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Sport
Sie singt, die Spieler warten: Anastacia in Fröttmaning.
Sie singt, die Spieler warten: Anastacia in Fröttmaning.(Foto: imago/Eibner)
Mittwoch, 21. Juni 2017

Aus dem König wird ein Diktator: "Der Fußball wird völlig überhöht"

Mit Fußball hatte das nichts zu tun. Fünf Minuten lang mussten die Bayern und ihre Gäste aus Freiburg am letzten Spieltag der Bundesliga auf dem Platz ausharren, bis die zweite Halbzeit endlich angepfiffen wurde. Es waren keine bengalischen Feuer, die den Anstoß verzögerten, sondern ein Popstar: Anastacia, die ihren Auftritt in die Länge zog. Die Show geht vor, so kam es nicht nur bei Freiburgs Trainer Christian Streich an, der deutliche Kritik übte: "Man muss schauen, dass man das Rad nicht überdreht."

Jeder zweite Fan denkt darüber nach, sich vom Profifußball abzuwenden, wenn die Kommerzialisierung des Sports ungebremst weitergeht. Das hat eine Studie unter 17.000 Fans ergeben, die im Mai veröffentlicht wurde. Der Tenor: Es geht nur noch ums Geld. Um viel zu viel Geld. Und das ist noch längst nicht alles, wie der Journalist Moritz Küpper in seinem Buch "Es war einmal ein Spiel" eindrucksvoll zeigt. Der moderne Fußball ist nicht nur Geschäft. Er ist auch der Totengräber für kleinere Sportarten, ein erpresserischer Bittsteller an die Politik und ein Werkzeug für die Mächtigen. Er verleiht aber auch Trost, Kraft und Identität, er strukturiert den Alltag und formt unsere Sprache, kurz: Er ist vieles, aber kein Sport mehr. Er beherrscht unsere Gesellschaft, was Küpper beschreibt, ohne anzuklagen. "Ich wollte aufzeigen, wie groß der Fußball geworden ist und in welche Bereiche er schon vorgedrungen ist", sagt Küpper im Gespräch mit n-tv.de. "Aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger." Trotzdem bekommt man nach der Lektüre das Gefühl: Gesund ist das alles nicht.

n-tv.de: Herr Küpper, Sie haben lange Jahre als Sportjournalist gearbeitet und sich viel mit Fußball beschäftigt. Wann haben Sie das erste Mal gedacht: Jetzt ist was gekippt?

Das Buch ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 16,90 Euro.
Das Buch ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 16,90 Euro.

Moritz Küpper: Den einen Aha-Moment gab es nicht. Aber einige Situationen haben mir schon zu denken gegeben: Wenn Mesut Özil auf Facebook postet, erreicht er 30 Mal so viele Menschen wie die Kanzlerin. Für die Verhandlung im Fall Hoeneß haben mehr Journalisten eine Akkreditierung beantragt als für den NSU-Prozess. Irgendwann habe ich immer mehr auf solche Auswüchse geachtet und festgestellt: Der Fußball hat sich von seinem Status als Sportart komplett entkoppelt. Er ist mehr als das, in allen Bereichen.

Wenn Sie Fußball sagen, meinen Sie Profifußball!?

Die breite Masse in Deutschland spielt Amateurfußball, aber in der öffentlichen Wahrnehmung ist der Fußball der, den die Profis spielen. Amateurfußball ist eine Sportart, Profifußball eine Konkurrenz zu Hollywood. Und in dem Geschäft geht es nur um Aufmerksamkeit, deswegen macht der Fußball auch alles andere platt.

In Ihrem Buch sammeln Sie Beobachtungen, meist ohne sie zu werten. Da geht es um Problematisches wie die Verflechtungen von Politik und Fußball, Alltägliches wie die Fußball-Floskeln im Wirtschaftsdeutsch und Obskures wie Fan-Friedhöfe. Was nervt Sie denn persönlich am meisten am modernen Fußball?

