Fußball

Neuer cool wie eine Gurke DFB-Elf bockt, Löw tobt, Kundschaft pfeift

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Joachim Löw und Hansi Flick sind sichtlich unzufrieden.

(Foto: imago/Schüler)

Deutschlands Fußballer starten mit einem Sieg ins WM-Jahr, doch glücklich ist damit keiner - bis auf die starken Chilenen. Die DFB-Elf aber treibt ihren Trainer mit einem rätselhaften Auftritt auf die Palme. Spielstark sieht anders aus.

Joachim Löw klang hinterher ein wenig hilflos, als er zu erklären versuchte, was eigentlich die Idee gewesen war. "Wir wollten frühes Pressing spielen." Für einen Mann, dessen Plan nicht aufgegangen war, blieb der Bundestrainer erstaunlich ruhig. Keine halbe Stunde zuvor hatte er seinen Bereich vor der Trainerbank verlassen, am Rand des Rasens getobt, mit den Armen gefuchtelt und geschimpft. Was war geschehen? Die deutsche Fußball-Nationalelf hat am Mittwochabend vor 54.449 Zuschauern in Stuttgart ihr Testspiel gegen Chile gewonnen, weil Mario Götze nach einer guten Viertelstunde ein schönes Tor schoss. Aber ein guter Start in das Jahr, in dem ab dem 12. Juni in Brasilien die Weltmeisterschaft stattfindet, war das nicht.

Deutschland - Chile 1:0 (1:0)

Tor: 1:0 Götze (16. Minute)

Deutschland: Neuer - Großkreutz, Boateng, Mertesacker, Jansen (24. Schmelzer) - Lahm, Schweinsteiger - Götze (83. Podolski), Kroos, Özil (89. Ginter) - Klose (46. Schürrle)
Chile: Herrera - Gutierrez, Jara, Isla, Medel - Vidal (90. Fernández), Vargas (86. Pinilla) - Aranguiz (80. Orellana), Silva (83. Marcos Gonzáles) - Sanchez, Beausejour (76. Valdivia)
Schiedsrichter: Clattenburg (England) - Zuschauer: 54.449

Was, zugegeben, auch an den Chilenen lag. Die Mannsch aft des argentinischen Trainers Jorge Sampaoli spielte Pressing, und zwar vom Feinsten, sie setzte die deutsche Mannschaft ebenso permanent wie früh unter Druck. Die fand zu selten ein spielerisches Mittel, sich erfolgreich dagegen zu wehren. Im Gegenteil: Ihr unterliefen viel zu viele Fehler, sie verlor zu oft den Ball und lieferte in der zweiten Halbzeit etwas, was die Bezeichnung Abwehrschlacht verdient hatte. Dass die DFB-Elf die Partie dennoch gewann, war allein der Tatsache geschuldet, dass es dem Gegner trotz einer Fülle bester Chancen nicht ein einziges Mal gelang, den Ball an Manuel Neuer vorbei ins deutsche Tor zu befördern.

"Es war ein glücklicher Sieg", räumte Löw ein. "Heute waren wir nicht in der Lage, das Spiel dominant zu gestalten." Aber was blieb ihm, ohne sich lächerlich zu machen, auch anderes übrig? Dennoch war der Bundestrainer gewillt, dass Gute im Mittelmäßigen zu finden. "Das war genau der Gegner, den wir gebraucht haben." Denn: "Es ist immer ganz gut, wenn man sieht, dass es nicht nur in Deutschland gute Fußballer gibt. Wir müssen noch kräftig zulegen in den nächsten Monaten." Der Mann hat Recht. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik, die nach dem Löw’schen Weckruf vom Montag ein wenig wie bockige Schüler reagierten, die nur ungern auf Kommando sofort sputen.

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Manuel Neuer überzeugt im grünen Dress.

(Foto: REUTERS)

Manuel Neuer: Einmal, genau einmal hatte der 2 7 Jahre alte Tormann des FC Bayern Glück. Das war, als der chilenische Angreifer Eduardo Vargas den Ball an die untere Seite der Latte schoss. Der Rest war Können an einem Abend, der ihm weit mehr Arbeit bescherte, als er es aus München gewohnt ist. Er aber hielt, was es zu halten gab, war in seinem 45. Länderspiel wie stets aufmerksam und konzentriert - und damit bester Abwehrspieler seiner unter starkem Pressingdruck stehenden Mannschaft. Anlass genug, den englischen Regisseur Steve McQueen zu zitieren. Der bekam jüngst den Oscar, freute sich wie Bolle, und sagte dann: "Jetzt bin ich cool wie eine Gurke." Manuel Neuer trug in Stuttgart ein grünes Trikot.

