Fußball

Fußball-Zeitreise, 17. 11. 1905 Der KFC Uerdingen ist nicht tot zu kriegen

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1985 gelingt den Uerdingern ein Pokalerfolg gegen den großen FC Bayern.

(Foto: imago/Horstmüller)

Das Image des Vereins war in seiner Hochphase vom Namensgeber Bayer geprägt: "Chemie-Heinis" nannte Sänger Campino die Uerdinger Spieler. Doch eine Partie ist unvergessen: das 7:3 gegen Dynamo Dresden im Jahr 1986.

Christian Günther, der Stadionsprecher des SV Werder Bremen, legte vor der Partie im September 1992 die Platte "Ich hab mich so auf dich gefreut" von Matthias Reim auf. Es war ein Scherz, gerichtet an all diejenigen, die an diesem Tage nicht erschienen waren. Die nur 10.959 Besucher des Spiels hatten dennoch ihren Spaß - denn Werder siegte mit 2:1. Der Gegner, der an diesem trüben Spätsommertag so wenige Fans ins Stadion lockte, hieß Bayer Uerdingen.

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Der am 17. November 1905 gegründete FC Uerdingen 05 hat in seiner wechselvollen Geschichte nicht nur viele Höhen und Tiefen erlebt sondern auch einige Namen. In seiner erfolgreichsten Zeit ab 1953 bis 1995 war der Verein unter dem Namen FC Bayer 05 Uerdingen aktiv und spielte von 1983 bis 1996 fast durchgehend in der ersten Fußball-Bundesliga. Nach der Trennung von der Bayer AG heißt der Verein seit 1995 Krefelder Fußball-Club Uerdingen 05 e. V. - allerdings ist die Lizenzspielerabteilung des Vereins seit November 2017 zur KFC Uerdingen 05 Fußball GmbH ausgegliedert. Und die gehört wiederum zu 97,5 Prozent der KFC Uerdingen Entertainment GmbH. Wie man sieht: Ein Klub seit 1905 im steten Wandel der Zeit.

Doch auch die eher glücklichen Jahre in der Bundesliga waren stets geprägt vom Image als Werksklub. Spielte Uerdingen gegen Bayer Leverkusen konnte man sicher sein, dass mindestens ein Reporter die Partie mit "Betriebsversammlung" betitelte. Der Sänger Campino der Düsseldorfer Band "Die Toten Hosen" konnte mit dem Klub aus der Nachbarschaft so gar nichts anfangen: "Die Chemie-Heinis, die sollen doch turnen gehen!" Hohn und Spott war dem Verein sicher, sobald man den Fernsehapparat anstellte. Moderator Dieter Kürten im "Aktuellen Sportstudio": "Bayer 04 gegen Bayer 05, Leverkusen gegen Uerdingen, da schien nicht viel drin zu sein." Natürlich hatte auch Bundesliga-Lästermaul Max Merkel einen verbalen Schlag tief in die Magengrube parat: "Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger als Uerdingen."

"Alles ein bisschen tot"

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Doch die öffentliche Wahrnehmung des Klubs hing auch ganz wesentlich mit dem Selbstverständnis des gesamten Vereins zusammen. Als Stefan Kuntz nach drei Jahren in Krefeld zum 1. FC Kaiserslautern wechselte, erklärte er zum Abschied über seinen Ex-Klub Bayer: "In Uerdingen ist alles ein bisschen tot. Es geht jedem Spieler gut. Drum gibt es nie Krach in der Kabine, nie eine harte Konfrontation, aber man geht auch nie mit der gesamten Mannschaft gemeinsam ein Bier trinken. Da ist es im Grunde jedem egal, was passiert. Mit dem Verein identifiziert sich kaum ein Fan und kaum ein Spieler. Wir erhalten, was ja bekannt ist, pro Punkt 2200 Mark, das heißt, wir können mit einem Sieg so viel verdienen, wie mancher Stadionbesucher in zwei Monaten nicht nach Hause bringt. Aber selbst das Geld scheint einige in Uerdingen nicht zu motivieren." Quasi ein emotionales Todesurteil für den Verein.

