Fußball

Bester DFB-Stürmer nur JokerDer seltsame Fall des Deniz Undav

31.03.2026, 10:59 Uhr
imageVon Emmanuel Schneider
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Der von vielen herbeigesehnte DFB-Stürmer Deniz Undav kommt, trifft – und bleibt unter Julian Nagelsmann trotzdem nur Joker. Was ist da los im deutschen Angriff?

Kaum ein deutscher Spielername wurde in den vergangenen Wochen derart oft in den Mund genommen wie der von Deniz Undav. Und im Stuttgarter Stadion ging es am Montagabend genau so weiter. Schon in der ersten Halbzeit schallten Undav-Sprechchöre durch die Arena. Nach seinem Siegtreffer wenige Augenblicke vor Schluss brüllten die Zuschauer ein dreifaches "UNDAV" in den Himmel. Es dürfte auch bei Julian Nagelsmann angekommen sein. Der Bundestrainer muss mit der Personalie um den Stürmer eine Diskussion managen, die er selbst auch mitzuverantworten hat.

Deniz Undav immerhin war nach Abpfiff bestens gelaunt. Der Abend sei eine Zehn von Zehn gewesen, konstatierte er. Kein Wunder, der Stuttgarter Raumdeuter kam in seinem "Wohnzimmer" zur Halbzeit ins Spiel, versenkte kurz vor Schluss gegen Ghana den entscheidenden Versuch zum 2:1 für das DFB-Team.

Aber inzwischen wird immer deutlicher, wie Bundestrainer Julian Nagelsmann ihn und dessen Rolle sieht: Stand jetzt als Joker, der die aufgeriebenen Abwehrreihen später im Spiel weiter beackern und in der Schlussphase Tore erzielen und vorlegen soll. So der Plan.

Nagelsmann mit Lob und Kritik

"Es war ähnlich wie beim VfB Stuttgart. Er hat jetzt nicht viele Aktionen, bis dahin keine", sagte Nagelsmann nach der Partie. "Aber dann macht er das Tor. Dafür ist er dann auch auf dem Feld. Das ist das Entscheidende, wenn der Gegner ein bisschen müde ist, dass er Aktionen nutzen kann."

Diese Botschaft ist im Rollengespräch mit Undav auch angekommen. "Ja, ich habe ein Gespräch gehabt mit dem Bundestrainer. Ich kenne meine Rolle", erklärte der 29-Jährige, schob dann direkt hinterher: "Aber durch solche Tore kann sich meine Rolle vielleicht auch verändern. Ich versuche einfach, meine Rolle zu akzeptieren und weiterzumachen, Gas zu geben, Tore zu machen für die Mannschaft. Das ist das Wichtigste." Ganz abgeschlossen mit der Startelf hat er hörbar nicht. Warum sollte er das auch als Profisportler?

"Fand Leistung nicht gut"

Doch richtig gut kam das Verbal-Gegenpressing beim Bundestrainer offenbar nicht an. Angesprochen auf die Undav-Aussage, sagte dieser nüchtern: "Das werden wir sehen. Es ist nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich, weil ich die Rollengespräche nicht für die März-Maßnahme gemacht habe, sondern für die WM."

Nagelsmann sparte auch nicht an Kritik an Undavs Auftritt vor dem Treffer. "Ich fand seine Leistung bis zum Tor nicht gut. Er hat einmal den Ball berührt, bis er dann das Tor macht", sagte er. "Das macht einen Torjäger aus. Das Tor macht er gut. Ich weiß aber nicht, ob er diesen Schritt macht, wenn er vorher 70 Minuten marschiert. Ich glaube zu wissen, dass wir im Sommer Joker brauchen, um Spiele zu entscheiden."

"Wenn er damit umgehen kann ..."

Nagelsmann wies später auf der Pressekonferenz zudem darauf hin, dass sich Undav mit seinen Aussagen "selbst unter Druck" setze. "Wenn er damit umgehen kann, ist das sehr gut", so der Bundestrainer. Ein solches Wort-Ping-Pong gibt es auch nicht alle Tage im DFB-Kosmos. Man lehnt sich wohl nicht allzu sehr aus dem Fenster, wenn man sagt: Eine heiße Trainer-Spieler-Liebe ist das nicht gerade.

