Fußball

Was wir wissen - und was nicht Der bizarre Fall "Bakery Jatta"

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Gegen Bakary Jatta werden schwere Vorwürfe erhoben. Hat er bei seiner Identität betrogen?

(Foto: imago images / Claus Bergmann)

Ist Bakery Jatta wirklich Bakery Jatta? Nach einem Medienbericht gibt es Zweifel an der Identität des 21 Jahre alten Offensivspielers aus Gambia. Laut Recherchen der "Sport Bild" könnte der HSV-Profi eine Vergangenheit als Bakery Daffeh haben und älter sein als bislang angenommen. Das könnte dem als Flüchtling nach Deutschland gekommenen Fußballer einen Vorteil eingebracht haben.

Was ist passiert?

Die Geschichte von Bakery Jatta hat viele Menschen bewegt. Jatta war 2015 nach Deutschland geflüchtet und lebte zunächst in der Nähe von Bremen. Seit 2016 ist der Stürmer beim Hamburger SV, hat sich dort etabliert. Und ist bei den Fans beliebt. Nach Angaben der "Sport Bild" könnte er allerdings einen anderen Namen haben und älter als - wie angegeben - 21 Jahre sein. Außerdem gebe es Indizien, wonach Jatta entgegen eigenen Aussagen in seiner Heimat bereits für mehrere afrikanische Klubs und auch für die U20-Nationalmannschaft Gambias gespielt hat. Die Zeitung beruft sich in dem Bericht auf zwei Trainer, die Jatta als ihren früheren Spieler Bakery Daffeh identifizieren. Als Jatta im Sommer 2015 nach Deutschland kam, wo er Anfang 2016 als 17-Jähriger über ein Probetraining beim HSV landete, habe sich die Spur von Daffeh in Afrika verloren.

Was ist das Problem?

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Ist Bakery Jatta tatsächlich 21? Womöglich könnte er auch zweieinhalb Jahre älter sein. Das berichtet die "Sport Bild".

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Sein Alter könnte ein Problem sein. "Ging es möglicherweise darum, sich beim Asyl-Verfahren jünger zu machen?", schreibt die "Sport Bild". Hintergrund ist: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben in Deutschland größere Chancen ein Aufenthaltsrecht zu bekommen als Menschen, die ihr 18. Lebensjahr erreicht haben. Anfang 2016 hatte das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung des Fußballers bereits für Verwunderung gesorgt. "Es wurde festgestellt, dass die biologische Entwicklung abgeschlossen ist", sagte der damalige Sportchef Peter Knäbel. Zweifel an dem angegebenen Alter seien nicht aufgekommen.

Wie reagiert der Hamburger SV?

Aktuell sieht der Klub keinen Handlungsbedarf und verweist auf die offiziellen Dokumente. "Wir haben Bakery Jattas gültigen Reisepass inklusive Aufenthaltsgenehmigung vorliegen", ließ HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann auf Anfrage des Sportinformationsdienstes mitteilen: "Bakery hat sich seit seiner Ankunft bei uns als tadelloser Sportsmann und als verlässlicher Mitspieler gezeigt. Er hat sich schnell in unsere Mannschaft und in unseren Klub integriert. Wir schätzen ihn als Spieler und Menschen." Er besitzt beim HSV noch einen Vertrag bis 30. Juni 2024. Für den Klub hat der zuvor als vereinslos geführte Jatta bislang 84 Spiele gemacht. In der Regionalliga Nord erzielte er 20 Tore in 37 Partien. In der 2. Bundesliga kommt er auf 27 Einsätze und vier Tore, 16 Mal lief er in der 1. Bundesliga auf. Hinzu kommen noch vier Spiele im DFB-Pokal.

Was sagt der Spieler?

Jatta selbst streitet die Vorwürfe nach Informationen des Sportinformationdienstes vereinsintern ab. "Er hat einen gültigen Pass. Der wurde überprüft. Alles andere ist für uns nicht relevant", sagte Efe-Firat Aktas, Berater des HSV-Stürmers, dem Hamburger Abendblatt. Der Ausweis sei mehrfach kontrolliert worden.