Dabei hat es Bayer Uerdingen nach dem überraschenden Pokalerfolg 1985 gegen Bayern München sogar einmal geschafft, eine ganze Fußballnation nachhaltig in ihren Bann zu ziehen. Am 19. März 1986 schaffte der Klub das "Wunder von der Grotenburg". In einem überaus faszinierenden Spiel schlug man im Europapokal Dynamo Dresden mit 7:3 - und das, obwohl man nach einer 2:0-Hinspielniederlage zur Pause bereits wieder mit 1:3 zurücklag. Doch die zweite Halbzeit ging in die Geschichte des deutschen Fußballs ein. Bis heute spricht man vom "Jahrhundertspiel". Nach sechs Toren in den zweiten 45 Minuten meinte Bayer-Trainer Karl-Heinz Feldkamp nach der Partie noch völlig von Sinnen: "Das ist ein Spiel, das ist auch nach dem Spiel nicht so einfach zu erklären ist."

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Doch auch dieses Wunder sollte langfristig nichts an dem Grundproblem des Klubs ändern: Zu wenige Menschen interessierten sich für Bayer. Selbst als man einen Elefanten aus dem nahegelegenen Zoo holte und ihn zum Elfmeterschießen gegen die Keeper Dotzler und Ehrmann antreten ließ, lockte das gegen den 1. FC Köln nur 12.000 Besucher ins Stadion. Besonders schwierig wurde die Lage, als sich die Bayer AG 1995 vom Verein trennte.

Skurriles Werbevideo aus Not

Die finanzielle Notlage machte kreativ und führte zu einem der skurrilsten Werbevideos der Fußballgeschichte. Im Mittelpunkt: Manni Burgsmüller, der Mann, der nach Frank Mill in den achtziger Jahren seinen Po am schönsten in die Weichteile des Gegners schieben konnte und Mitte der Neunziger noch immer nichts von seiner blonden Lockenpracht eingebüßt hatte. Er befand sich an einem sonnigen Herbsttag vor dem Grotenburg-Stadion und sprach scheinbar völlig ohne Selbstzweifel folgende Sätze in sein Mikrofon: "Hallo, ich bin der Manni Burgsmüller. Ich werde Ihnen jetzt mal zeigen, warum wir beim KFC einen Sponsor brauchen." Von der Seite kam ein debil dreinblickender junger Mann im Trikot des KFC ins Bild. Es war der ehemalige Bundesligaprofi Joachim Hopp. "Das ist der Joachim", sagte Manni Burgsmüller und klopfte dem Joachim sehr gutmütig auf die Schulter. "Joachim hat keinen Sponsor." Hopp schaute nicht mehr debil, sondern nur noch blöd in die Kamera. Burgsmüller schnappte sich einen Ball, schoss ihn Joachim Hopp durch die Beine und sagte mit einer Leichenmiene: "Schaut euch das mal an!" Beide wirkten frustriert und völlig am Ende. Doch Burgsmüller schaltete schnell und klebte Hopp ein Schild auf sein Trikot: "Und jetzt bekommt der Joachim einen 'reichen Sponsor'." Joachim Hopp strahlte mit der untergehenden Herbstsonne um die Wette.

Intelligent sah das immer noch nicht aus, aber Burgsmüller hatte sein Experiment ja auch noch nicht zum - im wahrsten Sinne des Wortes - finalen Schuss geführt. Noch bevor Burgsmüller überhaupt ein Bein an den von der Kamera fixierten Ball bekam, sprintete Joachim Hopp wie ein gedopter 100-Meter-Läufer dazwischen und lief einige Schritte weiter. "Mist", schrie Manni Burgsmüller und raufte sich die Haare. Dann schüttelte er den Kopf. Doch das war natürlich erneut nur hervorragend gespielt. Schließlich hatte Burgsmüller endlich wieder den Bildschirm und die Aufmerksamkeit der Zuschauer ganz für sich alleine: "Wenn das bei nur einem Spieler läuft, wird es auch bei allen anderen funktionieren."

Was damals noch niemand ahnen konnte: Über zwanzig Jahre später sollte dieser "reiche Sponsor" tatsächlich und endlich vor der Tür stehen. Seit Sommer 2016 ist der russische Unternehmer Michail Ponomarew der starke Mann im Verein. Sein Geld hat dazu geführt, dass der Klub wieder aufblüht. Aktuell spielt der KFC in der dritten Liga und macht so ein Versprechen wahr, dass die Fans bereits im Jahr 1994 durch eine Zaunfahne der Welt gemacht haben: "Ihr werdet uns nicht los. Immer wieder aufsteigbar!"

Quelle: n-tv.de

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