Die Scheinheiligkeit. Vielleicht ist das der Grund, warum ich das Buch geschrieben habe. Nehmen wir die Diskussion um die 50+1-Regel. Es ist doch nichts dagegen einzuwenden, dass mit dem Fußball viel Geld gemacht wird. Ich finde das Modell RB Leipzig auch nicht verwerflich. Dietrich Mateschitz macht eine ganz ehrliche Kosten-Nutzen-Rechnung im Emotionsgeschäft Fußball auf. Bei Red Bull geht es nicht darum, dass diese Brause so gigantisch gut schmeckt, da wird ein Lebensgefühl verkauft. Dazu dient RB Leipzig, und da will ich mich nicht als Ankläger aufschwingen. Aber wegen der 50+1-Regelung werden die gezwungen, so eine Kaspernummer zu machen. Da wird so getan, als sei das ein richtiger Verein, obwohl alle wissen, dass es nicht stimmt, das nervt mich.

"Bei Red Bull geht es nicht darum, dass diese Brause so gigantisch gut schmeckt": Moritz Küpper.
"Bei Red Bull geht es nicht darum, dass diese Brause so gigantisch gut schmeckt": Moritz Küpper.

Oder die Diskussionen um Spielerwechsel. Das sind Profifußballer, die verdienen damit ihr Geld. Das mache ich ihnen nicht zum Vorwurf. Klar spielt der Faktor Heimat eine Rolle, oder der Faktor Freunde. Aber am Ende treffen die eine Güterabwägung. Und wenn man eine Chance hat, als Manuel Neuer zum FC Bayern zu gehen, warum soll ich dem das vorwerfen? Und diesen Debatten wird dann auch noch öffentlicher Raum eingeräumt, alles wird völlig überhöht. Ein Sender wie Sky Sport News braucht jeden Tag Inhalte, und deswegen setzen sie jede Spieltagswoche die Erregungsspirale in Gang: Der eine regt sich auf, der andere reagiert - das ist alles so kalkulierbar, so vorhersehbar, und in einer Woche interessiert das niemanden mehr.

Aber das Interesse am Fußball nimmt insgesamt gesehen nicht ab, sondern spätestens seit der WM 2006 ungebremst zu.

Ein Kollege erzählte letztens von einem Spiel in Wuppertal. Da lagen sich fünf gestandene Männer heulend in den Armen, weil das Team gerade den Abstieg in die 5. Liga verhindert hat. Solche Erlebnisse schafft in einer gewissen Regelmäßigkeit und Größenordnung tatsächlich nur noch der Fußball. Das ist der Grund, warum sich bei großen Turnieren plötzlich so viele Leute für Fußball interessieren. Vielleicht wegen des Smalltalks im Büro, aber ganz sicher auch, um diese Gemeinschaft zu erleben. Wo haben wir das noch in unserer immer heterogeneren Gesellschaft? Wo wir durch Smartphone und PC im Prinzip allein durch die Welt gehen können? Das ist der Grund für die enorme Aufmerksamkeit, die der Fußball bekommt. Und die nutzt der Fußball: Um Geld zu machen, aber auch für seine Machtstellung gegenüber Politik und Gesellschaft.

Im Kapitel "Wie der Fußball von der öffentlichen Hand nimmt" trifft den Leser schnell die Einsicht: König Fußball regiert tatsächlich die Welt, und zwar nicht im übertragenen Sinne. Sie führen als ein Beispiel den 1. FC Köln an. Der will das Geißbockheim erweitern, das im denkmalgeschützten Grüngürtel liegt. Weil die Politik zögert, macht der Verein Druck. Mit Unterschriftenaktionen im Stadion, aber auch mit Abwanderungsdrohungen. Das ist eine Methode, die wir von multinationalen Konzernen kennen.

"Die Menschen werden nicht gezwungen, zum FC zu gehen."
"Die Menschen werden nicht gezwungen, zum FC zu gehen."(Foto: imago/Sven Simon)

Die Systematik ist genau die gleiche. Apple lebt von seiner Beliebtheit und nimmt eine Sonderbehandlung in Anspruch. Nichts anderes machen Fußballvereine. Der FC hat ja auch zum Beispiel nach den Abstiegen seine Stadionmiete verringert. Und da geht es dann letztlich um gesellschaftliche Prioritäten: Ist es wirklich wichtig, dass der 1. FC Köln 600.000 Euro mehr hat im Jahr, die er dann für Mittelfeldspieler Nummer sieben oder acht ausgibt? Oder wären nicht Kitaplätze wichtiger? Politiker trauen sich aber nicht, diese Rechnung aufzustellen. Das ist alles so offensichtlich, und ich halte das auch nicht für verwerflich, es geschieht ja kein Unrecht. Die Menschen werden nicht gezwungen, zum FC zu gehen, und der Klub ist als Unternehmen ja quasi verpflichtet, in seinem eigenen Wohle zu handeln. Bemerkenswert finde ich nur den Umgang, den wir als Gesellschaft damit pflegen: Wir sehen das alles, tun aber so, als würde es nicht passieren.

