Fußball

Der blonde Engel wird 60 Bernd Schuster, so wertvoll wie Frank Sinatra

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An der Seite seiner Ehefrau Gaby wurde Bernd Schuster auch mal zur "rasenden Wildsau."

(Foto: imago sportfotodienst)

Die ersten 30 Jahre kannte man Bernd Schuster nur an der Seite seiner ersten Ehefrau Gaby. Gemeinsam wirbelten sie die Szene ordentlich durcheinander. Doch das Fußballgenie Schuster fiel bei allen Irritationen immer weich - denn er konnte kicken wie nur wenige!

Anfang der achtziger Jahre schrieb Gisela Schuster einen offenen Brief in der Illustrierten "Bunte" an ihren Sohn Bernd, weil sie keinen Kontakt mehr zu ihm hatte: "Lieber Berndi, was ich von dir weiß, weiß ich aus den Zeitungen. Ich habe nicht einmal deine Telefonnummer. Willst du nur deine Ruhe haben? Hat dich der Trubel so verändert? Ich habe mir dir gezittert und gebangt, ich habe mit dir gejubelt und um dich geweint. Herzliche Grüße und alles Gute, deine Mutti."

Nur knapp anderthalb Jahre nach seinem Debüt als Spieler des 1. FC Köln absolvierte Bernd Schuster im Mai 1979 seinen ersten Einsatz im Trikot der Nationalmannschaft. Und nur ein weiteres Jahr später feierte er mit dem DFB-Team nicht nur den Gewinn des Europameistertitels, sondern wurde auch als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Doch dann geriet seine Karriere aus den geordneten Bahnen. Schuster: "Ich begann beim großen Hennes Weisweiler in Köln, und dann kam Karl-Heinz Heddergott, ein früherer Jugendtrainer. Der holte abends die Gitarre raus und sagte: Jungs, jetzt singen wir. Ich war 20, gerade Europameister geworden und habe nur den Toni Schumacher angeguckt und gedacht: Sind wir wieder in der A-Jugend?"

"Flasche!" - "Rotzlöffel!" - "Sozialfall"

Dass das nicht lange gutgehen konnte mit Jungstar Schuster und Ex-DFB-Trainerausbilder Heddergott ("Ich habe mit meinem Fußballwissen die ganze Welt befruchtet") war damals allen klar. Schuster sagte zum Trainer: "Flasche!" Und Heddergott nannte den jungen Nachwuchsstar: "Rotzlöffel!" Kurz darauf schimpfte FC-Präsident Weiand nicht etwa das aufmüpfige Talent Schuster einen "Sozialfall" - sondern Heddergott. Und so war nach dem achten Spieltag der Saison 1980/81 Bernd Schuster bereits nach Spanien zum FC Barcelona geflüchtet und Heddergott entlassen.

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Eine Zeitlang wurde es etwas ruhiger um den "blonden Engel", doch dann lieferte sich Schuster kurz vor der WM 1982 in Spanien über die Medien einen Machtkampf mit einem anderen verdienten Nationalspieler. Die Auseinandersetzung mit Paul Breitner war in dieser Form bis dato einmalig in Deutschland. Der 22-jährige Schuster griff aus der sicheren räumlichen Distanz seinen Kollegen des FC Bayern München mit solch einer polarisierenden Schärfe an, dass er danach für einige Zeit seine Nationalmannschaftskarriere auf Eis legen musste.

Breitner-Attacken unter Gürtellinie

Während sich Paul Breitner altersweise und gutmütig gab, stichelte Bernd Schuster unter der Gürtellinie: "Der Paule ist ein gerissener Hund. Noch hält er zwar nicht die Mannschaftsbesprechungen persönlich ab. Noch gibt er seine Befehle über Derwall weiter. Ich würde mich nicht wundern, wenn eines Tages der Breitner dem Derwall die Aufstellung unter der Türritze durchschiebt."

Der Bayern-Kapitän antwortete gelassen: "Er benimmt sich so wie ich in seinem Alter. Aber wer Spielmacher ist, entscheidet sich in jedem Länderspiel neu. Wer die beste Form hat, soll es machen, das kann mal der Magath aus Hamburg sein, mal der Müller aus Stuttgart, mal ich, und das könnte auch jederzeit Bernd Schuster sein." Schuster nahm den Ball dankend auf: "Wenn Breitner es nicht schafft - körperlich pfeift er ja derzeit aus dem letzten Loch -, dann bin ich da, wenn Not am Mann ist." Und er schob süffisant hinterher: "Das Problem Breitner wird sich auf biologische Weise erledigen."

