Fußball

Soll der FC Bayern halt jagen Der BVB funktioniert auch unter Druck

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Dortmunds Torwart Roman Bürki rettet einen Ball beim 18. Spieltag, RB Leipzig - Borussia Dortmund in der Red-Bull-Arena Leipzig.

Jan Woitas

Trotz Widrigkeiten kontert die Dortmunder Borussia den Angriff des FC Bayern und gewinnt erstmals in Leipzig. Dabei legt der BVB neue Qualitäten frei. Rasenballsport hingegen vergibt zu viele Chancen und stellt die Rechenspiele in Richtung Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga ein.

Bevor Borussia Dortmund am Samstagabend bei RB Leipzig selbst in die Rückrunde der Bundesliga startete, verlebten sie beim Tabellenführer einen interessanten Fußballnachmittag. Nach dem umkämpften 1:0 (1:0)-Sieg des BVB in Leipzig berichtete Trainer Lucien Favre im Singsang der frankophilen Schweizer, der so herrlich beiläufig klingt, dass sein Team "viele Spiele geschaut" habe und zählte auf: "Gladbach in Leverkusen, Düsseldorf in Augsburg, und so weiter". Und natürlich hatten die Dortmunder am Freitagabend im Mannschaftshotel auch mal bei TSG Hoffenheim gegen den FC Bayern reingeschaltet und "Teile" dieses Spiels geschaut.

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Sie ahnen, warum sich dieser Mann so freut: Axel Witsel.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Favres TV-Fußball-Liste symbolisierte nach einem auch für ihn aufregenden Spiel in Leipzig Tiefenentspanntheit. Natürlich schaut Dortmund auch nach München, aber eben mit dem gleichen Interesse wie auf Düsseldorf oder Augsburg, sollte das heißen. Die Kampfansage der Bayern nahmen die weiterhin sechs Zähler besseren Dortmunder mit einer nach oben gezogenen Augenbraue wahr. Sportdirektor Michael Zorc sagte im ZDF-Sportstudio wenig beeindruckt: "Wir fangen jetzt nicht an zu zittern."

Das müssen die Schwarz-Gelben Dank des ersten Auswärtssieges eines Bundesligateams in Leipzig in dieser Saison auch nicht - trotz frostiger minus zwei Grad in der zugigen, mit 42.000 Zuschauern ausverkauften Leipziger Schüssel. Denn der Spitzenreiter entwickelte nach kurzer Zeit genau die richtige Betriebstemperatur für diese für beide Klubs wegweisende Partie. Erst bespielte der BVB die Leipziger so beeindruckend passsicher, dass sie kaum an den Ball kamen und brachte die Gastgeber so sehr ins Schwimmen, dass sie nach einer Viertelstunde ihre Formation vom 4-3-3 auf eine 4-2-2-2-Grundordnung ändern mussten. "Wir haben keinen Zugriff bekommen, haben es auf den Achter-Positionen nicht gut gemacht", erklärte RB-Trainer Rangnick, der während des Spiels einsehen musste: "Du hast gegen Dortmund nur die Chance, All-in zu gehen. Das haben wir mit zunehmender Spieldauer immer besser geschafft."

Der Trumpf des frühen Tors

Doch dass genau in dieser Phase der Umstellung das frühe Tor des Abends fiel, als der überragende Axel Witsel nach einer Ecke und Kopfballverlängerung von Lukas Piszczek den Ball brachial unter den Torgiebel hämmerte (19.), hemmte die Leipziger weiter. Eine insgesamt verkorkste und verkrampfte erste Hälfte für RB, die sich vorgenommen hatten, den BVB mutig zu bespielen und den Herbstmeister zu schlagen.

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"Leipzig war brandgefährlich": Lucien Favre.