Hat Jatta in Deutschland Asyl beantragt?

*Datenschutz

Nein, einen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat der Fußballer nach seiner Ankunft in Deutschland 2015 nicht gestellt. Das hat die Behörde via Twitter erklärt. Zuvor war das Bamf in den sozialen Medien hart angegangen worden. Auf dpa-Anfrage wies das Amt darauf hin, dass weder ein Asylantrag auf den Namen Bakery Jatta noch auf den von der "Sport Bild" genannten Bakery Daffeh gestellt worden sei. Sollte sich der Verdacht gegen Jatta allerdings erhärten, drohen der Entzug der Aufenthaltsgenehmigung, die nach "Abendblatt"-Informationen erst kürzlich um drei weitere Jahre verlängert wurde, sowie eine Sperre durch den Deutschen Fußball-Bund.

Auch eine Strafe wegen Passfälschung sei möglich - drei Jahre Haft (Paragraf 273 "Verändern amtlicher Ausweise") oder bis zu fünf Jahre Haft (Paragraf 267 "Urkundenfälschung") drohen. Im schlimmsten Fall könnte es sogar zur Abschiebung kommen. Das aber nur, wenn seine Angaben zur Identität tatsächlich unwahr sein sollten. "Die Gründe für die damalige Duldung sind dann weggefallen, und dann wird auch der Aufenthalt rückwirkend verwirkt", sagte Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter Hamburg Mitte, am Mittwochabend im "Hamburg-Journal" des NDR-Fernsehens. "Das ist eine sehr harte Möglichkeit, aber sie würde natürlich in der letzten Konsequenz zu einer Abschiebung führen können." Grundsätzlich schiebt Hamburg auch Menschen aus Gambia in ihre Heimat ab. In der Praxis geschieht dies aber selten, ermittelte das "Hamburger Abendblatt": Laut Ausländerbehörde wurden 2018 drei Menschen in das westafrikanische Land zurückgebracht, 2019 noch niemand.

 

Und wie geht's nun weiter?

Die Frage nach der Identität von HSV-Spieler Bakery Jatta wird vom Kontrollausschuss des DFB und der zuständigen Behörde geprüft. "Das Thema ist hier bekannt, der Kontrollausschuss wird den Sachverhalt untersuchen", bestätigte der DFB-Ausschussvorsitzende Anton Nachreiner. Fußballspielen darf Jatta übrigens weiter - zumindest solange er auf der von der DFL geführten Spielberechtigungsliste steht. Voraussetzung dafür ist ein gültiger Aufenthaltstitel. Sollte ein Aufenthaltstitel erlöschen oder durch Behörden entzogen werden, würde die Spielberechtigung entfallen. Der HSV selbst müsste nur eine Strafe fürchten, wenn ein strafbares Handeln des Vereins vorliegen würde.

Warum hat der 1. FC Nürnberg Protest eingelegt?

Die Nürnberger hatten am Montagabend 0:4 gegen den Hamburger SV verloren. Jatta stand in der Startelf der Hamburger. Die Franken begründeten ihren am Mittwochabend eingelegten Einspruch gegen die Wertung des Spiels laut DFB nun mit den Berichten um Jattas Identität. Demnach sei die für ihn erteilte Spielberechtigung unwirksam. Das DFB-Sportgericht habe den Hamburger SV bereits angeschrieben und um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten, hieß es in der DFB-Mitteilung. Das Gremium werde zu gegebener Zeit über den Einspruch zu befinden haben. Die DFL hatte zuvor bestätigt, dass sie vom HSV vor dem Spiel in Nürnberg über Jatta in Kenntnis gesetzt worden sei. "Der Hamburger SV hat die DFL vor dem Spiel gegen den FC Nürnberg darüber informiert, dass es möglicherweise eine mediale Berichterstattung über die Identität des Spielers Bakery Jatta geben wird", teilte die DFL auf Anfrage mit. "Der Spieler stand zum Zeitpunkt der Begegnung auf der Spielberechtigungsliste, insofern durfte er eingesetzt werden."

Quelle: n-tv.de, tno/dpa/sid