Fußball

Stanisic-Vorfall gegen BayernDFB-"Problemkind" Rüdiger fällt erneut negativ auf

16.04.2026, 15:46 Uhr
imageVon Martin Armbruster
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Antonio Rüdiger mischte beim Spiel in München für Real Madrid gewohnt kräftig mit. (Foto: IMAGO/PsnewZ)

Real Madrid dreht nach dem bitteren Champions-League-Aus beim FC Bayern frei, spuckt Gift und Galle. Auch der "vorbestrafte" Nationalspieler Antonio Rüdiger fällt mal wieder negativ auf. Bröckelt die Bewährung des DFB jetzt?

Bei den Spielern von Real Madrid brannten nach dem Schlusspfiff in der Allianz Arena die Sicherungen durch. Das 3:4 und der bittere Knock-out in der Champions League lösten eine königliche Eruption der Wut gegen Schiedsrichter Slavko Vinčić aus. Vinicius Jr. höhnte, Kylian Mbappé wetterte, Doppeltorschütze Arda Güler giftete und sah dafür sogar Rot. Und "natürlich" war auch Nationalspieler Antonio Rüdiger mittendrin, als sich Real Madrids geballter Frust in München entlud. Natürlich, weil Rüdiger eigentlich immer mitmischt, wenn es hitzig wird, wenn Zündschnüre abgebrannt sind, wenn Emotionen explodieren.

Der Verteidiger war zuvor allerdings schon auf dem Rasen einmal mehr negativ aufgefallen. Kurz vor dem zwischenzeitlichen 2:3 der Gäste hatte er Bayerns Josip Stanisic tief in der Hälfte der Madrilenen umgecheckt. Ein knüppelhartes Einsteigen, das eher an Eishockey erinnerte und das der Unparteiische hätte ahnden müssen. Mit viel gutem Willen ließ sich Rüdigers Aktion noch in die Kategorie "internationale Härte (wenngleich Foul) in einem entscheidenden Spiel abheften". Den wirklich unappetitlichen Nachgeschmack hinterließ der 33-Jährige erst im Anschluss. Während Reals Konter in wahnwitzigem Tempo aufs Tor der Bayern rollte, rannte Rüdiger auf den am Boden liegenden Stanisic zu, beugte sich über den Gegenspieler und schrie ihm ins Gesicht, was die Kommunikationszentrale in seinem Gehirn in diesem Moment den Lippen befahl. Darf man Stanisic glauben, war es ein Schimpfwort. In jedem Fall war es ein unsportliches Verhalten.

"Meines Erachtens geht so was gar nicht. Es ist genau nur ein Wort gefallen – und das zweimal", klagte Stanisic nach dem Spiel in der Mixed Zone. "Aber Sie können ihn ja selbst fragen, was er gesagt hat. Vielleicht ist er Mann genug, es zuzugeben." Von Rüdiger gab es dazu keinen Kommentar. Was er tatsächlich gesagt hat, ist also unklar. Im Zweifel steht Aussage gegen Aussage. Abgeduscht präsentierte sich der Abwehrmann in den Katakomben relativ routiniert, beschränkte sich auf eine zulässige Minimalkritik am Spielleiter. "Es ist immer am besten, nicht über den Schiedsrichter zu reden", kommentierte er den aus Real-Sicht unberechtigten Platzverweis gegen Eduardo Camavinga in der 86. Minute: "Jeder hat die Situation gesehen. Es ist besser, wenn ich heute nicht rede."

Nagelsmann hatte gerade erst versucht, die Causa abzuheften

Besser wäre es allerdings auch gewesen, nicht wie von der Tarantel gestochen auf Stanisic zuzurennen und diesen mutmaßlich zu beschimpfen (Achtung Verdachtsberichterstattung). Zwar moderierte Stanisic den Vorfall mit der Souveränität des Viertelfinalsiegers ab: "Ich bin keiner, der böses Blut will. Und ich nehme es auch nicht persönlich. Es passiert in der Hitze des Gefechts. Für mich ist die Sache auch gegessen." Aber: Für den DFB und Bundestrainer Julian Nagelsmann kommt der neuerliche Aussetzer zur Unzeit. Die Fragen nach Rüdigers Verhalten, nach Vorbildfunktion und möglichen Konsequenzen werden unweigerlich ins DFB-Quartier flattern.

