Fußball

Fußball-Zeitreise, 29. 9. 1981 Bill Shankly geht beim FC Everton Gassi

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"Wenn Everton bei mir im Garten spielen würde, dann würde ich die Vorhänge zuziehen": Bill Shankly, hier ein Foto aus dem Jahr 1981.

(Foto: imago/Horstmüller)

Heute vor 37 Jahren starb in Liverpool die Trainer-Legende Bill Shankly. Unser Kolumnist erinnert an den unvergesslichen Vorgänger von Jürgen Klopp beim FC Liverpool. Der wohnte in Anfield. Und den Lokalrivalen FC Everton mochte er so gar nicht.

Liverpools Ikone Bill Shankly kennen die allermeisten Menschen vor allem wegen seines unsterblichen Zitats: "Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel mehr als das!" Und tatsächlich lebte der Trainer der Reds ziemlich genau nach dieser Devise. Als ein Reporter Shankly nach einer uralten Geschichte fragte, antwortete dieser sichtlich erregt: "Natürlich habe ich meiner Frau nicht als Hochzeitstagsgeschenk das Spiel in Rochdale geschenkt. Es war ihr Geburtstag. Meinen Sie, ich habe während der Fußballsaison geheiratet? Und außerdem war es nicht Rochdale, sondern nur die Reserve von Rochdale."

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Unvergessen: Statue vor dem Stadion an der Anfield Road.

(Foto: imago/Action Plus)

Seine Frau Nessie akzeptierte, dass sie im Leben ihres Mannes nur an zweiter Position stand. Hinter dem Verein, der ihm alles bedeutete: "Der FC Liverpool wurde für mich geschaffen, und ich wurde für den FC Liverpool geschaffen." Als er in einem Hotel seine Adresse angeben sollte, schrieb Shankly: "Anfield". Der Rezeptionist zeigte sich irritiert. Woraufhin der Trainer der Reds erwiderte: "Aber da wohne ich doch!"

Neben dem FC Liverpool gab es für Shankly nichts - außer seiner behutsam gehegten Feindschaft zum Lokalrivalen FC Everton: "Es gibt nur zwei gute Mannschaften in Liverpool: unsere erste Mannschaft und unsere Reserve!" Trotz seiner Besessenheit konnte er einer Partie des FC Everton nichts abgewinnen: "Wenn Everton bei mir im Garten spielen würde, dann würde ich die Vorhänge zuziehen."

Die Begegnungen des Lokalrivalen interessierten ihn nur, wenn wieder einmal ein Derby anstand. Das waren Tage, an denen Shankly zur Höchstform auflief. Eines Tages drückte er den verdutzten Ordnern am Eingang zu den Katakomben von Anfield Toilettenpapier-Rollen in die Hand und sagte: "Hier. Verteilt die bitte, wenn die Mannschaft von Everton kommt. Sie werden sie gebrauchen können!"

Seine Spieler haben Shankly verehrt

Nach dem Sieg im Jahre 1971 gegen den Lokalrivalen im Halbfinale des FA Cups sagte der Liverpool-Coach: "Dieses Spiel hätte ich um nichts in der Welt versäumen wollen. Selbst wenn ich tot gewesen wäre, hätte ich dafür gesorgt, dass man meinen Sarg ins Stadion bringt, mitten auf die Tribüne stellt und ein Loch in den Deckel schneidet." Als Weltmeister Alan Ball 1966 vom FC Blackpool zum FC Everton wechselte, überspielte Shankly seine Enttäuschung, dass Ball nicht bei den Reds unterschrieben hatte, mit einer ironischen Bemerkung: "Mach dir nichts draus, Alan. Immerhin spielst du ja nun ganz in der Nähe einer großen Mannschaft."

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Liverpool-Fans 1974.

Selbst vor dem Tod machte Bill Shankly mit seinen Sticheleien keinen Halt. Auf der von Menschenmassen gesäumten Beerdigung des legendären Everton-Spielers William "Dixie" Dean sagte der Reds-Trainer: "Ich weiß, dass dies ein trauriger Anlass ist. Aber ich denke, Dixie wäre tief beeindruckt zu sehen, dass er sogar tot mehr Menschen ins Stadion locken würde als die aktuelle Elf von Everton an einem Samstagnachmittag." Dixie Dean hatte 1980 während der laufenden Partie zwischen Everton und Liverpool im Goodison Park einen Herzinfarkt erlitten. Kurz darauf war der ehemalige englische Nationalspieler verstorben. "Ich schaue jeden Sonntag in die Zeitung, um zu gucken, wo Everton gerade steht. Natürlich gehe ich die Tabelle von unten nach oben durch", erklärte Shankly mal, und seine Frau Nessie ergänzte: "Als letzte Sache des Tages geht Bill abends immer noch mit dem Hund über die Trainingsplätze von Everton Gassi. Das arme Tier darf nicht zurückkommen, bis es nicht genau dort sein Geschäft gemacht hat."

Seine Spieler haben Shankly verehrt. Wenn ein Reporter einen seiner Jungs kritisierte, konnte man sicher sein, dass der Trainer eine passende Antwort hatte: "Sie haben vollkommen Recht. Roger Hunt schießt tatsächlich sehr häufig daneben. Aber er steht auch immer an der richtigen Stelle, um überhaupt danebenschießen zu können." Wenn einer, wie in diesem Falle sein schottischer Stürmer Ian St John, tatsächlich einmal Ladehemmung hatte, sprach ihm Shankly auf seine Weise Mut zu: "Wenn du mal nicht weißt, was du als Nächstes mit dem Ball anfangen sollst - schieß ihn erst einmal ins Tor. Wir unterhalten uns dann später über deine anderen Möglichkeiten." Und zu seinem als schwieriger Typ bekannten Abwehrrecken Tommy Smith sagte Shankly: "Mein Junge, du könntest wahrhaft einen Aufstand auf einem Friedhof auslösen." Er wusste schließlich genau, was er an Smith hatte: Noch nach seiner Karriere war der nunmehrige Kolumnist seinem Verein treu ergeben: "Ich schreibe auch über die Everton-Spiele. Aber wenn Krieg wäre, wüsste ich, auf welcher Seite ich stünde."

Shankly ist eine Legende. Ein Mann der Tat und des Wortes. Seine Sprüche sind in die Geschichte des Fußballs eingegangen. So auch dieser: "Ich war der beste Trainer von allen und hätte noch mehr Erfolge verdient. Ich habe nichts Unaufrichtiges gemacht. Ich würde mit Zähnen und Klauen kämpfen und ihr sogar das Bein brechen, wenn ich gegen meine Frau spielen würde, aber ich würde sie nicht betrügen." Am 29. September 1981 starb dieser große Trainer und Fußballfanatiker. Bill Shankly ist unvergessen.

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Quelle: n-tv.de

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