Deutschland, dein Sturmproblem"Brutaler" Karl und Undav können bedrohliches DFB-Defizit nicht kaschieren
Der erst 18-jährige Lennart Karl brilliert auch im DFB-Team als Flügelflitzer, Matchwinner Deniz Undav kritisiert die Fans für Pfiffe gegen Leroy Sané. Doch hinter dem knappen Sieg der Nationalelf lauert ein großes WM-Problem.
Hoppla. So war das nicht geplant. Die Nationalelf wollte sich gegen Ghana für die WM einspielen, hinter vorgehaltener Hand vielleicht sogar einschießen. Doch trotz teilweise drückender Überlegenheit fällt am Montagabend in Stuttgart lange kein Treffer: Ein Elfmeter und ein spätes Joker-Tor verhelfen gerade so zum knappen 2:1 (1:0)-Sieg über eine Mannschaft, die von Österreich vergangene Woche mit 5:1 vom Platz gefegt worden war.
Nach dem zweiten Länderspiel, dem letzten Test von der Kadernominierung (12. Mai) für die WM, stellt sich die Frage: Was bedeutet es für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, wenn Florian Wirtz keinen Sahnetag erwischt wie gegen die Schweiz? Die Erkenntnis: Der 18-jährige Lennart Karl überzeugt und Deniz Undav hat das Zeug zum Matchwinner - aber ein Defizit im Angriff klafft bedrohlich.
"Das Spiel ist top gelaufen", analysiert Julian Nagelsmann nach der Partie. "Wenn wir unsere taktische Disziplin haben, dann sind wir wie in den ersten 25 Minuten richtig gut." Stimmt, aber der Bundestrainer lässt aus, was Nick Woltemade erkennt: "Die ersten 25 Minuten waren sehr gut von uns, da hat das Tor gefehlt." Die deutsche Mannschaft schafft es gegen Ghana nicht, die Dominanz und viele Chancen in Tore umzumünzen.
DFB-Elf fehlt Kaltschnäuzigkeit
Die Westafrikaner stehen zwar tief, aber bei weitem nicht defensiv kompakt. Anfangs schwimmen sie sogar regelrecht. Und dennoch treffen die Deutschen nicht, bei denen diesmal ein unglücklich agierender Woltemade im Sturmzentrum beginnt, bis der auf dem rechten Flügel auflaufende Kai Havertz kurz vor der Pause einen Handelfmeter cool in die rechte Ecke schiebt (45.).
Fehlende Kreativität und Kaltschnäuzigkeit offenbaren sich an diesem Abend als klare Mankos im deutschen Spiel. Das war schon in der WM-Qualifikation oft der Fall. Hoffen auf geniale Momente von Wirtz in jedem Spiel? Vertrauen auf das Comeback eines wiedererstarkten Jamal Musialas? Beides ist gefährlich.
Und so muss sich die DFB-Elf kurz vor der WM mit einem Sturmproblem herumschlagen. 2024 hatte Niclas Füllkrug seinen Lauf, 2025 war Woltemade dran. Doch eine Nummer 9 von internationaler Klasse, die über die Jahre konsequent trifft, hat Deutschland nicht. Kann man so Weltmeister werden?
Woltemade hat seit Monaten nicht getroffen und seinen Stammplatz bei Newcastle längst verloren, nach dem kometenhaften Aufstieg ist der Youngster auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet. Diese Schwere nimmt er nun auch mit in die Nationalelf, seine Rolle im Klub wird er bis zum Sommer nur schwer verbessern können. Füllkrug bleibt auch beim AC Mailand in seinem Formtief und hat nur noch eine Restchance auf die WM. Havertz sucht nach mehreren Verletzungen noch seine Fitness, gegen die Schweiz funktionierte er im Sturmzentrum wie so oft nicht so gut wie hinter den Spitzen.
Woltemade vergibt mehrfach
Und so vergibt das DFB-Team in Stuttgart aufgrund mangelhafter Durchschlagskraft etliche Möglichkeiten. In der vierten Minute hat Woltemade bereits das 1:0 auf dem Fuß, als Havertz nach einem tollen Steckpass von Wirtz auf den Angreifer von Newcastle zurücklegt. Anschließend vergibt Verteidiger Jonathan Tah mehrfach, Serge Gnabry zielt aus der Distanz daneben (23.) und Joshua Kimmich jagt die Kugel zweimal in den Abendhimmel.
