Fußball

Neuers Slapstick, Lahms Kölsch, Podolskis Liebe DFB-Elf bucht Brasilien und lässt die Sau raus

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Haben allen Grund, sich zu freuen: Philipp Lahm und Sami Khedira

(Foto: dpa)

Das mit der WM ist gebongt, Deutschlands Fußballer fliegen nach Brasilien. Anlass genug, in der Kabine über die Stränge zu schlagen - mit einem Fässchen Kölsch, über das Kapitän Philipp Lahm müde lächelt. Ansonsten alles sehr solide - nur Lukas Podolski ist traurig.

Zum Schluss wagte der Kapitän gar ein Scherzchen. Die deutschen Fußballer hatten soeben im ausverkauften Kölner Stadion vor 46.237 Zuschauern die Iren mit 3:0 (1:0) besiegt, damit die Berechtigung erworben, im kommenden Jahr an der Weltmeisterschaft in Brasilien teilzunehmen - und sich aus diesem durchaus gutem Grund in der Kabine ein wenig amüsiert. Zur Feier des Abends mit Alkohol, wie es hieß. Doch Philipp Lahm lächelte nur müde. "Das Fässchen Kölsch war so groß wie eine Maß auf der Wiesn." Nicht der Rede wert also, zumindest nicht für einen Bayern.

Nicht der Rede wert war allerdings auch der Erfolg gegen arg biedere Iren, die sich lange erfolgreich bemühten, den Schaden in annehmbaren Grenzen zu halten, indem sie sich vor ihrem Strafraum einigelten und die Deutschen machen ließen. Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim lieferte im besten Sinne Standard, Handwerk auf hohem Niveau - ohne das Publikum an diesem regnerischen Abend in Müngersdorf in Ekstase zu versetzen.

Deutschland - Irland 3:0 (1:0)

Tore: 1:0 Khedira (12.), 2:0 Schürrle (58.), 3:0 Özil (90.+1)
Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Boateng, Jansen - Khedira (ab 82. Kruse), Schweinsteiger - Müller (ab 88. Sam), Kroos, Schürrle (ab 86. Götze) - Özil
Irland: Forde - Coleman, Clark, Delaney, Kelly - Gibson, Wilson - Whelan, McCarthy, Doyle - Stokes
Schiedsrichter: Gumienny (Belgien)
Zuschauer: 46.237 (ausverkauft)

Nach den Toren von Sami Khedira, André Schürrle und Mesut Özil stand am Ende das fünfte 3:0 und der achte Sieg im neunten Spiel dieser WM-Qualifikation. Dementsprechend zufrieden war auch der Bundestrainer. "Wir haben gezeigt, dass wir schon das Maß aller Dinge waren in dieser Gruppe." Große Worte, wenn auch nicht so laboriert wie die von Lukas Podolski. Der konnte, weil verletzt, nicht mitspielen, saß aber als Herzenskölner selbstverständlich auf der Tribüne. Und verkündete über die Lautsprecher: "Isch wär viel gerner aufm Platz!" Darauf ein Kölsch. Oder doch einen Caipirinha? Die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Die Null steht, bereits im dritten Spiel in Folge. Das liegt auch am 27 Jahre alten Schlussmann aus München, der gegen Ende der Partie zweimal prima parierte, ansonsten aber in seinem 42. Länderspiel sehr unter dem unwirtlichen Wetter gelitten haben muss. Viel zu tun hatte er nämlich nicht. Zeit genug, nach einer Viertelstunde einen Balljungen anzupfeifen, weil der den Ball Irlands Kevin Doyle schneller zukommen ließ, als Neuer es für richtig hielt. Er zeigte dem Knaben den Scheibenwischer und rief ihm etwas zu, was wir hier mal mit "Bist du bescheuert!?" übersetzen. Ließ sich kurz vor der Pause von Ciaran Clark überraschen, der mit einem Kopfball die Latte traf. Sechs Minuten nach dem Seitenwechsel sorgte Neuer mit einer Slapstick-Einlage außerhalb seines Strafraums auf dem nassen, rutschigen Rasen für Erheiterung. Aber: Es is ja noch mal jot jejange.

