Fußball

"Da hat es mich gepackt"Bei Beerdigung auf St. Pauli kullern dicke Tränen

17.05.2026, 07:30 Uhr
imageVon Stephan Uersfeld, Hamburg
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Der FC St. Pauli steigt nach zwei Jahren wieder aus der Bundesliga ab. Gegen Wolfsburg ist der Hamburger Klub chancenlos, hofft vergeblich auf ein Wunder. St. Pauli verabschiedet sich am Millerntor wie bei einer Beerdigung - mit Gesang, Tränen und großen Fragen.

Immerhin schien die Sonne, als Schiedsrichter Daniel Siebert das Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem VfL Wolfsburg abpfiff und die Bundesliga-Jahre des FC St. Pauli beerdigte. Längst nämlich hatte sich der Himmel über dem Millerntor verdunkelt. Nach nur drei Punkten aus den letzten zehn Saisonspielen endete für sie die Bundesliga-Reise nach zwei Jahren. Rückkehr? Erst einmal ungewiss.

Mit 1:3 (0:1) mussten sich die Gastgeber dem Klub aus dem Osten Niedersachsens geschlagen geben. Die Elf vom Mittellandkanal erkämpfte sich damit zwei Relegationsspiele. Wolfsburg geht nun gegnerunabhängig als großer Favorit in diese finalen Spiele der Saison.

Die mit teuren Stars gespickte Mannschaft hat offenbar gerade noch rechtzeitig die Kurve bekommen. Ganz Deutschland hatte nach dem Abstieg des VW-Klubs gelechzt, und der hatte unter Trainer Dieter Hecking eine Wagenburg geformt.

"Klassenkampf bis zum Ende"

Die Partie des 34. Spieltags der Fußball-Bundesliga hatte das ganz große Abstiegsdrama versprochen, das löste sie jedoch nur nach den 90 Minuten ein. In diesen Momenten ab 17:27 Uhr am Samstag, dem 16.05.2026, entfaltete sich die Magie des Fußballs. Auf dem Platz brachen die Spieler des FC St. Pauli enttäuscht und tieftraurig zusammen, auf den Tribünen zeigte sich die Trauer durch Trotz. Noch vor dem Spiel hatten sie auf einem Banner "Klassenkampf bis zum Ende" versprochen, nun war alles vorbei, und von großem Kampf gegen den selbsttitulierten Arbeiterverein Wolfsburg war ohnehin selten etwas zu spüren gewesen.

Niemand verließ nach dem endgültigen Abstieg das Stadion. Die Schals gingen in die Luft und der Stadion-DJ fütterte mit Pathos. Er spielte den alten Stadion-Gassenhauer "You'll Never Walk Alone", der sich bereits Minuten vor Abpfiff als Ankündigung auf die Lippen der Fans gelegt hatte und zu dem sich die Mannschaft auf den Rasen legte.

Gigantische Löcher in der Defensive

Da, als noch zehn Minuten zu spielen waren, erschien die Trauer als ein Echo aus der Zukunft. Denn ein Wunder, auch beim Stand von 1:3, hätte alles ändern können, auch wenn es da schon ausweglos erschien. St. Pauli hatte sich nach dem finalen Treffer von Dženan Pejčinović ergeben. Zwischen den Reihen klafften gigantische Löcher, die Bälle der Wolfsburger flutschten einfach hindurch. St. Pauli nahm den Abstieg widerstandslos hin.

Wolfsburg war zu abgeklärt, zu erfahren und zu selbstsicher. Sie kamen nach Ecken zu zwei Treffern (Konstantinos Koulierakis in der 37. Minute und Eigentor Nikola Vasilj in der 64. Minute) und später noch zu einem weiteren (Pejčinović/80. Minute) nach einem sauberen Angriff über die linke Seite. Bei den Gastgebern gab es nur nach dem Ausgleich von Abdoulle Ceesay (57.) für wenige Minuten Hoffnung.

Ein Tag wie eine ganze Saison

Es war kein Tag für Wunder. Es war vielmehr ein Tag, den alle Beteiligten später als sinnbildlich für die gesamte Saison bezeichneten. Es war ein Abstieg, der anhand weniger Szenen erklärbar wurde: Lattentreffer, Torwartfehler, Offensivschocker. Ein Tor anstatt eines Schockers hätte die Statik des Spiels wohl verändert. Doch dazu kam es nicht.

In der 42. Minute stand Stürmer Andréas Hountondji vollkommen allein vor dem leeren Wolfsburger Tor. Eine Berührung trennte ihn vom Ausgleich. Er verstolperte sie, der Ball kullerte in die Arme des am entfernten Pfosten bereits geschlagenen Wolfsburger Torhüters Kamil Grabara. "Wenn wir hier vor der Pause das 1:1 machen, dann brennt hier die Hütte", sagte Trainer Alexander Blessin. Aber es brannte nichts, nur nach Abpfiff tief in der Seele der Schmerz nach dem Abstieg.