Kurz nach der Pause zeigt Deutschland endlich mal eine gelungene und zielstrebige Kombination mit einem gefährlichen Abschluss (53.): Woltemade legt per Hacke auf Pascal Groß, der nimmt rechts den eingewechselten Karl mit, dessen genaue Flanke köpft wiederum Woltemade an die Latte. Aber auch diesen Kopfball muss der Stürmer eigentlich im Kasten unterbringen, sein Versuch gerät viel zu zentral und ungenau.
Neidisch muss man auf England mit Harry Kane oder Frankreich mit Kylian Mbappé blicken. Nur acht WM-Tore schoss Deutschland seit 2014 in sechs WM-Partien, vier davon im letzten Gruppenspiel 2022 gegen Costa Rica, womit man trotzdem ausschied. Mbappé allein schoss 12 bei den vergangenen beiden Turnieren (14 Spiele).
Undav wird zum Matchwinner gebrüllt
Aber halt, Sturmproblem? Da ist ja noch Deniz Undav. Der Lokalheld. Der beste Angreifer der Bundesliga nach Über-Knipser Kane. Der Matchwinner aus Stuttgart, den die Fans mit ihren Sprechchören förmlich zur Einwechslung brüllen. Die Undav-Gesänge schwappen schon in der ersten Halbzeit immer und immer wieder so laut durchs Stadion, dass der Angreifer sich von der Auswechselbank erhebt und lächelnd ins Rund winkt.
Zwar bleibt auch er zunächst blass, als er nach der Pause endlich auf den Platz zu seinem ersten Einsatz seit Juni 2025 darf. Doch in Mittelstürmermanier nutzt er nach dem zwischenzeitlichen 1:1 Ghanas seine einzige Gelegenheit zum 2:1-Endstand. Über Kimmich, Leon Goretzka und Leroy Sané landet die Kugel nach schönem Direktspiel bei Undav, der sie mit zwei Ballberührungen artistisch im Fallen im Tor unterbringt.
Allerdings gibt es auch bei Undav ein spezielles Stürmerproblem - und das ist hausgemacht. Nagelsmann erklärt mit klaren Aussagen kurz vor der Partie den Angreifer zum Dauer-Joker. Degradiert den derzeit einzigen deutschen Stürmer mit guter Form und Quote auf gewisse Weise. Warum der Bundestrainer das so deutlich tut, vor allem bereits Monate vor der WM, und sich damit selbst in die Bredouille bringt, bleibt sein Geheimnis.
Und so steht Undav nach der Partie zwar glücklich und im weißen Trainingsanzug in den Katakomben vor der Presse, aber er weiß auch um die "Rolle", die der Bundestrainer für ihn vorgesehen hat. "Mit jedem Tor, das ich mache, kann sich eine Rolle vielleicht auch verändern. Natürlich würde ich sie gerne ändern, aber ich bin nicht der Entscheider."
Lob für Karl, Kritik für Fans
Auch über Neuling Karl spricht Undav, dem er "brutale Qualitäten" bescheinigt, die er in diesem Alter auch gerne gehabt hätte. Der 18-Jährige kristallisiert sich an diesem Abend als rotzfrecher und im Dribbling kaum zu stoppender Lichtblick neben Undav heraus. Nach seiner Einwechslung in der zweiten Hälfte setzt er einmal nach eigenem Ballgewinn zum Super-Solo an, tanzt drei Ghanaer aus, bevor er von zwei weiteren am Strafraum gefällt wird. Das Publikum staunt und raunt. In der 81. Minute brilliert Karl mit einem weiteren Lauf, legt im Strafraum zurück, doch am Ende rauft sich Nagelsmann die Haare, weil Kimmich weit über das Tor schießt. Fünf Minuten später hat der Bayern-Youngster das 2:1 auf dem Fuß, aber zielt knapp am Kasten vorbei.
Undav zeigt dann auch noch, warum er nicht nur ein wichtiger Stürmer für das an Durchschlagskraft leidende DFB-Team ist, sondern ein wichtiger Mannschaftskollege. Nach Pfiffen gegen Sané schickt er am ARD-Mikrofon eine deutliche Botschaft an die deutschen Anhänger. "Ich hoffe und bitte jeden Fan, dass, wenn Leroy oder ein anderer Spieler reinkommt, dass man da nicht buht", sagt der Matschwinner: "Egal, was ein Spieler macht oder wie er ist, man sollte hinter der Mannschaft stehen. Es ist wichtig, dass wir als Mannschaft mit den Fans eine Einheit werden."
Nur mit absoluter Geschlossenheit und Teamgeist kann es bei der WM etwas werden. Vielleicht machen sie dann sogar das Sturmproblem vergessen.
