Sinnlose Debatte nervt nur nochDann lasst Manuel Neuer doch jetzt bitte in Ruhe!

Madrid und München verbeugen sich vor Manuel Neuer. Der Torwart des FC Bayern macht ein verdammt gutes Champions-League-Spiel. Danach flammt die DFB-Debatte wieder auf. Sie zu führen, ist allerdings sinnlos und hat eine unfaire Note.
Manuel Neuer wurde besser und besser. Und hätte er in der 74. Minute des Champions-League-Duells zwischen Real Madrid und seinem FC Bayern auch noch den wütenden Schuss von Kylian Mbappé aus kürzester Distanz gehalten, der Fußball-Olymp wäre komplett neu sortiert worden. Einen festen Platz als einer der besten Torhüter der Geschichte hat der Mann des Rekordmeisters dort ohnehin schon. Vermutlich hätte die Olymp-Jury ihm dann aber den Platz der göttlichen Einzigartigkeit zugewiesen.
Und es hatte ja auch wirklich nicht viel gefehlt, damit Neuer Mbappé auch den allerletzten Nerv geraubt hätte. Er war dran, aber der Ball klatschte von der Unterlatte hinter die Linie. Ein Schönheitsmakel, wenn überhaupt. Wer Dinge suchen möchte, um die Leistung irdischer zu machen als sie war, der findet sie. So leistete sich der Torwart am Anfang ein paar Fehler im Spielaufbau. In einer Phase, als Madrid nicht Madrid war, ermöglichte Neuer Superstar Mbappé über den Umweg Fede Valverde eine Chance, die er natürlich entschärfte. Seine Paraden waren herausragend, im Eins-gegen-eins agierte er wahnsinnig geschickt. Der 40 Jahre alte Keeper verdiente sich eben doch Bestnoten. Über das Sternchen kann man diskutieren - wenn man denn unbedingt will.
"Wir reden jetzt nicht über die Nationalmannschaft"
Anders als über eine Rückkehr in die Nationalmannschaft. Auch wenn dieses Thema bei jeder Gelegenheit neu eröffnet wird. Jedes Mal, wenn Neuer über sich herauswächst. So wie in Bernabeu, als er die vielleicht beste Torwartleistung eines 40-Jährigen in der Geschichte des Fußballs gezeigt hatte. Die Sehnsucht, ihn zurück ins DFB-Team zurückholen zu wollen, ist in bestimmten Kreisen groß. Dabei ist die Debatte eigentlich längst abmoderiert. Neuer hat sich nach der EM 2024 freiwillig aus der Nationalmannschaft zurückgezogen. Und alles zu dem Thema gesagt. Mehr gibt es nicht. Auch an diesem Dienstagabend nicht. "Wir reden jetzt nicht über die Nationalmannschaft", betonte Neuer, "ich habe meine Sachen gesagt und konzentriere mich jetzt auf den FC Bayern."
Warum also wird immer weitergebohrt? Warum wird Neuer mit diesem Thema nicht einfach in Ruhe gelassen, zumal er überhaupt nicht so klingt, als würde er dieses Comeback unbedingt wollen? Warum vertraut man nicht auf Oliver Baumann, der aktuellen Nummer eins, die er auch bleiben wird, sollte Marc-André ter Stegen nicht noch ein gigantisches Fußballwunder erleben? Dass diese Comeback-Diskussion zu Neuer geführt wird, hat damit auch eine unfaire Note.
Unausgesprochen schwingt mit, dass man dem aktuellen Amtsinhaber nicht vertraut - und dem Bundestrainer damit auch nicht. Dabei hat sich Baumann das Vertrauen über viele Jahre erarbeitet. Seit über einem Jahrzehnt, das wird leicht vergessen, gehört er zu den besten Bundesliga-Keepern. Und das war mal ein Welt-Prädikat. Gegen die Schweiz machte er zuletzt sicher nicht sein bestes Spiel. Aber das hat Neuer am vergangenen Wochenende gegen den SC Freiburg auch nicht gemacht. Nur mal so als Hinweis.
Die klammernde Sehnsucht nach einem Helden
Im Fußball klammert man sich gerne an den alten Helden fest. Erst recht, wenn sie rar werden. So war es etwa bei Thomas Müller schon gewesen. Und wenn die Ausbildung der neuen Giganten ein wenig ins Stocken gerät. Jamal Musiala und Florian Wirtz haben das Potenzial, mal zu Unvergessenen zu werden. Doch sie kämpfen in dieser Saison, auch wegen Verletzungen, mit Formdellen. Ihr Aufstieg auf den Helden-Olymp ist etwas beschwerlicher geworden. Nach mehreren nicht erfolgreichen Turnieren klammern sich ausgehungerte Erfolgsjünger daher an den letzten Fußballgott. Neuer steht als Weltmeister von 2014 nicht nur für Erfolg, sondern auch für überirdische Heldentaten. Im Achtelfinale gegen Algerien erfand er das Torwartspiel neu. Manu, der Libero, war überall. Er war plötzlich nicht nur einer, er war viele. Algerien verzweifelte wie Mbappé, wie Vini Junior, wie Real Madrid am Dienstagabend.
Neuer stellte mit seiner herausragenden Leistung zudem einen Rekord auf. Wie das Daten-Portal Opta herausgefunden hat, ist er der erste Keeper, dem es seit Beginn der detaillierten Datenerfassung gelang, in einem Ausscheidungsspiel im legendären Estadio Bernabeu neun (teils eben herausragende) Paraden zu zeigen. Das sind starke Argumente.
Steckt mehr hinter dem Rücktritt?
Natürlich triggern die Algerien-Vibes die Sehnsucht. Eben auch, weil die Nationalmannschaft im Frühling 2026 noch ganz weit weg vom großen Ziel scheint, Weltmeister zu werden. Aber die Dinge sind eben gesagt: Neuer hat fertig mit dem DFB-Team. Ob er die Entscheidung wirklich nur traf, um sich auf den Verein und Belastungssteuerung zu konzentrieren. Oder ob da doch das Verhältnis zum Bundestrainer Julian Nagelsmann, aus der Zeit beim FC Bayern (Toni-Tapalovic-Entlassung ist das Stichwort) eine Rolle spielt, wie der meistens ja gut informierte Lothar Matthäus gerade erst aufsehenerregend behauptete? Das weiß nur Neuer selbst.
Ebenso wie es für ihn im Verein weitergeht. Sein Vertrag läuft aus, eine Entscheidung, ob er weitermacht oder aufhört, steht noch aus. "Viele Faktoren spielen eine Rolle, auch wie es mir gesundheitlich geht", erklärte Neuer: "Die Crunchtime-Performance, diese Säule fehlt mir noch. Wir haben alle Zeit der Welt, der Verein und ich. Da sind wir entspannt." Anders als bei der DFB-Debatte, da klang Neuer deutlich gereizter.
Übrigens, eine in solchen Debatten gerne als starkes Argument zu Rate gezogene Statistik, würde einen ganz anderen Torwart ins DFB-Team spülen. Laut des Kicker-Notenschnitts ist Daniel Heuer Fernandes vom Hamburger SV der stärkste Keeper der Saison (2,8), knapp vor Daniel Batz vom FSV Mainz 05 (2,84). Baumann ist Neunter (3,0). Neuer gar nur 14. (!) mit einer Durchschnittsnote von 3,2. Lasst Manuel Neuer einfach in Ruhe. Er weiß, was er tut. Das hat er schon immer.