Fußball

Fußball-Zeitreise, 20.10.1971 Der bittere Rausch einer betrogenen Nacht

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Die Gladbacher fühlen sich betrogen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Mit 7:1 zerlegte Borussia Mönchengladbach am 20. Oktober 1971 im Europapokal den amtierenden Weltpokalsieger Inter Mailand in seine Einzelteile. Es ist eines der größten Fußballspiele aller Zeiten - das allerdings einen Makel hat: Es wird nicht gewertet.

Stell dir vor, du schießt das schönste Tor deiner Karriere und am Ende ist es so, als ob es diesen Treffer nie gegeben hätte. Und plötzlich bist nicht mehr du der Hauptdarsteller, sondern ein anderer. Du fühlst dich gefangen im falschen Film. Doch das ist die Realität. Und im glänzenden Licht der Scheinwerfer sonnt sich jemand anderes. Aus der einzigartigen Erfolgsstory ist von einer Sekunde auf die nächste ein tragisches Drama ohne Happy End geworden. Genau das ist die Geschichte des Gladbacher Mittelfeld-Genies Günter Netzer vom 20. Oktober 1971.

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Es war die Nacht des Günter Netzer.

Bis heute zählt dieser trübe Herbstabend zu einem der faszinierendsten und magischsten Momente, die der Verein Borussia Mönchengladbach je erlebt hat. Mit 7:1 wirbelte man in einer rauschenden Nacht Inter Mailand aus dem legendären Bökelbergstadion. Horst-Dieter Höttges, der Eisenfuß von Werder Bremen, verfolgte die Partei von der Tribüne aus. Nur ein Jahr zuvor war er Zeuge des Jahrhundertspiels von Mexiko geworden, als Italien Deutschland in einer dramatischen Begegnung mit 4:3 schlug. Und nun stand Höttges an diesem Abend noch minutenlang nach der Partie auf den Stufen im weiten Stadionrund und schüttelte begeistert den Kopf: "Das ist das größte Fußballspiel, das ich bisher gesehen habe!"

Die Partie gegen Inter Mailand fiel in eine Zeit, in der der Fußball in Deutschland am Boden lag. Der Bundesliga-Skandal bestimmte die Schlagzeilen und hielt die Zuschauer von den Stadien fern. Doch für neun herrlich-helle Tage war dieses Spiel die Lichtung in einem finster-dunklen Wald. Die Bundesliga berauschte sich an ihrem Meister, der die italienische Ausnahmemannschaft in ihre Einzelteile zerlegt hatte. Elf Gladbacher hatten Inter Mailand nicht nur besiegt, sie hatten den amtierenden Weltpokalsieger vernichtet. Und ein Mann ragte aus einer Elf der Superlative heraus: Günter Netzer. Noch unter dem Eindruck des Spiels schrieb die "Frankfurter Rundschau" voller Enthusiasmus: "Netzers Mitspieler wurden von ihrem Feldherrn mitgerissen und erreichten eine Festtagsform ohne Beispiel. Sie nahmen eine Deckung auseinander, die seit vielen Jahren als die beste Vereinsabwehr in Europa gilt. Es war eine Sensation!" Doch dieses Märchen kannte kein gutes Ende.

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Boninsegna am Boden. Was genau geschah, wurde nie geklärt. War alles nur Schauspielerei?

(Foto: imago/WEREK)

Erst drei Tage vor der Partie gegen die Italiener hatte man Günter Netzer einen Gipsverband abgenommen. Seine Knieverletzung war noch nicht komplett ausgestanden, doch der Gladbacher Spielmacher brannte auf seinen Einsatz. Und dann drehte Netzer auf - wie die komplette Fohlenelf. Bereits nach sieben Minuten traf Jupp Heynckes ins Tor der Mailänder. Und auch der zwischenzeitliche Ausgleich konnte die Elf vom Bökelberg nicht stoppen. Ulrik de Fevre mit einem Doppelpack, Günter Netzer und wieder Jupp Heynckes schraubten das Ergebnis schon zur Halbzeit auf 5:1 in die Höhe. Nach der Pause sorgten erneut der entfesselt aufspielende Netzer und Klaus-Dieter Sieloff für den 7:1-Endstand. Was für ein Ergebnis, was für eine Nacht! Die Trainer-Legende von Manchester United, Matt Busby, zeigte sich fasziniert von den Gladbachern: "Gegen diese Mannschaft hätte heute niemand auf der Welt gewonnen. Das war Fußball in absoluter Perfektion."

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Doch die Freude währte beim Team vom Bökelberg nicht lange. Unmittelbar nach Spielende legten die Italiener Protest gegen die Wertung der Partie ein. Was war passiert? In der 29. Minute soll Inters Stürmer Roberto Boninsegna durch eine Getränkedose getroffen worden sein. Ob am Hals oder Kopf konnte nie geklärt werden. Es gab keine Zeugen für die Aktion. Und auch die Aussagen hinterher waren widersprüchlich. Günter Netzer wollte gesehen haben, wie Boninsegna aufstehen wollte und vom eigenen Trainer wieder auf den Rasen hinuntergedrückt wurde. Ob tatsächlich verletzt oder perfekt simulierend, war am Ende egal: Aus einem Tumult heraus wurde Boninsegna per Trage aus dem Stadion gebracht.    

War es Schauspieltalent?

Zufall oder nicht: Was für ein großartiges schauspielerisches Talent in dem italienischen Nationalspieler schlummerte, durften die deutschen Kinozuschauer einige Jahre später erfahren, als Boninsegna für die Neuverfilmung von Guareschis "Don Camillo und Peppone" engagiert wurde. Im Film unterstützte der Star von Inter Mailand die vom Priester trainierte Dorfmannschaft "Die Engel" bei einem Spiel gegen Bürgermeister Peppones Kommunisten-Truppe "Die Teufel". Regisseur Terence Hill war vom Schauspieler Boninsegna begeistert: "So eine Begabung sollte man nicht verkümmern lassen."

Neun Tage nach der rauschenden Nacht am Bökelberg kannte die Ernüchterung auf Seiten der Gladbacher keine Grenzen mehr. Die Uefa annullierte die Wertung der Partie und setzte ein Wiederholungsspiel fest. Nach einem 4:2 in Mailand schied die Fohlenelf schließlich nach einem 0:0 auf neutralem Boden in Berlin aus.

Und Günter Netzer, der seinen Treffer zum 6:1 als das "schönste Tor meiner Karriere" bezeichnet hatte - was war mit ihm? Der Gladbacher Spielmacher hatte seine Hauptrolle an Roberto Boninsegna verloren. Der Italiener hatte am Bökelberg nicht nur den sterbenden Schwan perfekt gegeben und das zwischenzeitliche 1:1 erzielt, nein, er hatte auch bei der Partie in Mailand das Tor zum vorentscheidenden 2:0 geschossen. Und die "Krönung" als facettenreicher Titelheld im gleißenden Flutlicht verpasste sich Boninsegna höchstpersönlich, als er den Borussen Luggi Müller per Bruch des Schienbeins im Wiederholungsspiel ausschaltete. Spätestens nach dieser Aktion ist Roberto Boninsegna bis heute in Mönchengladbach eine Persona non grata. Er wird es verschmerzen können.

Günter Netzer und seine Gladbacher waren jedoch um eines der größten Spiele ihrer Geschichte betrogen worden. Aber vielleicht auch deshalb ist diese magische Nacht des 20. Oktober 1971 bis heute unvergessen!

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Quelle: n-tv.de

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