(Foto: imago/ActionPictures)

Erst in der zweiten Hälfte löste Leipzig die Fesseln und verbesserte sich in (fast) allen Belangen: Pressingverhalten und Zweikämpfe, Passsicherheit bei Umschaltmomenten und im Ballbesitz, Herausspielen von Torchancen. Dortmund geriet phasenweise gehörig unter Druck. "Das war ein sehr schweres Stück Arbeit für uns. Leipzig war brandgefährlich", sagte Favre. "Zwei, drei Situationen waren am Limit." Allein: "Das Ding wollte einfach nicht rein", ärgerte sich Stürmer Yussuf Poulsen. "Wir waren nicht effizient genug, haben genug große Torchancen herausgespielt, um zu gewinnen." Rangnick bekannte: "Das fühlt sich traurig an." Zweimal scheiterte Marcel Sabitzer am starken BVB-Keeper Roman Bürki (47., 74.), ebenso wie Timo Werner (77.). Die größte Chance auf den Ausgleich vergab der eingewechselte Matheus Cunha, als er freistehend Zentimeter neben das Tor köpfte (90.+2). Auf der anderen Seite hatten Maximilian Philipp (53.) und Joker Paco Alcacer, dessen Schuss von der Unterkante der Latte nicht hinter der Linie aufprallte (90.), das 2:0 auf den Füßen.

"Mit Wille und Leidenschaft"

So nimmt der Spitzenreiter nach großem Aufwand - über 122 gelaufene Kilometer sind deutlich mehr als im Schnitt – eine wichtige Erkenntnis mit in die weitere Rückrunde: "Man hat gesehen, dass wir auch kämpfen können, mit Wille und Leidenschaft. Wir haben viel investiert, den Sieg erzwungen", sagte Philipp, der den im Training umgeknickten Kapitän Marco Reus ersetzte. Eine ebenso aufschlussreiche Qualität im Titelrennen, wenn es personell und spielerisch mal nicht so laufen sollte, wie die Tatsache, dass Spieler wie Philipp und Julian Weigl einspringen können. Weigl machte für den verletzten Manuel Akanji ein starkes Spiel als Innenverteidiger. Und Philipp ersetzte Reus auf seiner Lieblingsposition hinter der Spitze eins zu eins. "Dort weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe. Ich musste mich auch erstmal wieder dran gewöhnen, aber es lief nicht so schlecht", sagte Philipp, der zuvor monatelang kaum gespielt hatte.

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Mathematiker: Ralf Rangnick und die Leipziger Bank.

(Foto: imago/ActionPictures)

Es sprach zwar keiner aus, aber der Tenor war: Wer solche engen Auswärtsspiele gewinnt, wird auch Meister. Das sieht Leipzigs Boss Oliver Mintzlaff übrigens anders. Am Sky-Mikrofon sagte der RB-Geschäftsführer: "Es wird ein spannendes Rennen. Wenn ich mich festlege, glaube ich, dass Bayern es doch noch schafft." Die Leipziger jedenfalls können sich nun komplett auf die fixierte Champions-League-Qualifikation konzentrieren." Am Donnerstag hatte Rangnick noch öffentlich Rechenspiele angestellt, wie viele Punkte nötig seien, damit RB die Dortmunder an der Tabellenspitze doch noch einholen könnte. Bei nun 14 Punkten Rückstand auf Platz eins beerdigte Rangnick diese Ambitionen. "Wir haben nicht die Ansprüche, auf Dortmund und Bayern zu schauen. Unser Ziel ist es, am Ende auf Platz vier zu stehen." Dafür so rechnete Rangnick erneut - nur diesmal mit Blick nach unten - müsse RB nun genau wie nach der Niederlage in Dortmund zum Start der Hinrunde wieder 31 Punkte aus den verbleibenden 16 Spielen erzielen. Schließlich lauern Frankfurt und Wolfsburg bereits.

Am kommenden Sonntag bei Fortuna Düsseldorf, das zuletzt vier Siege in Serie feierte, kann RB direkt damit beginnen, die in der Winterpause angemahnte Auswärtsschwäche abzustellen. Dafür bedarf es wieder einer besseren Chancenverwertung und mehr Qualität im Spielaufbau. Kevin Kampl leistete sich diesmal 13 Fehlpässe – ungewöhnlich viel für Leipzigs Aufbauspieler. Und die Dortmunder? Denken, so öde sich das anhört, nur von Spiel zu Spiel und schauen gelassen weg, wenn ihnen irgendwer eine Tabelle vor die Nasen hält. "Das Wichtigste ist, dass wir zum Start in die Rückrunde ein gutes Gefühl mitgenommen haben", sagte Bürki gut gelaunt. Am kommenden Wochenende kommt Kellerklub Hannover 96 in den Pott. Den hatte Favre in seiner Aufzählung noch vergessen.

Quelle: n-tv.de

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