Kevin Großkreutz: Der Dortmunder Rückkehrer wollte, zumindest hatte er das angekündigt, in Vertretung für den ins Mittelfeld gerückten Kapitäns Philipp Lahm als rechter Verteidiger "befreit aufspielen und Spaß haben". Beides gelang dem 25-Jährigen in seinem vierten Spiel für die DFB-Elf, dem ersten seit über drei Jahren, nur bedingt. Wobei das mit dem Spaß nur schwer zu beurteilen ist. Seine beste Tat war eine offensive, als er sich nach 55. Minuten durchtankte und seinen einzigen Schuss auf das von Johnny Herrera gehütete Tor der Chilenen abgab. In der Defensive beteiligte er sich tapfer an besagter Abwehrschlacht. Nicht schlecht, nicht überragend - solide halt.

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Jeróme Boateng stoppt Chiles Stürmerstar Alexis Sanchez.

(Foto: AP)

Jeróme Boateng: Der 25 Jahre alte Abwehrspie ler war seiner 37. Partie für Deutschland klar der bessere Innenverteidiger. Es scheint ihn zu beflügeln, dass er sowohl beim FC Bayern, als auch in der Nationalmannschaft völlig zurecht als gesetzt gilt. Stand meist da, wo er stehen musste und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, was seiner Dynamik und seinem guten Kopfballspiel keinen Abbruch tut. Seine Pässe landen dort, wo sie landen sollen - nämlich beim Mitspieler. Und das auch, wenn eine Schar wuseliger Chilenen ihn bedrängte. Lassen wir Manuel Neuer als Torhüter mal außen vor, war er der beste Abwehrspieler seines Teams.

Per Mertesacker: Wenn es darum geht, in der Not einen großen Mann mit der Erfahrung von nunmehr 96 Länderspielen in Abwehr zu haben, ist der 29-Jährige vom FC Arsenal genau der Richtige. Er hat sich den inoffiziellen Titel des Abwehrchefs redlich erarbeitet. Eigentlich. Gegen die flinken, aggressiven Chilenen, allen voran Alexis Sanchez vom FC Barcelona und Arturo Vidal von Juventus Turin, wirkte er bisweilen überfordert und längst nicht so gut wie im November beim 1:0-Sieg in Wembley gegen England. Als sei ihm das Ganze da unten zu wuselig gewesen. Er war nur der zweitbeste Innenverteidiger einer Mannschaft, die einen etwas präsenteren Mertesacker hätte gebrauchen können. Der konstatierte: "Das war ein Vorgeschmack auf die WM. Wir hätten viel schneller umschalten müssen. Wir haben es nicht geschafft, dem Gegner wehzutun. Das war eine gute Lehrstunde."

Marcell Jansen: Auf dem Hamburger SV scheint ein Fluch zu liegen. Nicht nur, dass dem Bundesligisten der Absturz in die Zweitklassigkeit droht, jetzt verletzen sich auch noch seine Nationalspieler. Bereits im Abschlusstraining traf es Angreifer Pierre-Michel Lasogga, nach 24 schwachen Minuten in der Partie gegen Chile dann den 28 Jahre alten Linksverteidiger Jansen in seinem 45. Länderspiel. Diagnose: Bänderriss im linken Sprunggelenk. Für ihn kam der 26-jährige Dortmunder Marcel Schmelzer zu seinem 16. Einsatz. Der machte seine Sache vor allem defensiv ein wenig besser als sein für viele überraschend in die Startelf berufener Vorgänger. Wenig überraschende Erkenntnis: Die beiden Planstellen am linken und rechten Ende der Viererabwehrkette bleiben die großen Baustellen in der deutschen Mannschaft.

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Diesmal nicht so glänzend: Philipp Lahm.

(Foto: imago/Contrast)

Philipp Lahm: Hatte vor der Begegnung ges agt, dass er gerne wie beim FC Bayern auch im Nationalteam im defensiven Mittelfeld spielt. "Das ist etwas Neues, das macht Spaß." Was man in Stuttgart gesehen hat. Der 30 Jahre alte Kapitän baute zwar, sehr ungewöhnlich, in seinem 105. Spiel in der zweiten Halbzeit ab. Doch erstens war er damit nicht alleine, und zweitens gilt nach wie vor: Selbst wenn Lahm einen schlechteren Tag hat, ist er immer noch gut. Er versuchte zumindest, dem Spiel Struktur und Ordnung zu geben. Und rettete nach neun Minuten nach einem Kopfball von Vidal auf der Torlinie. Hinterher fühlte er mit dem Publikum: "Ich kann die Pfiffe der Zuschauer verstehen. Dass wir noch Arbeit vor uns haben bis zur WM, ist doch klar. Wir haben uns aber immer gut vorbereitet, da mache ich mir keine Sorgen." Wenig überraschende Erkenntnis: Das Beste für die DFB-Elf wäre es, sie hätte drei Lahms: einen hinten rechts, einen hinten links und einen auf der Sechserposition.

