Fußball

AC Milan führt die Serie A an Die Wiedergeburt eines Fußballgiganten

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Çalhanoğlu (.r.) ist einer der Leistungsträger.

(Foto: REUTERS)

Der AC Milan war einst eine feste Größe im europäischen Spitzenfußball. Doch nach Jahren voller Fehlschläge spielten die "Rossoneri" nur noch Mittelmaß. Nun aber der Umschwung - Milan steht auf Platz eins in der italienischen Serie A. Wie kommt es dazu?

Wer in den Nullerjahren aufwuchs oder ein eingefleischter Fußballfan war, kam nicht umhin, die Erfolge von AC Milan zu bewundern. Der traditionsreiche Klub aus der Lombardei, damals noch finanziert und geleitet vom kontroversen italienischen Ministerpräsident Silvio Berlusconi, eilte insbesondere auf internationaler Bühne von einem Sieg zum nächsten. Die Maschinerie rund um Andrea Pirlo, Paolo Maldini und Clarence Seedorf schien teils unaufhaltsam zu sein. Das sogenannte "Milan Lab" war in Sachen Sportmedizin seiner Zeit voraus, das Scouting wirkte nahezu fehlerlos und Trainer Carlo Ancelotti leitete die Geschicke als erfolgsversessener Perfektionist.

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Das waren noch Zeiten ... Champions League mit AC Mailand und dem FC Schalke 04 im Jahr 2005.

Doch als sich das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends dem Ende zuneigte, verging auch langsam die Erfolgsphase des alten Milans. Ancelotti verabschiedete sich gen England, während Maldini, Seedorf und andere in den wohlverdienten Ruhestand gingen. Seit dem Ende dieser Ära wirkten die "Rossoneri" orientierungs- und planlos. Zig Spieler und Trainer versuchten ihr Glück im altehrwürdigen San Siro, das mit seiner zusehends maroden Fassade eine passende Kulisse für den zusehends ruinösen Klub bildete.

Zwischenzeitlich fand sich Milan sogar im Mittelfeld der Serie A wieder. Der Scudetto, die italienische Meisterschaft wurde zuletzt vor zehn Jahren gewonnen. An der Champions League, die der Klub einst dominierte, nahm er 2014 letztmalig teil. Die wechselnden Eigentümer - darunter der Chinese Li Yonghong - wussten nicht so recht, wie sie dem Niedergang entgegensteuern sollten. Mal wurden junge einheimische Hoffnungsträger verpflichtet, mal wurde eine Shopping-Tour in ausländischen Ligen unternommen. Doch nie verschwand die Tristesse, welche zehn Jahre zuvor gewiss keiner erahnen konnte, als Milan noch zu den ganz Großen Europas gehörte.

Der Niedergang machte sich auch monetär bemerkbar. Während Milan Mitte der Nullerjahre noch zur Spitze gehörte, rangierte der Klub im bekannten Ranking "Deloitte Money League" unter den Top Fünf nur knapp hinter Real Madrid und anderen. Mittlerweile befindet sich Milan allerdings außerhalb der umsatzstärksten 20 Vereine. Das Geld fließt nicht mehr wie noch einst, was gewiss auch mit den strukturellen Problemen des italienischen Fußballs, aber eben auch mit den vielen Fehlinvestitionen der "Rossoneri" zu tun hat.

Çalhanoğlu mutiert zum Führungsspieler

In diesen Corona-Zeiten sind die Sitze im maroden San Siro bei jeder Partie verwaist. Der Putz bröckelt weiter von den Wänden, die Farbe blättert fortan von den Sitzschalen. Der metaphorische Eindruck des verfallenden Riesen ist allgegenwärtig, wäre da nicht die Mannschaft. Zum Weihnachtsfest steht Milan auf Rang eins der Serie A und sorgt für einige Verwunderung inner- und außerhalb Italiens.

Wenngleich die Mannschaft nicht mit Stars gespickt ist und mit Zlatan Ibrahimović eigentlich nur einen klangvollen Namen besitzt, hat sie sich in den vergangenen Monaten wieder Respekt erarbeitet. Der einstige Rivale Juventus hadert mit einer Formkrise, beim Stadtrivalen Inter brodelt es wie so häufig und auch der Rest des Spitzenfeldes in Italien wirkt nicht unbedingt gefestigt - Milan hingegen schon. Die "Rossoneri" erinnern mit ihrer sehr beständigen und schon fast mechanischen Spielweise sogar ein wenig an das Erfolgsteam der Nullerjahre.

Zudem ergibt sich eine passende Mischung aus jungen athletischen Spielern wie Theo Hernández und Rafael Leão und erfahrenen Akteuren wie Ante Rebić und Hakan Çalhanoğlu. Dass gerade Letzterer nach seiner Zeit in der Bundesliga und einigen durchwachsenen Jahren in Mailand nun ein Anker der Lombarden ist, mag überraschen. Çalhanoğlu wirkt auf dem Feld mittlerweile reif und auch körperlich bulliger als noch einst beim Hamburger SV und bei Bayer Leverkusen.

Die italienische Fehlerlosigkeit

Cheftrainer Stefano Pioli hat seinen Anteil daran, dass Çalhanoğlu, aber auch so manch anderer viel besser spielt als noch vor wenigen Jahren. Der 55-Jährige erlebt selbst einen unerwarteten Aufstieg, denn neben einigen Achtungserfolgen war er lange Zeit doch ein eher unscheinbarer Vertreter der italienischen Trainerzunft. Milan ist Piolis 13. Station im Seniorenbereich, nur einmal blieb er bis dato länger als zwei Jahre bei einem Verein.

Die Spielweise des drahtigen Ex-Verteidigers kann gelinde gesagt als geradlinig und erfolgsstabil bezeichnet werden. Milan spielt nicht unbedingt spektakulär, aber hat einen eindrucksvollen Zug zum Tor. Gerade nach Balleroberungen wird über dynamische Flügelspieler wie Hernández, Rebić und auch Alexis Saelemaekers Fahrt aufgenommen. Zudem ist die geringe Fehleranfälligkeit ein klassisch italienisches Element im Spiel Milans - was wiederum auch zu Pioli passt, der in seiner gesamten Karriere noch nie im Ausland trainierte.

Die Macher hinter dem Erfolg

Doch es sind nicht nur italienische Einflüsse, die Milan zurück in die Erfolgsspur brachten. Ein Name, der eng mit dem jüngsten Aufschwung verknüpft wird, lautet Ivan Gazidis. Der Südafrikaner kam 2018 von Arsenal und übernahm ähnlich wie in London die Rolle des Geschäftsführers. Er wurde der Entscheidungsträger, dem auch die Eigentümer vom Hedgefonds Elliott Management Corporation das Vertrauen schenkten. Zum Zeitpunkt von Gazidis' Ankunft hatte Elliott, das dem bekannten und gleichfalls umstrittenen Financier Paul Singer gehört, ein Notfallinvestment von 50 Millionen Euro in den Verein gepumpt. So angespannt war die Situation noch vor etwas mehr als zwei Jahren.

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Gazidis sorgt für den Aufschwung.

(Foto: imago images/LaPresse)

Gazidis wusste, dass Milan auf dem Transfermarkt nicht mit den Topklubs konkurrieren konnte, und kümmerte sich deshalb lieber um eine neue Scouting-Philosophie. "Unsere Strategie muss auf progressivem Fußball beruhen", erzählte er vor einiger Zeit dem Sport-Portal "The Athletic". Neben der grundsätzlich modernen Ausrichtung auf dem Rasen wollte Gazidis auch abseits davon vor allem nach progressiven Köpfen Ausschau halten. "Ich wollte nicht, dass unsere Spielersuche reaktiv und von den Beratern gelenkt wird", erklärte der Südafrikaner. "Es muss eine proaktive Vorgehensweise sein."

Als Scoutingchef wurde deshalb Geoffrey Moncada geholt, der zuvor als Quereinsteiger bei der AS Monaco von sich reden machte. Die Monegassen befanden sich vor einigen Jahren in einer ähnlichen Situation wie nun Milan. Nachdem die großen Transfers nicht mehr möglich waren, musste das Management zusammen mit der Scoutingabteilung nach neuen Wegen suchen. Auf dem Rücken von unterschätzten Kickern wie Bernardo Silva und Tiemoue Bakayoko wurde eine neue Mannschaft geformt, die dem übermächtigen Paris Saint-Germain 2017 die französische Meisterschaft abluchste.

Moncada schaut bei seiner Suche nach neuen Spielern vor allem auf das Entwicklungspotenzial und weniger auf die aktuelle Leistungsfähigkeit. Nur so lassen sich für die unterfinanzierten Mailänder so manche Rohdiamanten aus dem Meer an Talenten herausfischen. "Die Medien haben uns schon als 007 bezeichnet und ehrlich gesagt ist da etwas dran", sagte der 33-Jährige kürzlich. "Du musst der Erste sein oder es zumindest versuchen. All die großen Klubs, Bayern München und Manchester City zum Beispiel, machen einen großartigen Job beim Jugendscouting."

Auf in die Zukunft

Natürlich wird sich erst in einigen Jahren zeigen, wie viele Früchte das Scouting tragen kann. Erste Transfers - wie zuletzt jener des Norwegers Jens Petter Hauge - lassen zumindest vermuten, dass Milan den gewählten Weg fokussiert weitergehen wird. Angesichts der finanziellen Engpässe und den maroden Ligastrukturen bleibt ihnen auch nicht viel übrig. Trotzdem basteln Gazidis und die anderen Verantwortungsträger auch an der längerfristigen Zukunft des Vereins.

Ein neues Stadion soll her. Selbst wenn die Pandemie einmal vorüber ist und wieder Zuschauermassen erlaubt sind, wird das marode San Siro nicht die gewünschten Einnahmen bringen. Nur um die 30 Millionen Euro an Spieltagsumsätzen generiert Milan pro Jahr. Bei Topklubs wie Barcelona und Bayern belaufen sich diese Summer auf ein Vielfaches. Deshalb planen Milan und Stadtrivale Inter mit einem neuen Zuhause, einer hochmodernen Arena, die viele Zusatzangebote bereithalten soll. Vielleicht sehen wir in nicht allzu ferner Zukunft das letzte Spiel im San Siro, das 2026 seinen 100. Geburtstag feiern würde. Der Umzug in ein neues Stadion würde dann den Neubeginn bei Milan gewiss auch bildlich untermauern.

Quelle: ntv.de