Fußball

Gangster, Krypto-Chaos, Aufstieg Die Auferstehung der SG Wattenscheid 09

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Pyro und Party: Die SG Wattenscheid 09 steigt in die Regionalliga auf.

(Foto: IMAGO/Michael Ketzer)

Die SG Wattenscheid wurde einst von Uli Hoeneß verspottet, sie spielte dank ihres Mäzens Bundesliga und war später insolvent: Der Kultklub aus Bochum hat eine einzigartige Geschichte von Aufstiegen und Abstürzen zu erzählen. Nun feiert der Verein vor einer Rekordkulisse.

Der Esel hat sich die Möhre geschnappt! Die SG Wattenscheid 09 steigt auf und kehrt in die Regionalliga West zurück. Mit einer enthemmten Fußball-Party, die dieser Klub, gebaut auf Tradition und Chaos, lange nicht erlebt hat. Über 6000 Fans hatten die legendäre "Lohrheide" an diesem Pfingstmontag überrannt. Ein angrenzender Sportplatz musste geöffnet werden, um das Verkehrschaos rund um das Stadion zu beheben. Vor den Kassen: für diese Spielklasse absurd lange Schlangen. Der Anpfiff wurde 15 Minuten nach hinten verschoben, auf 15.15 Uhr. Da hatten sich auch die letzten kräftigen Schauerwolken über dem Stadtteil an der A40 verzogen, die Sonne strahlte hell, das Bier lief flüssig, die beste Bratwurst der Welt lag auf der glühenden Kohle, die prächtige Hymne donnerte - und die Euphorie bei diesem abgestürzten Riesen war gigantisch.

Eine Woche zuvor hatte sich die SGW in die Situation gebracht, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden. In der Stadt, die mittlerweile ein kolossaler Stadtteil von Bochum ist, wissen sie: eine gute Idee ist das nicht (immer gewesen). Wohl kaum ein Klub hat so eine wilde Geschichte von Enttäuschungen, Abstürzen und Aufstiegen zu erzählen. An diesem Pfingstmontag war die Eintracht aus Rheine zu Gast. Das ist ein Klub aus dem Münsterland. Man erkennt schon, in welchen Gefilden die Wattenscheider unterwegs sind, pardon, waren, die einst in der 1. Bundesliga den FC Bayern entnervten (3:2, 35.000 Zuschauer im Ruhrstadion), mit Ikonen wie Uwe Neuhaus, Hans-Werner Moser und Souleymane Sané, dem berühmten Papa von Deutschlands rätselhaftem Flügelstürmer Leroy Sané. Verklärte Romantik.

Diese Namen sorgen in Wattenscheid noch immer für die ganz großen Gefühle. Ebenso wie Marek Lesniak oder Uwe Tschiskale. Erinnerungen an glorreiche Zeiten. Heute haben die Helden andere Namen. Sie heißen Emre Yesilova, er erzielte per Strafstoß das 1:0 gegen Rheine, und Dennis Knabe, der das Kollektiv mit dem 2:0 wenige Minuten vor dem Abpfiff endgültig erlöste. Tränen bei den Spielern, Tränen bei den Anhängern. Vor allem bei den Älteren, deren Liebe der Klub in den vergangenen Jahren auf eine ganz harte Probe gestellt hatte. Vergeben. Sowieso. Vergessen. Auch. Die SGW ist wieder da, wenn auch erstmal "nur" in der Regionalliga. Und sie kommen, um zu bleiben. Erfolgscoach Christian Britscho jubilierte: "Wir leben wieder und ihr werdet uns nicht mehr los."

"Da kannst du Hollywood für anrufen"

Kapitän Marvin Schurig fiel ebenfalls in eine grenzenlose Euphorie. Der "Reviersport" zitiert ihn so: "Die ganze Geschichte ist wie im Drehbuch. Das gleicht einem Blockbuster. Dass wir dann am vorletzten Spieltag nach oben rutschen und den Aufstieg im letzten Saisonspiel entscheiden - da kannst du Hollywood für anrufen."