Philipp Lahm: Der laut Bundestrainer "beste Außenverteidiger der Welt" spielt beim FC Bayern ja nun im defensiven Mittelfeld. In Köln hingegen verteidigt er nach wie vor am rechten Ende der Viererabwehrkette. Also eigentlich. Gegen Irland war der 29 Jahre alte Kapitän in seinem 101. Länderspiel noch mehr in der Offensive zugange, als man das eh von ihm kennt - rechts und in der Mitte. In der ersten Halbzeit exzellent, bereitete er Sami Khediras Tor und weitere Chancen vor. Und ließ es nach der Pause nur unwesentlich ruhiger angehen. War mit sich und der Welt zufrieden. Nur mit der Größe des Fässchens halt nicht. "Die Mannschaft hat über ein Jahr gut gearbeitet. Es waren gute und weniger gute Spiele dabei, aber das ist normal. Gegen Irland haben wir von Anfang an Druck gemacht und wenig zugelassen." Und was ist ihm lieber, Verteidiger oder Sechser? "Ich werde immer da spielen, wo der Trainer mich aufstellt." Ach. Und was macht mehr Spaß? "Beides, absolut."

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Mangelnde Standfestigkeit konnte man Per Mertesacker jedenfalls nicht vorwerfen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Per Mertesacker: Stach in der Innenverteidigung erneut Mats Hummels aus. Oder war es Jérome Boateng, der den letzten verbliebenen Dortmunder verdrängte? Jede nfalls lieferte der 29 Jahre alte Mertesacker, im Hauptberuf Betreuer von Mesut Özil beim FC Arsenal in London, in seinem 93. Länderspiel eine solide Partie. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sagen wie es so: Hummels sollte jetzt nicht Hals über Kopf umschulen, nur weil er dreimal hintereinander in der Nationalelf nicht mitspielen durfte.

Jérome Boateng: Der 25-Jährige vom FC Bayern fiel in seinem 32. Länderspiel von Beginn an durch seine leuchtenden, neongelbgrünen Schuhe auf. Fiel zum Ende hin, exakt in der 83. Minute, dadurch auf, dass er den Ball aus 25 Metern mit solcher Gewalt an die Latte des irischen Tores schoss, dass das Publikum raunte. Ansonsten solider Standard, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Hummels wird das registriert haben.

Marcell Jansen: "Mein Ehrgeiz ist es, so viele Spiele wie möglich zu machen. Jeder wird seine faire Chance bekommen, und die versuche ich zu nutzen" hatte der 27 Jahre alte Linksverteidiger des Hamburger SV vor seinem 41. Länderspiel angekündigt, der im März nach zweieinhalbjähriger Verbannung in den Kreis der Löw’schen Eleven zurückgekehrt war. Und gegen Irland von Beginn an spielen durfte, weil der Dortmunder Marcel Schmelzer verletzt passen musste. Der wird aufmerksam registriert haben, dass sein Konkurrent auch kein Flankengott ist. Aber defensiv, Sie ahnen es, solide. Er hat sich sichtbar bemüht.

Sami Khedira: Neben Philipp Lahm war der 26-Jährige von Real Madrid der beste Spieler seiner Mannschaft. Übernahm in seinem 42. Länderspiel die Chefrolle als Sechser vor der Abwehr, verteilte die Bälle und schoss, wenn auch mit irischer Hilfe in Person von Clark, das erste Tor. Und das alles auf der Position, auf der viele lieber Lahm sehen würden, weil der diese Rolle im Verein so prächtig spielt. Khedira sah seine zweite Gelbe Karte in dieser Qualifikation und muss am Dienstag nicht mit nach Stockholm, wenn es im abschließenden Gruppenspiel gegen Schweden um die Goldene Ananas geht. Oder darum, das legendäre 4:4 aus dem Hinspiel vergessen zu machen. Obwohl: Das wird niemals gelingen. Ob mit oder ohne Khedira. Ab der 82. Minute durfte dann endlich der Mönchengladbacher Max Kruse mitspielen und kam mit seinen 25 Jahren zu seinem vierten Länderspiel.

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Noch nicht so ganz auf der Höhe: Bastian Schweinsteiger

(Foto: dpa)

Bastian Schweinsteiger: Das 99. Länderspiel des 29 Jahre alten Münchners. Jetzt hat er eins mehr als Michael Ballack. Darauf einen Schnaps. Zumal es Schweinsteigers erstes seit knapp sieben Monaten war. Allerdings behaupten böse Zungen, dass ein Attest dieses Mal die bessere Lösung gewesen wäre. Wirkte wie einer, an dem das Spiel vorbeiläuft. Was daran lag, dass das Spiel an ihm vorbeilief. Dabei durfte er wie beim FC Bayern weiter vorne im Mittelfeld spielen und Khedira die Arbeit als Sechser vor der Abwehr überlassen. Doch drücken wir ein Auge zu und sagen: solide. Sein Kommentar? "Jetzt freuen wir uns sehr, dass wir uns qualifiziert haben. Das ist ein schönes Gefühl. Dass wir Fußball spielen können, steht außer Frage. Deswegen war das heute gegen eine defensiv eingestellte Mannschaft okay. Ich denke, wir hatten viele Möglichkeiten, um ein Tor zu machen."

