Fußball

(Zu) später Abbruch nach Eklat Die Scheinheiligkeit der zögernden Uefa

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Die Uefa sieht sich selbst offensiv im Kampf gegen Rassismus.

(Foto: imago/Insidefoto)

Den Fußballern von Paris St. Germain und Başakşehir gebührt an diesem historischen Abend der größte Respekt. Gemeinsam verlassen sie das Feld, nachdem es zu einer rassistischen Beleidigung aus dem Schiedsrichter-Team gekommen ist. Die Uefa hingegen verpasst eine große Chance.

Erst weit nach 23 Uhr verkündet die Uefa die Entscheidung: Das Fußballspiel zwischen Paris St. Germain und Başakşehir Istanbul in der Champions League wird nicht wieder angepfiffen. Aus der ewig langen Unterbrechung wird endgültig ein Spielabbruch. Es ist die einzig richtige Entscheidung, denn die Europäische Fußball-Union stellt sich ja seit Jahren in ihrer Kampagne "No to racism" offiziell gegen jegliche Form von Rassismus.

Den hatte der Co-Trainer der türkischen Gäste im Pariser Prinzenpark am Dienstagabend in der Champions League erlebt. Der frühere kamerunische Nationalspieler Pierre Webo hatte wegen lautstarker Proteste die Rote Karte gesehen, dabei soll es zu der rassistischen Beleidigung gekommen sein. Und das ausgerechnet noch durch den Vierten Offiziellen des Schiedsrichtergespanns - ein Irrsinn!

In bemerkenswerter Eintracht verließen die Fußballer beider Mannschaften nach langen, intensiven Diskussionen mit den Unparteiischen das Feld. Sie ließen sich dabei auch nicht von dem ungelenken Versuch täuschen, die Wahl des "N-Worts" irgendwie zu erklären. Mit ihrer Konsequenz haben sie endlich mal ein starkes Zeichen gesetzt. Sie haben sich gegen Dummheit und Diffamierung positioniert. Sie haben sich gegen die Show gestellt, haben endlich ihre politische und gesellschaftliche Kraft und Macht entdeckt.

Unredliche Überredungsversuche

So wie es im US-Sport seit Monaten bereits gelebt wird. Aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt hatten NBA-Profis Ende August mit einem boykottierten Play-off-Spiel die Absage aller Partien des Tages erzwungen. Die Milwaukee Bucks um den Superstar Giannis Antetokounmpo waren zum geplanten Duell mit den Orlando Magic erst gar nicht aufs Spielfeld gekommen. In der Folge sagte die stärkste Basketballliga der Welt die weiteren Begegnungen des Tages ab.

Wie gut hätte es also getan, wenn die Uefa den Fußballern sofort beigesprungen wäre. Wenn auch sie den Kampf gegen Rassismus unmittelbar über die Show gestellt hätte. Klar, es war Champions League, ein teures Premiumprodukt. Und es ging zumindest für Paris St. Germain sportlich noch um viel. Ein Ausscheiden in der Vorrunde wäre noch möglich gewesen. Dass die Uefa das Spiel folglich nicht sofort abbricht, sondern nur unterbricht, sich erst mal einen Überblick über die Lage verschaffen will, verschaffen muss, das ist in Ordnung. Nicht in Ordnung ist indes, wenn Mitarbeiter versuchen, das Team von Başakşehir zu einer Rückkehr auf den Rasen zu überreden. Davon wurde in mehreren Medien berichtet.

Wer das unverhandelbare "No to racism" plakativ zu einer moralischen Leitplanke seiner eigenen Institution macht, der hat bei Vorfällen wie diesem keinen Handlungsspielraum. Niemand hat den. Die Uefa hat mit ihrem Zögern ein Stück ihrer Glaubwürdigkeit verspielt. Nicht das erste Mal wirkt das Handeln auf absurde Weise unempathisch. In bester Erinnerung ist noch der Umgang mit dem BVB-Spiel gegen die AS Monaco nach dem Bombenattentat auf den Teambus der Dortmunder. Damals wurde die Show der völlig geschockten Fußballer um 24 Stunden verschoben.

Die Uefa hat nun wieder eine unangenehme Scheinheiligkeit offenbart. Wie einfach eine starke Geste möglich gewesen wäre, zeigte Demba Ba. Der Stürmer der Istanbuler nahm sich den Schiedsrichter vor und erklärte ihm in aller Klarheit: "Du bezeichnest doch auch keinen weißen Spieler als weißen Spieler, wenn du ihm eine Karte gibst." So ist es.

Nun, an diesem Mittwochabend (ab 18.55 Uhr im Liveticker bei ntv.de) geht's weiter. Dann werden die verbleibenden 75 Minuten dieses Vorrundenduells nachgeholt. Mit einem neuen Schiedsrichtergespann. Die Bedeutung des Spielausgangs ist mittlerweile nur noch von untergeordneter Rolle. Paris ist sicher im Achtelfinale, es geht im verzögerten Duell mit RB Leipzig "nur" noch um Platz eins in der Gruppe. Von großer Bedeutung könnte das Spiel allerdings dann werden, wenn die Uefa sich um ein starkes Zeichen bemüht, wenn es nicht nur um Fußball geht. Ein Kampagnenfilm allein reicht da nicht aus.

Quelle: ntv.de