Der wilde Rausch an der Lohrheidestraße 82 ist gewissermaßen auch eine therapeutische Abschlusssitzung mit der eigenen Vergangenheit. Die changiert zwischen ruhmreich und peinlich. Zwischen Bundesliga-Spektakel und Geschichten, die so absurd klingen, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie sich tatsächlich ereignet haben. Gegründet 1909, zwischendurch mit dem Spitznamen "Titten und Bullen" verspottet (wegen der kurzen Fusion mit dem TV 1901 Wattenscheid zum TuBV Wattenscheid 01 zwischen 1919 und 1923), nahm die Geschichte des Klubs mit dem Einstieg des Textilgiganten Klaus Steilmann, eine der prägendsten Figuren der Wirtschaft im Nachkriegsdeutschland, Anfang der 60er-Jahre so richtig Fahrt auf.

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Mega-Kulisse an der Lohrheide.

(Foto: IMAGO/Michael Ketzer)

Wattenscheid hatte mit Steilmann einen Visionär, einen Mäzen und später auch einen schillernden Präsidenten. Anfang der 70-er Jahre kam Trainer Karl-Heinz Feldkamp zur Sportgemeinschaft und etablierte in der Regionalliga West, der damals zweithöchsten Spielklasse, einen "Fußball modernster Prägung" ("Kicker"). Die Euphorie war groß, Steilmann strebte in die Bundesliga. Vorerst vergeblich. Auch der Versuch, den Aufstieg mit der aufsehenerregenden Verpflichtung des argentinischen Nationalspielers Carlos Babington zu erzwingen, ging schief. Der offensive Mittelfeldspieler stand bei der WM 1974 im Kader und wurde zu einem der besten Spieler gewählt. Vier Jahre später war er nicht mehr im Aufgebot. Weil er in Wattenscheid blieb. Sagte er. An der Lohrheide lieferte er dennoch stabil ab, lief 120 Mal in Schwarzweiß auf, erzielte 46 Tore.

Hoeneß spottet über den Aufstieg

Nach Jahren voller Abstiegssorgen, 1981/82 blieb der Klub nur in der mittlerweile gegründeten 2. Liga, weil 1860 München die Lizenz entzogen worden war, übernahm Hannes Bongartz zur Saison 1988/89 das Traineramt und führte die Wattenscheider tatsächlich ins Oberhaus, dank des stürmenden Sensations-Duo Maurice Banach und Tschiskale (22 und 19 Tore). Der Aufstieg sorgte nicht überall für Glücksgefühle. Uli Hoeneß, der Patriarch des FC Bayern, damals noch Manager, wetterte, dass es "das Schlimmste" sei, "was der Bundesliga passieren konnte." Die Rache der Schwarzweißen gab's noch in der gleichen Saison. Zwar ging die SGW im Hinspiel krachend unter (0:7), dafür wurde der Rekordmeister im Rückspiel blamiert (3:2). Was für eine Parallele zum Stadtrivalen VfL Bochum, der in der abgelaufenen Saison als Aufsteiger in München ebenfalls mit 0:7 unterging, um die Bayern beim zweiten Aufeinandertreffen der Saison mit 4:2 und Traumtoren zu demütigen.

Gloria, von der die SGW noch ganz weit entfernt ist. Aber im Schatten der imposanten Zeche Holland stehen die Zeichen auf Kontinuität und Seriösität. Das Erbe der Geschichte ist eine ständige Mahnung. Sie wissen allerdings auch, dieser Klub ist ein schlafender Riese. Zu groß für die Oberliga sowieso. Vielleicht auch für die Regionalliga. Mit ihrer Geschichte, mit ihrem Stadion, dem immer noch der Mief der großen Fußball-Welt anhängt. Nur spricht es niemand mehr aus. Coach Britscho, der seit dem Neustart vor zwei Jahren verantwortlich ist und eine junge, hungrige, erfolgreiche Mannschaft geformt hat, hatte nach nach Abpfiff "keine Ziele mehr - außer die Feierlichkeiten zu überleben." Er spürte nichts als Stolz. "Es fühlt sich überragend gut an. Das ist das, was wir den Jungs von Anfang an gesagt haben: Kommt zu uns und geht mit uns diesen Weg, dann sind solche Momente wie dieser möglich. Dass das dann auch noch so eintrifft - ich könnte heulen." Wohin dieser Weg führt? Vorerst egal.