Bastian Schweinsteiger: Was auffällt ist: Wenn der Bundestrainer über ihn spricht, sagt er stets, was für ein wichtiger Spieler er sei, "mit seiner Ballsicherheit und taktischen Finesse". Doch stets fügt Löw hinzu: "Wenn er fit ist." Was daran liegen könnte, dass der 29-Jährige nach diversen Verletzungen körperlich noch nicht so weit ist, um konstant zu überragen. Auch nicht in seinem 101. Länderspiel, das er gut begann, zweikampfstark und mit Übersicht, wenn es darum ging, die Bälle nach vorne zu passen und das Spiel anzukurbeln. Noch ist er nicht wieder der Chef, der er mal war. Hinterher gab er zu Protokoll: "Sieg ist Sieg, Chile war schon sehr gut. Wir haben unsere Chancen nicht gut zu Ende gespielt. Wir müssen noch viel verbessern. Aber Chile ist immerhin eine der besten Mannschaften in Südamerika."

Mario Götze: Wenig überraschende Erkenntnis: Der 21 Jahre alte Münchner ist ein feiner Fußballer. Wie er im 27. Länderspiel sein siebtes Tor erzielte, war nicht nur technisch perfekt, sondern auch abgezockt. Er war der beste Offensivspieler seines Teams. Noch besser wäre es nur gewesen, wenn er nach 34 Minuten einen zweiten Treffer nachgelegt hätte. Zudem gelang es ihm in der zweiten Halbzeit nicht, sich ausreichend gegen das kollektive Abtauchen seiner Mitspieler zu stemmen. Nach 83 Minuten machte er auf Geheiß des Bundestrainers Platz für den 28 Jahre alten Lukas Podolski. Der rannte in seinem 112. Länderspiel sofort auf den chilenischen Torwart Herrera zu, der ihm vor lauter Schreck den Ball an die Brust schoss. Von dort ging er zwar ins Aus, das Publikum belohnte ihn dennoch prompt für diesen heldenhaften Einsatz mit Sprechchören.

Toni Kroos: Glänze zuletzt im Trikot des FC Bayern, unerklärlicherweise tat der 24-Jährige das im neuen schwarz-roten Dress der Nationalmannschaft in seinem 42. Länderspiel nicht. Eine Minute vor der Pause leitete er mit einem Fehlpass gar eine von vielen Tormöglichkeiten der Chilenen ein, die in diesem Fall Charles Aránguiz vergab. Und sonst? Verpasste er die Chance, als zentraler Mann im Mittelfeld seine Kollegen in Szene zu setzen. Ob es daran lag, dass der Bundestrainer ihn vorher nahezu überschwänglich gelobt hatte? "Er ist wahnsinnig wichtig in unserem System, in unserem Puzzle", hatte Löw gesagt. Es bleibt der Verdacht, dass er sich immer dann zurückzieht, wenn der Gegner allzu aggressiv zu Werke geht. Kritiker basteln daraus sogar einen Vorwurf.

Mesut Özil: Der 25 Jahre alte Kreativakteur des FC Arsenal wurde vor der Partie als Nationalspieler des Jahres 2013 ausgezeichnet, die Fans hatten ihn gewählt. Prompt bereitete er in seinem 53. Länderspiel mit einem klugen Pass den Siegtreffer vor. Auch sonst war er sichtlich bemüht, nicht in den Verdacht zu geraten, er sei einer der Spieler, die der Bundestrainer gemeint haben könnte, als er davon sprach, es gebe Kandidaten, die sollten vor der WM lieber noch an sich arbeiten. Hängt aber nach wie vor in seinem Formtief fest. Und zu allen Überfluss pfiffen ihn die Zuschauer aus, als eine Minute vor dem Ende der Partie der fünf Jahre jüngere Matthias Ginter für ihn in die Partie kam - ein Debüt, ein Debüt! Also für Ginter, nicht für Özil. Obwohl: Häufig kommt das mit den Pfiffen nicht vor. Unabhängig davon ist der Freiburger nun der 900. Nationalspieler in der 113 Jahre währenden Geschichte des DFB. Da reichen auch vier Minuten, Nachspielzeit mitgerechnet.

Miroslav Klose: Auch nach seinem 131. Länderspiel darf der 35-Jährige stolz darauf sein, 68 Tore für die DFB-Elf erzielt zu haben. Nur den Rekord von Gerd Müller hat er immer noch nicht geknackt. Eine Torchance hatte er, doch er vergab sie nach einer guten halben Stunde. Ansonsten hing der Angreifer von Lazio Rom als einzige Spitze im Löw'schen System meist in der Luft, auch wenn er sich redlich bemühte. Ihm war deutlich anzumerken, dass er zuletzt angeschlagen war und es ihm an Spielpraxis mangelt. Viel davon hat er in Stuttgart nicht gesammelt. Musste nach der Pause nicht mehr ran, für ihn kam der zwölf Jahre jüngere André Schürrle in die Partie und zu seinem 31. Länderspiele. Eifrig wie stets - das war's.

Quelle: n-tv.de

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