Sehr offen redet in Ihrem Buch der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters. Der wollte das DFB-Museum nach Köln holen, und war von den Forderungen des Verbands dann schwer irritiert. Der DFB hatte sich eine Immobilie nahe des Doms ausgeguckt - und wollte sie zum Nulltarif.

Und Roters sagt: Es ist nicht zu vermitteln, warum man einem der reichsten Sportverbände der Welt eine der besten Lagen Kölns kostenfrei zur Verfügung stellen sollte. Aber das ist die Erwartungshaltung des DFB.

Welches konkrete Druckmittel haben die Fußballvereine eigentlich gegenüber der Politik?

Der 1. FC Köln sagt: Wenn wir unser Trainingszentrum nicht ausbauen dürfen, ziehen wir aus Köln weg. Klar könnte man sagen: Egal, die paar Stellen, das ist ein mittelständisches Unternehmen mit wenig Personal. Nicht zu vergleichen mit der Situation in Bochum und Duisburg, wo Thyssenkrupp 4000 Stellen streichen will. Aber dieser Verein gibt dieser Stadt eine Identität. Und der FC hat es geschafft, die Stadtführung als böse Buben hinzustellen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob man am Ende mit den logischen Argumenten gegen das Trainingszentrum nicht doch durchdringen würde, aber es traut sich keiner, die Probe aufs Exempel zu machen. Anders bei Fifa und Uefa, die haben ein so schlechtes Image, da könnte ich mir vorstellen, dass eine Regierung sagt: Wisst ihr was, eure Steuerbefreiung, die machen wir nicht. Aber dann kommt bestimmt gleich ein Heer von Wissenschaftlern, das die angeblich positiven Effekte eines Turniers vorrechnet.

Ihr Buch erscheint inmitten einer Debatte über die Grenzen des Wachstums im Fußball. Selbst Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff warnte im März in der "FAZ" vor einer Übersättigung und sagte, es werde bald "knallen". Gibt es Anzeichen, dass der Fußball die Zeichen der Zeit erkannt hat und wirklich gegensteuert?

Naja, der DFB trägt die Länderspiele mittlerweile in kleineren Stadien aus - allerdings zwingt ihn die Marktbewegung dazu. Was Oliver Bierhoff anbelangt: Man könnte ihm zugute halten, dass er die Gefahr erkannt hat. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat er allerdings gesagt, er sehe noch keine Sättigung für die Marke Nationalmannschaft. Der Spiegel hat sogar einmal den Begriff "Bierhoffisierung des Fußballs" geprägt, der all das meint, was ich beschreibe: die kommerzielle Auspressung und die Überhöhung des Fußballs in der Gesellschaft, die Termine bei der Bundeskanzlerin, die Marke "Die Mannschaft". Das ist alles Markenbildung und Positionierung. Da geht es nicht nur um Sponsoren, sondern um mehr. Und dafür steht nicht Joachim Löw, sondern Oliver Bierhoff. Dass er jetzt den Mahner gibt, ist nicht frei von Ironie.

Es gibt einige Zahlen, die für ein Ende des Fußball-Booms sprechen könnten: Zwar wachsen die Mitgliederzahlen in den Profivereinen rasant und beim DFB immer noch kontinuierlich an - aber immer weniger Menschen spielen selber Fußball, vor allem im Nachwuchs gibt es immer weniger Teams.

Ich sehe diese Zahlen eher als Beleg für meine These, dass die Entwicklung sich von der eigentlichen Sportart entkoppelt. Klar lebt der Fußball davon, dass man alles nachspielen kann, von seiner Einfachheit und der Verankerung in der breiten Gesellschaft. Aber egal ob man nun Fußball spielt oder nicht, er ist ein gesellschaftlicher Faktor. Es gibt Leute, die gehen ins Stadion und kennen nicht einen Spieler beim Namen. Das spielt keine Rolle, weil es darum nicht geht.

Mit Moritz Küpper sprach Christian Bartlau.

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Quelle: n-tv.de