern. Maria, Josef, Jesus, Ochs und Esel, alle gemeinsam auf dem Griff eines Löffels. Ein Perlmuttlöffel von den Seychellen. Löffel mit kleinen Windmühlen aus Delfter Porzellan. Und dann, natürlich: die traditionellen russischen Holzlöffel, bunt bemalt mit Blumen. In einem der beiden Museumsräume lief auch gerade ein Workshop; Kinder, von deren Jacken im Vorraum langsam der Schnee herunter taute, übten sich im Löffelbemalen. Dieses russische Kunsthandwerk hat eine lange Tradition, die Prachtexemplare solcher Löffel sind nur zur Dekoration gedacht und für alles andere zu schade. Mit den etwas einfacheren würde man heutzutage wohl auch nicht mehr essen, Musik machen aber schon eher. Oder genauer gesagt: Rhythmus. Als Begleitgeklapper zu folkloristischem Gesang und Tanz begegnen sie einem hier gelegentlich - warum also nicht Löffel als Gegenentwurf zur Vuvuzela, dachte sich rechtzeitig zur WM Rustam Nugmanov, beantragte staatliches Fördergeld und entwickelte seine "Löffel des Sieges": zwei Löffel mit den typischen kugeligen Schalen, unten zusammenhängend, damit man mit einer Hand mit ihnen klappern kann. Hält man die beiden Löffel plus Verbindungsstück hoch, formen sie ein V für Victory. Gedacht ist das so, dass dann im Stadion im entscheidenden Moment Zehntausende Fans gemeinsam ablöffeln.

Okay, die "Löffel des Sieges" sind aller Holztradition zum Trotz aus Plastik, aber dafür in den Nationalfarben aller WM-Mannschaften erhältlich. Falls also jemand das DFB-Team mit Löffelgeklapper unterstützen will, geht auch das. Die entsprechenden Siegeslöffel haben gelbe Schalen, ein schwarzes Verbindungsstück und Deutschlandfahnen auf der Innenseite. Einziger Haken: Die Mindestbestellmenge liegt bei 100 Exemplaren pro Modell, auch für den Deutschlandlöffel.

Und dann hat sich Rustam noch etwas ganz Besonderes ausgedacht: Wenn man die beiden Plastiklöffel auseinander montiert, kann man mit ihnen sogar essen! Wer hätte das erwartet! In diesem Video hier kann man es ab Minute 5 sehen, gefolgt von einem - na, nennen wir es mal "Konzert" auf den "Löffeln des Sieges". Wer es schafft, sich das bis zum Ende anzuhören, der ist - so viel Pathos muss sein - tatsächlich ein Held.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de