Fußball

Fußball-Zeitreise, 10. 2. 1979 Der erste Videobeweis war ein Skandal

imago16100329h.jpg

Skandal: Schiedsrichter Heinz Quindeau zeigt Horst Wohlers, links, die Rote Karte. Hans Klinkhammer und Allan Simonsen protestieren

imago/Horstmüller

Im Rückblick kann man sagen: Der 10. Februar 1979 ist die Geburtsstunde des Videobeweises, wie wir ihn heute kennen. Damals wird der HSV-Spieler Felix Magath aufgrund von TV-Bildern nachträglich verurteilt. Ein Riesenskandal, der den Stein jedoch ins Rollen bringt.

Heute vor vierzig Jahren verlor der Fußball in Deutschland endgültig seine Unschuld. Seit diesem Tag endete eine Bundesligapartie nicht mehr in jedem Fall nach 90 Minuten. Von nun an konnte sich das "Nachspiel" wochenlang in die Verlängerung ziehen. Denn etwas ganz Entscheidendes war anders geworden: Von diesem Tag an galt in der Bundesliga nicht mehr allein die Tatsachenentscheidung auf dem Platz. Durch die Präsenz des Fernsehens war eine neue Situation entstanden, die vieles auf den Kopf stellte, was einmal den ursprünglichen Reiz des Spiels ausgemacht hatte. Im Rückblick kann man sagen: Der 10. Februar 1979 ist die Geburtsstunde des Videobeweises, wie wir ihn heute kennen.

imago16100327h.jpg

Da war noch alles in Ordnung: Felix Magath und Horst Wohlers.

(Foto: imago/Horstmüller)

Doch was ist damals eigentlich geschehen? Auf dem Gladbacher Bökelberg hatte an diesem Tag eine hitzige Partie zwischen der Borussia und dem Hamburger SV stattgefunden. Ständig war es auf einem frostigen Boden hin und her gegangen. In der 76. Minute war sogar ein bis heute denkwürdiges Tor gefallen. Der Hamburger Nationalspieler Horst Hrubesch hatte einen wunderschönen Treffer erzielt. Nach einer Vorlage von Felix Magath hatte der Mann, den sie seit seinen frühen Zeiten bei Rot-Weiss Essen das "Kopfballungeheuer" nennen, ganz gegen seinen Ruf den Ball sanft mit dem Fuß aus der Luft gefischt, zwei Gladbacher aussteigen lassen und dann die Kugel im Kasten von Wolfgang Kneib versenkt.

Der Treffer war so schön, dass er sogar zum "Tor des Monats" gewählt wurde. Doch auch das half den Hamburgern nichts. Mit 4:3 besiegte die Borussia den HSV. Doch nicht der herrliche Treffer von Hrubesch war der Aufreger des Tages, sondern es war eine Szene aus der 85. Minute, die für Gesprächsstoff sorgen sollte. Gladbachs Horst Wohlers und der Hamburger Felix Magath waren aneinandergeraten. Als Schiedsrichter Heinz Quindeau das bemerkte, sah er gerade noch, wie Wohlers nach Magath trat. Ihm blieb nichts anderes übrig, als dem Gladbacher für diese Tätlichkeit die Rote Karte zu zeigen.

Chefankläger Hans Kindermann schaltet sich ein

Nun wäre die Angelegenheit hiermit eigentlich erledigt gewesen. Doch am Abend schauten nicht nur Millionen Fußballfans gemütlich zu Hause auf der Couch die Partien des Tages im Fernsehen, sondern auch ein gewichtiger Funktionär hatte den TV-Apparat eingeschaltet. Und DFB-Chefankläger Hans Kindermann war ganz und gar nicht damit einverstanden, wie Quindeau am späten Nachmittag auf dem Bökelberg entschieden hatte. In seinen Augen war der Tätlichkeit von Wohlers ein "linker Schwinger" Magaths vorausgegangen. Das ärgerte Kindermann so sehr, dass er etwas bis dahin in der Bundesliga Einmaliges tat: Er verurteilte Magath, dessen Vergehen in der Partie ja überhaupt nicht geahndet worden war, nachträglich zu einer Sperre von sechs Spielen. Ein Skandal, wie viele Journalisten am nächsten Tag befanden. Zwar wurde dieses Urteil in der Berufung wieder einkassiert, doch die Auswirkungen dieser Entscheidung reichen bis heute nach.

Problematisch war nicht alleine, dass es überhaupt zu dieser Verhandlung gekommen war, sondern genau wie heute standen alle Beobachter vor dem Problem, wie man das Bildmaterial richtig zu deuten habe. Direkt nach dem Spiel hatte Wohlers seinen Tritt mit den Worten - "Ich habe es nicht gerne, wenn mir jemand ins Gesicht schlägt. Und schon gar nicht, wenn das ein Magath tut" - gerechtfertigt. Doch der HSV-Spieler wollte seinen Wischer eher als einen "freundschaftlichen Klaps" im Sinne der Versöhnung betrachtet wissen. Aussage stand nun gegen Aussage. Wie sollte da vernünftig entschieden werden?

Fußball. Die Liebe meines Lebens
EUR 14,00
*Datenschutz

Und noch etwas beschäftigte weite Teile der Fußball-Öffentlichkeit: Viele befürchteten ein Aushöhlen der Autorität der Schiedsrichter. Denn wenn potentiell jede Entscheidung auf dem Platz in letzter Konsequenz von einem (über-)eifrigen Chefankläger konfisziert und neu bewertet werden konnte - was sollte dann bloß aus dem schönen, neunzigminütigen Fußballerlebnis mit seinen klaren und eindeutigen Regeln werden?

Tatsächlich erkannte auch Kindermann das Problem gerade noch rechtzeitig und beließ es bei diesem einen gravierenden und im Grunde willkürlichen Eingreifen in die Tatsachenentscheidung. Doch seit diesem 10. Februar 1979 hatte sich in den Köpfen aller Fans und Funktionäre eine Sache festgesetzt: die Vision, den Fußball eines Tages mittels von Fernsehbildern gerechter werden zu lassen. Es dauerte bis zur Saison 2017/2018, bis der Videobeweis in der Bundesliga flächendeckend zum Einsatz kommen sollte. Einer größten Fürsprecher für die Einführung war übrigens ausgerechnet Magath, der schon 2015 forderte: "Die Liga braucht einen Fernseh-Schiri - sofort!"

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema