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Fußball-Zeitreise, 6.9. 1969 Die klügsten Hunde leben in Dortmund

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Friedel Rausch kann nach dem Biss wochenlang nur auf dem Bauch schlafen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor 50 Jahren beißt der Schäferhund Rex dem Schalker Friedel Rausch während des Derbys gegen den BVB in den Allerwertesten. Es ist nicht nur das tierische Highlight in der abwechslungsreichen Bundesliga-Historie, sondern auch eine der meisterzählten Geschichten überhaupt.

Sigi Held, Europapokalsieger mit dem BVB im Jahr 1966, schaute einst an einem launigen Abend unter Fußballfreunden aus listig-lächelnden Augen ins Publikum: "Eine entscheidende Sache kommt mir bei der Geschichte ja immer viel zu kurz. Man muss doch mal überlegen, was für kluge Hunde wir damals in Dortmund hatten. Die hätten ja jeden auf dem Platz beißen können. Aber nein. Sie haben sich ausgerechnet den Schalker rausgesucht!"

Eins ist sicher: Die Geschichte vom 6. September 1969 im Stadion Rote Erde zu Dortmund wird man sich auch in 100 Jahren noch erzählen. Sie ist eines der tierischen Highlights der Bundesliga-Historie und so schmerzhaft und komisch zugleich, dass man mit dem Hauptprotagonisten Friedel Rausch auf ewig leiden und lachen möchte. Der Schütze des ersten Bundesligatores überhaupt, Timo Konietzka, zog seinen Freund zeitlebens auf: "Friedel, bei mir denken die Leute an meinen Treffer damals. Bei dir denken sie immer nur: Ach, guck mal. Ist das nicht der, der vom Hund gebissen wurde?" Und dann lachte er.

Platzordner greifen mit ihren Schäferhunden ein

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Und Rausch? Der lachte mit. Denn er selbst hatte die Story, die sich heute vor genau 50 Jahre ereignete, schon viele, viele Mal erzählen dürfen. Und die legendäre Geschichte geht so: Damals beim Revierderby Borussia Dortmund gegen den FC Schalke 04 im pickepackevollen Stadion Rote Erde passierte lange Zeit nix. Doch dann schoss in der 37. Minute der königsblaue Hans Pirkner dem BVB-Keeper Jürgen Rynio den Ball unhaltbar in den Winkel. Die Schalker Fans, die direkt hinter dem Kasten des Dortmunder Torhüters standen, rannten wie von Sinnen feiernd und jubelnd auf den Platz. Doch sie hatten die Rechnung ohne die zahlreichen Platzordner gemacht, die mit ihren maulkorbbefreiten Schäferhunden am ausgestreckten Arm sofort versuchten, die Meute wieder hinter die Außenlinien zurückzudrängen.

Und dann passierte es: Mitten im Trubel sank plötzlich ein Schalker Spieler auf die Knie und hielt mit beiden Händen und einem vor Schmerzen verzerrten Gesicht sein Hinterteil. Es war Rausch. Wie sich später herausstellen sollte, hatte ihn der Schäferhund Rex in den Allerwertesten gebissen. Tapfer hielt der Schalker die komplette Spielzeit durch. Eigentlich ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass die Narbe, die ihn ab diesem Moment stets an diesen Tag erinnern sollte, fast sechs Zentimeter lang war. Die Schmerzen, so berichtete Rausch später einmal, seien schlimm gewesen sein. Es habe sich angefühlt, als ob ihm der Hund den kompletten Hintern abgebissen hätte.

"Die Lachnummer der Liga"

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Die Bundesliga schreibt seit genau 56 Jahren herrliche Geschichten - Ben Redelings hat sie notiert.

(Foto: Die Werkstatt)

Doch die Wundschmerzen – wochenlang konnte Rausch nur auf dem Bauch schlafen – waren in der Folge nur die eine Seite der Geschichte, weitaus schlimmer waren jedoch die Neckereien der Kollegen und Gegenspieler. Der smarte Sonnyboy Rausch war auf dem Fußballplatz urplötzlich zum Gespött der Leute geworden: "Es war die Hölle. Fast in jedem Spiel kam mein Gegenspieler an und machte 'wuff-wuff'. Ich war fortan die Lachnummer der Liga." Auch seine Schalker Mannschaftskollegen trieben mit Rausch ihren Schabernack. So fragten sie in den Tagen nach dem Vorfall im Dortmunder Stadion Rote Erde den armen Kumpel scheinheilig: "Na, Friedel. Überleg doch mal, der Hund hätte dich vorne rum erwischt...?" Ganz der alte Macho konterte Rausch diese verbalen Angriffe jedoch stets cool und gelassen: "Dann hätte sich der Köter seine Zähne ausgebissen ...".

Zum Rückspiel in Gelsenkirchen übrigens hatte der damalige Schalke-Präsident Oskar Siebert eine herrlich-spektakuläre Idee, nachdem der schillernde Graf von Westerholt mitten in Gelsenkirchen einen Freizeitpark mit einer 4 Kilometer langen Autosafaritour und über 150 Tieren in freier Wildbahn eröffnet hatte. Siebert ließ vier echte Raubkatzen aus eben jemen frisch eröffneten Löwenpark Westerholt holen und diese auf Höhe der Mittellinie an der Leine von vier Ordnern patrouillieren. Doch an diesem Tage ging alles gut. Niemand wurde gebissen. Fast nicht zu glauben, was früher in der Bundesliga noch so alles möglich war. Rausch bekam übrigens damals ein Schmerzensgeld in Höhe von 500 DM zugesprochen – und kostenlos dazu erhielt er das lebenslange Glück, Held einer der meist erzählten Bundesligageschichten überhaupt sein zu dürfen. Eine Geschichte, die sich am heutigen 6. September bereits zum 50. Mal jährt!

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Quelle: n-tv.de

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