... und dann kommt Thees Uhlmann

Trainer Blessin sprach von einer "totalen Leere im Kopf". Er habe seinem Team noch gesagt, dass auf Regen Sonne folge, könne sich aber sonst an nichts mehr erinnern. Auch nicht, was seine Familie zu ihm gesagt habe, als er sich zu ihnen kauerte und dort getröstet wurde. Er sagte: "Ich habe nichts mitbekommen." Damit hatte er, aus nachvollziehbaren Gründen, einen der großen Momente des Fußballs verpasst - einen, der sich in die kollektive Erinnerung einbrennen wird. Eine Gemeinschaft im Schmerz vereint.

Es folgte der lokale Barde Thees Uhlmann mit seiner Hymne auf St. Pauli. "Manche hängen ihre Farben in den erstbesten Wind. Doch die Liebe beweist sich erst, wenn der Wind zunimmt. Lieben ohne Leiden hat noch niemand gesehen", singt er dort, und alle im Stadion sangen mit. Auf dem Platz kämpften die Spieler erfolglos mit den Tränen. Sie bildeten einen Kreis.

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Wahl (l.) und Irvine sind tief betroffen. (Foto: dpa)

"Als ich dann noch Thees Uhlmann gehört habe, da hat es mich auch ein bisschen gepackt", sagte Verteidiger Hauke Wahl nach dem Spiel. "Das Lied haben wir vor zwei Jahren auf der Reeperbahn gesungen. Jetzt war es ein ganz anderer Moment. Es tut einfach unfassbar weh."

Klassenerhalt so wahrscheinlich wie Engels-Sieg

Wahl stand in den Katakomben des Millerntors, hinter ihm stapfte Kapitän Jackson Irvine mit roten Augen in Richtung Kabine, und neben ihm verkündete Torhüter Nikola Vasilj das Ende seiner Zeit auf St. Pauli.

"Das war's", sagte der bosnisch-herzegowinische Keeper und kämpfte ebenfalls mit den Tränen. "Es waren fünf wundervolle Jahre, und ich werde mich für immer an all die schönen Momente hier erinnern. Ich wollte nicht, dass es so zu Ende geht." Der Vertrag des 30-Jährigen hätte sich nur im Falle des Klassenerhalts um ein weiteres Jahr verlängert.

Vom Klassenerhalt aber war St. Pauli an diesem Samstag und wohl auch über die Dauer der Saison noch weiter entfernt als Sarah Engels von einem Sieg beim Eurovision-Songcontest.

"Fehler auf allen Ebenen"

"Die Verantwortung liegt bei uns", sagte Präsident Oke Göttlich. Er verwies auf die große wirtschaftliche Lücke zu anderen Vereinen. St. Pauli, der Gegenentwurf zum modernen Fußball, ist im modernen Fußball zumindest in dieser Spielzeit gescheitert. Im Stadionumfeld murrten später einige. Der Klub habe zu sehr auf gesellschaftliche und zu wenig auf sportliche Themen gesetzt, schimpften sie aus dem Stadion kommend. Ein guter Stürmer hätte es doch auch einmal sein können.

"Es sind auf allen Ebenen Fehler passiert, diese müssen aufgearbeitet werden. Wir haben zwei Jahre etwas aufgebaut, im dritten Jahr haben wir es eingerissen", sagte dann auch Kapitän Irvine. Er wolle bleiben. Aber viele "der Jungs" würden nach dem Sommer nicht mehr da sein, wusste er zu berichten. Der Kader wird sich verändern, die Liga wird sich verändern. Zwischen den Zeilen kündigten sich an allen Fronten durchaus unruhige Zeiten an. Der Liebe der Fans wird das keinen Abbruch tun. Das ist Fußball. Es ist kein ewiger Aufstieg. Es ist in den meisten Fällen ewiges Leiden.

Kein Drama, nichts

Im Stadion lief mit "Those Were The Days" noch einmal ein Nostalgiefetzen. Die Jahre flogen vorbei. Erinnernd an das, was war, drehten die Spieler eine Ehrenrunde. Sie beschworen das, was gut war. Sie hatten das Ende erreicht. Es war wie auf einer Beerdigung. Auf einer, auf die man sich lange hatte vorbereiten können und auf der das Andenken wichtiger ist als der Blick in die Zukunft.

Dieses Innehalten, dieses Bewahren, machte den Samstag am Millerntor so besonders, nicht das heraufbeschworene Drama. Das war einfach ausgeblieben.

Quelle: ntv.de

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