Dabei hatte Nagelsmann im Rahmen der Länderspielreise Ende März versucht, die Causa Rüdiger ad acta zu legen und den Fokus aufs Sportliche zu richten. Die (mediale) Debatte um den heißblütigen Madrilenen hatte sich an einem brutalen Foulspiel Rüdigers in La Liga entzündet. Im Spiel gegen Getafe traf er seinen Gegenspieler Diego Rico mit dem Knie im Gesicht, als dieser schon am Boden lag. Rüdiger habe versucht, "mir das Gesicht einzuschlagen", beklagte Rico. Nagelsmann schütze seinen Spieler. Rüdiger spiele "am Limit", das zeichne ihn aus, die Szene mit Rico bewertete er als "fußballspezifisches Foul". Der Bundestrainer kanzelte Rüdiger öffentlich nicht ab. Eher klang Nagelsmann wie ein Lehrer, der mahnend den Zeigefinger vor einem verhaltensauffälligen Spieler hebt. Und sowieso: Rüdiger sei zwar einer, der "polarisiert", der die Nationalmannschaft aber auch wie seine "Familie" beschütze, lobte der 38-Jährige den Stellenwert des Innenverteidigers für das DFB-Team.

Nimmt Völler seine eigenen Worte zum Maßstab?

Wie werden Nagelsmann und der DFB auf nun auf den "Rückfall" ausgerechnet gegen den FC Bayern, wo zahlreiche Nationalmannschaftskollegen Rüdigers spielen, reagieren? Die Antwort steht aus. Allerdings hat Sportdirektor Rudi Völler die Richtung bereits vorgegeben. "Das geht nicht, schon gar nicht als deutscher Nationalspieler." "Toni ist ein klasse Spieler – aber Klasse muss er als Nationalspieler auch bei seinem Verhalten zeigen." "Er fordert zu Recht Respekt für sich ein, diesen Respekt muss er ohne Ausnahme auch anderen entgegenbringen."

Alle diese Forderungen sind von Völler. Jede einzelne hat Rüdiger am Mittwochabend missachtet. Gesprochen hatte Völler seine Worte nach einem Ausraster des Real-Profis vor rund einem Jahr. Im Finale der Copa del Rey gegen den Stadtrivalen Atlético Madrid verlor Rüdiger völlig die Kontrolle über sich. Von der Bank warf er eine Tape-Rolle Richtung Schiedsrichter, laut Berichten soll er den Mann mit der Pfeife als "Hurensohn" und "Missgeburt" beschimpft haben. Hallten diese Worte nun auch in Stanisics Ohren? Im Pokal-Endspiel wütete Rüdiger damals wie von Sinnen, ließ sich selbst von den eigenen Leuten nicht beruhigen.

Der spanische Verband sperrte ihn für sechs Spiele, beim DFB zitierten Nagelsmann und Völler ihr "Problemkind" zu einem internen, pädagogischen Austausch. Gemeinsam habe man Rüdiger "im persönlichen Gespräch ins Gewissen geredet", sagte Nagelsmann. Öffentlich positionierte sich Völler mit seinen Forderungen indes eindeutig. Rüdiger wurde zum Nationalspieler auf Bewährung und dadurch zu seinem Spieler, bei dem jede Szene ganz genau unter die Lupe kommt.

Er wisse, dass er eine Vorbildfunktion habe und unter Beobachtung stehe, beteuerte Rüdiger zuletzt immer wieder. Dass Ausfälle wie gegen Atlético "drüber" waren. Das Spiel bei den Bayern legt allerdings den Verdacht nah, dass Rüdiger allzu schnell vergisst - was Völler und Nagelsmann in ein Dilemma stürzt. Nehmen sie sich selbst beim Wort, müssten sie womöglich über einen Denkzettel, vielleicht auch eine Pause in Form einer Strafe nachdenken. Die Nationalmannschaft trifft sich Ende Mai allerdings schon zur WM-Vorbereitung. Will man den sportlich im Kader gesetzten Rüdiger wirklich rauswerfen?

Quelle: ntv.de

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