Die SG Wattenscheid, deren Bundesliga-Zeit nur vier Jahre währte, blieb als graue Maus im Oberhaus ein Verein der fortschrittlichen Entwicklung. Als einer der ersten Klubs spielte die Sportgemeinschaft mit einer Viererkette in der Abwehr, während sonst das System Libero/Manndecker (Vorstopper) präferiert wurde. Für besonderes Aufsehen sorgte derweil die Personalie Britta Steilmann. Der Mäzen machte seine Tochter zur ersten Managerin in der Bundesliga. Eine ihrer ersten Entscheidungen: Die Entlassung des Aufstiegstrainers Bongartz, der mit seiner Mannschaft zu diesem Zeitpunkt allerdings in großen Sorgen war. Eine Entscheidung ohne Erfolg: Der Klub stieg ab - und erlebte turbulente Jahrzehnte. Im Zeitraffer: Abstiege, Aufstiege, Abstürze, Versprechen, Possen, totales Chaos und ständige Existenzängste.

Da war die Geschichte mit Galatasary Istanbul. Die türkische Fußball-Großmacht wollte die SG Wattenscheid 09 zur Akademie für die Ausbildung von Talenten machen. Mit den prominenten Altintop-Brüdern Halil und Hamit gab es charismatische und erfolgreiche Idole. Finanziell sollte es dafür Unterstützung geben. Der Plan scheiterte, die auf fünf Jahre angelegte Kooperation wurde nach einem Jahr aufgelöst. Ähnlich krachend ging die Idee von Haalo Technology im Sommer 2018 unter. Das Hamburger Startup wollte mächtig investieren und den Verein zum "digitalisiertesten" in Europa machen. Es geisterten absurde Hirngespinste wie "Kryptowährung" und "Big Data" durch das abgerockte Malocher-Städtchen. Wer einmal da war, der weiß was: Für Wattenscheider muss sich das wie die Landung von Aliens auf dem ewig verstopften Ruhrschnellweg angefühlt haben. Machtkämpfe im Klub führten zu einem Blitz-Aus der außerirdischen Ambitionen. Mittendrin: Hauptgeldgeber Oguzhan Can, der mittlerweile wegen millionenfachen Corona-Testbetrugs seiner Firma Medican vor Gericht steht.

Irre Posse um Neururer

Wattenscheid stürzte in die Insolvenz. Am 23. Oktober 2019 wurde nach erfolgloser Sponsorensuche der Spielbetrieb der ersten Herrenmannschaft in der Regionalliga eingestellt. Sportdirektor Peter Neururer hatte sich da schon wieder zurückgezogen. Auch so eine wilde Geschichte. Das Engagement des Kulttrainers soll auf einem Missverständnis beruht haben. Der ehemalige Schalke-Boss Josef Schnusenberg, 2019 im Aufsichtsrat der SGW, rief Neururer an und bat im Hilfe. Der dachte an eine Rückkehr zu seinem königsblauen Herzensklub - was für ein Irrtum. Einen Rückzieher wollte er dann aber nicht machen. "Da hatte ich ihm mein Wort gegeben. Und wenn ich jemandem ein Versprechen gebe, dann stehe ich auch dazu."

Alles vergessene Geschichte. An diesem Sonntag liegt die Wahrheit auf dem Platz. Zwei Jahre nach dem Neustart erhebt sich die SG Wattenscheid 09 aus den Trümmern ihrer chaotischen Vergangenheit. Die erzählt sich aus Fan-Sicht so: "Dat is wie mit dem Esel, dem die Mohr­rübe hin­ge­halten wird. Der rennt und rennt hin­terher. Bei der sechsten Möhre denkt der: Wat soll die Scheiße? Bei Wat­ten­scheid is dat jetzt die zehnte Möhre, min­des­tens", bekannte ein Fan namens Thomas einst gegenüber dem Magazin "11Freunde". Die wievielte Möhre das nun tatsächlich war? Egal, der Esel von der A40 hat endlich zugeschnappt.

Quelle: ntv.de

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