Thomas Müller: Dauerpendler im Dienste der deutschen Angriffsvariabilität. Von rechts in die Mitte und wieder zurück. Der 23 Jahre alte Münchner zeigte als Außenstürmer in seinem 44. Länderspiel, das er in guter Form ist, war unermüdlich, lauffreudig wie stets. Macht Spaß, ihm zuzusehen. Schließlich ist Fußball auch Unterhaltung. Ausgesprochen torgefährlich war er gegen einen ausgesprochen defensiven Gegner zwar nicht, aber das unterschied ihn kaum von den meisten seiner kurzpassfreudigen Kollegen. "Die Iren waren das ganze Spiel im eigenen Strafraum. Das ist unangenehm zu spielen, aber nicht verboten. Solche Situationen müssen wir lösen." Haben sie ja letztlich auch. Für ihn durfte Sidney Sam die letzten zwei Minuten auf den Rasen. Der Leverkusener ist wie der Kollege Kruse 25 Jahre alt und absolvierte wie Kruse sein viertes Länderspiel.

Toni Kroos: Es ist ja nicht ganz einfach mit diesen Bewertungen. Aber wir legen uns fest und nehmen den 23 Jahre alten Mittelfeldspieler des FC Bayern, weil weitaus mehr als solide, in die Dreierbande der besten deutschen Akteure auf. Er war in seinem 37. Länderspiel in der offensiven Zentrale in seinem Element. Und bereitete das 2:0 durch Schürrles André mit einem feinen Lupfer vor. Joachim Löw attestierte ihm gar ein außerordentlich gutes Spiel. "Alles was er macht, hat heute Hand und Fuß gehabt." Bis auf seine vergeblichen Versuche vielleicht, aus der Distanz ein Tor zu erzielen.

André Schürrle: Neuerdings mit Bart oder zumindest etwas Bartähnlichem im Gesicht, erzielte der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler des FC Chelsea in seiner 27. Partie für Deutschland seinen achten Treffer. Und das mit einer Drehung nach Art des legendären Gerd Müller. Mit dem Ball am Fuß ist der ehemalige Leverkusener auf dem linken Flügel immer eine Option. Allerdings dürfte er so schnell nicht am Dortmunder Marco Reus vorbeiziehen, wenn der wieder fit ist. Schürrle aber war zufrieden: "Ich freue mich, dass ich meine Leistung bringen konnte. Mehr freut mich, dass wir zur WM fahren." Vier Minuten vor dem Ende wechselte der Bundestrainer ihn aus und den 21 Jahre alten Münchner Mario Götze ein. Der darf es sich in seinem 23. Einsatz für die DFB-Elf hoch anrechnen lassen, dass er tatsächlich mit Strümpfen des richtigen Ausrüsters spielte. Hat er sich doch nicht getraut, nochmals diese Nummer mit dem Guerilla-Marketing abzuziehen.

Mesut Özil: Der bis Dienstag noch 24 Jahre alte Mittelfeldspieler des FC Arsenal hat sich nicht nur vom Kollegen Mertesacker in die Feinheiten des Linksverkehrs auf der Insel einweihen lassen. Nein, der teuerste Spieler in der Geschichte des deutschen Fußballs, das hat er in seinem 50. Länderspiel gezeigt, kann’s auch mit dem Ball. Wie beim 3:0 in der Nachspielzeit, als er den Ball mit dem linken Außenrist sehr lässig am irischen Torhüter David Forde vorbeilupfte. Allerdings hat ihm der Bundestrainer nicht den größten aller Gefallen getan, als er ihn in die Angriffsmitte beorderte. Er ist der Mann für den finalen Pass - und den kann er sich ja schlecht selbst zuspielen. Zumindest an diesem Abend die falscheste Neun in der Geschichte des deutschen Fußballs.

Quelle: n-tv.de

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