Nun schlägt Undav auch im Verein gerne die großen Töne an. Er sagt, was er denkt. Das ist sein Markenkern. Meistens liefert er dann an Spieltagen auch ab. Allerdings: Vor der Kadernominierung am 12. Mai gibt es keinen DFB-Lehrgang mehr. Weiter für die Anfangsformation beweisen kann sich der Angreifer jetzt nur noch im VfB-Trikot.

Eigentlich kaum vorstellbar, dass Undav nicht mindestens im Kader für die Weltmeisterschaft stehen wird. Mit 18 Toren und fünf Assists in der Bundesliga (23 Treffer und 13 Vorlagen in allen Pflichtspielen) ist er mit Abstand der beste deutsche Stürmer und seit Monaten in Topform. Genau dieser Fakt war nun mal der Auslöser für die Stürmer-Debatte.

Es wäre wohl sogar fahrlässig, Undav bei der WM nicht in der Hinterhand zu haben. Denn einen Spielertypen wie ihn gibt es im DFB-Team nicht. Was mitunter übersehen wird: Es sind vor allem auch die Assists und Pre-Assists, die bei Undav herausstechen, dazu die brachiale Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, wenn er in Form ist. Und das ist er. Ob sich Undav aber mit seinen offensiven Aussagen einen Gefallen tut, ist unklar. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm jedenfalls nicht. Für einen Stürmer ist dies aber auch eine Grundvoraussetzung, um zu funktionieren.

Andere Stürmer haben die Nase vorne

Im Sturm scheint Nagelsmann bisher andere Kandidaten für die erste Elf zu favorisieren. Kai Havertz spielt unter Nagelsmann eine große Rolle, wenn er gesund ist. Der Arsenal-Profi ist gesetzt und zudem ein sicherer Elfmeter-Schütze, wie er auch gegen Ghana bewies. In der Saison 2025/26 plagte ihn lange das Verletzungspech, über 160 Tage fiel der Offensivmann wegen Knie- und Muskelverletzungen aus. Für die Gunners kommt er nun seit Februar langsam wieder ins Rollen.

Auch der groß gewachsene Nick Woltemade scheint die Nase noch vor Undav zu haben, auch wenn er seit Wochen bei Newcastle United in einer größeren Formdelle steckt. Sein letztes Ligator erzielte er im Dezember, Woltemade zehrt vom Vertrauensvorschuss. In der WM-Quali war er der große Unterschiedsspieler im deutschen Team und erzielte vier Tore. Nagelsmann weiß, was er an Woltemade und Havertz hat. Beide haben nachweislich schon gut funktioniert in der Nationalelf.

Kann man ihm das vorwerfen? Gegen die Schweiz spielten beide von Beginn an. Im Abschluss agierte aber vor allem Woltemade unglücklich. Und es gibt noch weitere Kandidaten: Auch Niclas Füllkrug (erst verletzt, jetzt im Formtief bei der AC Milan) und Tim Kleindienst (Gladbach/dauerverletzt) sollen noch WM-Chancen haben, wären Joker-Konkurrenten für Undav.

Viele fragen sich: Passt diese Hackordnung noch zum ursprünglich von Nagelsmann ausgerufenen Leistungsprinzip? Nach diesem müsste aktuell Undav starten. Nagelsmanns Aussagen deuten jedoch darauf hin, dass Undav vornehmlich als Edel-Joker bei der WM 2026 eingeplant ist. Das kann funktionieren, siehe Ghana-Spiel. Wenn es schiefgeht, könnte der Bundestrainer in Erklärungsnöte kommen. Denn das beliebte Gedankenspiel: "Was wäre gewesen, wenn …" wird er dann nicht mehr auflösen können.

Für Undav ist die Rolle etwas ungewohnt. In Stuttgart spielt er als gefühlter MVP (Most Valuable Player) gewöhnlich von Beginn an und trifft auch durchaus mal nach langem Anlauf später in Partien (zum Beispiel beim 3:3 gegen Borussia Dortmund). Noch hat er aber genug Zeit, sich daran zu gewöhnen. Vielleicht auch mal eher ein Wort weniger zur Debatte sagen, als nötig.

Bis zum ersten WM-Gruppenspiel gegen Curacao sind es noch 75 Tage. Die Frage um Undav wird den Spieler, das Team und Nagelsmann weiter begleiten. Sie ist wohl eine der spannendsten des ganzen Turniers. Vor allem auch für die Fans.

Quelle: ntv.de

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