Dank Gaby zur "rasenden Wildsau"

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Auch Bundestrainer Jupp Derwall hat seine Probleme mit Schusters Ehefrau Gaby.

Doch dann gewann die verbale Schlacht an weiterer Schärfe. Bundestrainer Jupp Derwall mischte sich ein und rief nach einigen Schnäpsen ("Es gab viel Obst und Getreide in flüssiger Form") auf der Hauseinweihungsfeier von Hansi Müller nachts um 2.30 Uhr bei Gaby Schuster an. Er hielt ihr vor, was für einen schlechten Einfluss sie auf ihren Ehemann habe. Breitner schickte kurz darauf einen weiteren Giftpfeil Richtung Schusters Ehefrau: "Der Bernd ist ein liebenswerter, junger Kerl, aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man ihn ohne seine Frau trifft oder mit ihr. Im ersten Fall ist er wie ein kleiner Bub, sagt weder muh noch mäh oder gick und gack; im zweiten Fall aber wird er schnell zur rasenden Wildsau."

Die Schlacht schien tatsächlich geschlagen. Schuster konterte kleinlaut: "Auf dem Fußballplatz komme ich immer noch ohne meine Frau aus." Und dann zog sich der Star des FC Barcelona zurück und überließ seiner angegriffenen Ehefrau Gaby die Bühne: "Ich gehe nur in die Öffentlichkeit, wenn ich sehe, dass er wegen seiner Gutmütigkeit und Unbekümmertheit über den Tisch gezogen werden soll." Ein Jahr später kehrte Bernd Schuster für einige Monate in die Nationalmannschaft zurück. Paul Breitner hatte seine Karriere beendet.

In der Spielzeit 1986/87 sorgte Schuster in München für Unruhe - diesmal hatte er daran allerdings keine direkte Schuld. Bei den Bayern ging es in diesen Tagen hoch her. Manager Uli Hoeneß drohte damals sogar damit, den Verein zu verlassen: "Zehn Tage habe ich Zeit, mir meine Kündigung zu überlegen!" Hoeneß wollte Bernd Schuster unbedingt aus Barcelona verpflichten, doch Präsident Prof. Fritz Scherer tat Hoeneß’ Interesse als eine "Privatidee" des Managers ab. Hoeneß reagierte verschnupft: "Bisher sind meine Privatideen immer realisiert worden. Ich lasse mir auch vom Präsidenten nicht meine Meinung verbieten. Manche können wohl die Höhenluft nicht vertragen." Das Ende vom Lied: Schuster blieb bis 1988 bei den Katalanen, mit denen er einmal Meister und dreimal Pokalsieger wurde. Zusätzlich holte er einmal den Europapokal der Pokalsieger. Er wechselte schließlich vom FC Barcelona zu Real Madrid.

Schuster? "Er ist zu dick"

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Udo Lattek war zu Kölner Zeiten nicht mehr überzeugt von Schusters Klasse.

(Foto: imago/WEREK)

Im Herbst 1990 kehrte Schusters früherer Trainer Udo Lattek zum 1. FC Köln zurück. Seinen Job als Kolumnist bei der "Sport Bild" hatte er drangegeben, weil ihn das tägliche Fußballgeschäft wieder zu sehr gejuckt hatte. Der Sportdirektor ging auch gleich auf die Suche nach neuen Spielern: "Mir wurde Bernd Schuster angeboten, ich werde mit ihm reden. Aber ich bezweifele, dass er uns helfen kann. Er ist zu langsam geworden, war noch nie stark im Zweikampf. Und er ist zu dick. Beim Abschiedsspiel von Woodcock soll er mit acht Kilo Übergewicht aufgelaufen sein." Böse Worte seines Ex-Coachs. Doch auch Schuster hielt nicht viel vom ehemaligen Trainer: "Lattek hat eine seltsame Begabung, ungleiche Mannschaften aufzustellen. Ich spielte meist bei den Dummen." Und so zerschlug sich der Wechsel an den Rhein. Schuster spielte fortan für Atletico Madrid.

Zur Saison 1993/94 kehrte der gebürtige Augsburger dann aber doch zusammen mit seiner Frau Gaby und seinen Hunden und Pferden zurück in die deutsche Fußballlandschaft. Bayer-Manager Reiner Calmund hatte sich zur neuen Saison richtig was einfallen lassen. Nach der Verpflichtung von Dragoslav Stepanovic ("Der ist einer zum Anfassen, der bringt uns hier mal Zirkusmief in die Bude") war der Transfer des Europameisters von 1980 die zweite große Nummer in Leverkusen. Und es klappte. Bayer stand oben, und Calmund war total begeistert: "Alle reißen sich um Schuster und Stepi!"

"Hat einen PR-Wert wie Frank Sinatra"

Kein Wunder, spielte der langjährige Spanien-Legionär doch spektakulär auf und war fürs Vereinsmarketing eh unschlagbar, wie Calmund es auf den Punkt bringt: "Der hat einen PR-Wert wie Frank Sinatra." Der Mut der Bayer-Offiziellen (Klubpräsident Rolf Büll: "Wenn das nicht klappt, muss ich zur Werksfeuerwehr") wurde belohnt, nachdem man Schuster vorher genau unter die Lupe genommen hatte: "Unserem Co-Trainer Peter Hermann war das sogar ein bisschen peinlich, dass er so einen Spitzenfußballer erst noch beobachten sollte, bevor wir ihn verpflichten." Alle Bedenken über Schusters körperlichen Zustand hatten sich spätestens zu Saisonbeginn erledigt. Stepanovic zufrieden: "Der braucht kein Auto mehr. Demnächst kann er nach Hause laufen."

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Bernd Schuster beendete seine Karriere in Mexiko.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Zwei Jahre lang ging alles gut, dann gab es erneut Ärger für den Europameister von 1980. "Bayer ohne Schuster??? Das ist wie Calmund ohne Bauch!" stand auf einem Fanplakat, nachdem Schuster am 03. November 1995 aus dem Kader geworfen worden war und sich dennoch auf die Bayer-Bank setzte. Die Mannschaft fand das Verhalten ihres Mitspielers "unmöglich", wie Rudi Völler es stellvertretend für die anderen ausdrückte. Kurz darauf wurde Schuster von seinen Teamkollegen als Kapitän abgesetzt. Er beendete seine aktive Karriere schließlich bei UNAM Pumas in Mexiko-Stadt.

"Libero, Pilot und dann ein Buch schreiben"

Nach seiner Laufbahn auf dem grünen Rasen startete er 1997 seine Karriere am Seitenrand bei Fortuna Köln. Und genau wie sein Leben als Fußballer war auch seine Zeit als Trainer geprägt von Höhen und Tiefen. Immerhin holte er mit Real Madrid den Titel des spanischen Meisters. Sein Stil: Äußerst sachlich. Oder wie es FC-Manager Hannes Linßen einmal sagte: "Ich glaube, dass Bernd Schuster der ruhigste Trainer der Vereinsgeschichte war." Er selbst beschrieb sein Auftreten am Seitenrand so: "Ich bin der Meinung, dass die Arbeit unter der Woche gemacht werden sollte. Und dass man nicht beim Spiel noch wie ein Polizist herumturnen muss, als wäre gerade die Ampel kaputtgegangen." Zuletzt wurde Schuster Mitte Februar 2019 beim chinesischen Klub von Dalian Yifang entlassen.

Als Bernd Schuster noch beim FC Barcelona spielte, beschrieb er seine Träume vom Leben einmal so: "Libero, Pilot und dann ein Buch schreiben." Er schränkte allerdings ein: "Jetzt, wo ich noch spiele, werde ich auf keinen Fall ein Buch schreiben, obwohl ich einen Krimi liefern könnte, dagegen wäre Tonis Buch ein Micky-Maus-Heft." Leider hat er auch nach seiner aktiven Karriere noch nicht in den alten Erinnerungen gekramt und etwas zu Papier gebracht. Vielleicht kommt das ja noch. Heute feiert Bernd Schuster seinen 60. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch und Glück auf!

Quelle: ntv.de