Fußball

"Wusste nicht, was ich machen sollte" Draxler lächelt wohl noch immer

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Wie in einem Traum: Julian Draxler bejubelt sein entscheidendes Tor.

Davon träumt doch jeder Nachwuchsfußballer: Flutlichtspiel in einem Fußball-Tempel, Einwechslung kurz vor Schluss und dann noch das entscheidende Traumtor. Für Julian Draxler wird das im DFB-Pokal-Viertelfinale Realität. Da kann es schon mal Einschlafprobleme geben.

Der Held des Abends hätte gerne noch ein wenig mehr erzählt. Doch der Kapitän beendete den Interview-Marathon. "Komm, Jule. Es reicht jetzt", rief Manuel Neuer bestimmt, und Julian Draxler gehorchte. Mit einem seligen Lächeln verschwand der 17-Jährige. Mit seinem Traumtor in letzter Minute für Schalke 04 hatte er Vereinsgeschichte geschrieben und womöglich den Beginn einer großartigen Karriere markiert.

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Draxler ließ Nürnbergs Raphael Schäfer bei seinem Traumtor keine Chance.

Wie es sich anfühlt, berühmt zu sein, erlebte Draxler am Morgen danach. Sechs Kamerateams waren zum Schalker Trainingsplatz gekommen, um Bilder und Aussagen des Jungstars zu ergattern. Doch Draxler schwieg. Am Abend zuvor hatte der jüngste Schalker Bundesliga-Spieler sein Gefühlsleben nach dem 3:2 im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Nürnberg ja ausführlich genug geschildert - eloquenter als die meisten seiner viel älteren Profikollegen. "Davon habe ich immer geträumt. Ich werde ein paar Tage brauchen, um das zu verdauen. Im Moment ist es unmöglich, das Lächeln aus dem Gesicht zu bekommen", sagte er, "wie ich heute ein Auge zukriegen soll, weiß ich selbst noch nicht."

Bei seinem 20-Meter-Schuss mit links ("eigentlich mein schwächerer Fuß") nach einem Übersteiger, mit dem er in der 119. Minute das packende Pokalduell entschied, habe er nicht viel nachgedacht. "Das Tor habe ich aus dem Instinkt heraus gemacht, genauso wie in der A-Jugend immer." Danach brach die ganze königsblaue Glückseligkeit über ihn herein. "Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als auf den Boden niederzusinken", beschrieb er den Jubel nach dem Siegtor, als seine Mitspieler ihn unter sich begruben.

Ein zweiter Olaf Thon?

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Schalkes neuer Prinz: Kollege Kyriakos Papadopoulos erweist Draxler eine ganz besondere Ehre.

Doch der Youngster war schnell wieder obenauf: Nach dem Schlusspfiff trug ihn sein Teamkollege Kyriakos Papadopoulos auf den Schultern in die Fankurve - und Erinnerungen an einen anderen jungen Schalker Helden, der im Pokal seine große Karriere begonnen hatte, wurden wach. Olaf Thon hatte im Mai 1984 bei jenem legendären 6:6 gegen Bayern München sogar drei Tore erzielt, doch er war damals ein paar Monate älter als jetzt Draxler, dem man mit seinem Milchgesicht selbst seine 17 Jahre nur schwer abnimmt.

Die Lobeshymnen für die beiden ähneln sich jedoch. "Julian ist ein Riesentalent", betonte Trainer Felix Magath, der den 17-Jährigen drei Minuten vor dem Tor eingewechselt hatte: "Er wird uns in den nächsten Monaten und Jahren noch viel Freude machen. Er hat sicher eine große Zukunft auf Schalke vor sich." Die Grundlage dafür hatte Magath jüngst selbst gelegt. Er gab dem Mittelfeld-Talent, das ihm mit seiner Offensivstärke und seinem Zug zum Tor im Trainingslager im türkischen Belek begeistert hatte, einen Profivertrag bis 2014 - und überzeugte die Eltern, den Filius von der Schule zu nehmen, damit er sich ganz auf den Fußball konzentrieren kann.

Eltern zunächst vorsichtig

"Ihn selbst musste ich nicht groß überreden", berichtet Magath, "aber seine Eltern haben sich mit der Entscheidung schwer getan. Sie hätten es gerne gehabt, wenn er noch das Abitur macht." Doch das Gladbecker Heisenberg-Gymnasium wird der U18-Nationalspieler, der seit 2001 alle Altersklassen auf Schalke durchlaufen hat, in den nächsten Jahren nicht mehr von innen sehen. "Wenn alles normal läuft, braucht er Mitte des 21. Jahrhunderts kein Abitur mehr", sagte Magath mit Blick auf Draxlers Karriereaussichten.

Sorgen, der hochgelobte Youngster könnte in all dem Trubel abheben, macht sich der Schalker Trainer und Manager nicht. "Julian ist einer, der einen klaren Kopf hat und sich überhaupt nicht verrückt machen lässt", ist sich Magath sicher. "Er hat eine intakte Familie, die weiß, dass sich jetzt einiges ändert." Seine Eltern waren auch die ersten, die der neue Pokalheld nach seinem goldenen Schuss suchte. "Sie sitzen irgendwo da oben, ich habe sie aber noch nicht gefunden", berichtete er nach dem Schlusspfiff.

Einen Ratschlag nahm Draxler noch mit nach Hause. "Der Trainer hat gesagt, ich soll nicht so viel Zeitung lesen", sagte er, deutete aber an, darauf nicht hören zu wollen: "Morgen und übermorgen werde ich mir das nicht verkneifen können."

Quelle: ntv.de, Thomas Lipinski, sid