Fußball

Maradona: Gott, Drogen, Mafia Ein Mensch, zerfressen vom Druck

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Diego Maradona, ein Genie mit dem Ball, wurde nur 60 Jahre alt.

(Foto: dpa)

Diego Armando Maradona ist sein Leben lang für viele ein Heiliger. Der Argentinier kickt, um aus der Armut zu fliehen und versucht dann mit Drogen, den erdrückenden Ruhm zu bewältigen. Jetzt ist der vielleicht beste Fußballer aller Zeiten im Alter von 60 Jahren gestorben.

Schon als Kind will Diego Armando Maradona vergessen. Zu siebt, mit seinen Eltern und vier Schwestern, wächst der kindliche Wuschelkopf in den 1960er Jahren in den Slums von Buenos Aires in einer kleinen Hütte ohne fließendes Wasser auf. Maradonas Mittel zur Flucht vor der Armut: der Fußball. "Auf dem Platz wird das Leben unwichtig", erzählte der vielleicht talentierteste Fußballer aller Zeiten: "Die Probleme, alles wird unwichtig." Aber durch den Fußball kommt bald überwältigender Ruhm und Vergötterung hinzu, und um dem Druck zu entkommen, flüchtet sich Maradona schon früh in die Drogen- und Alkoholsucht. Nun zahlt der ehemalige Fußball-Weltstar im Alter von 60 Jahren seinem Lebensstil Tribut und erliegt einem Herzstillstand.

"Er war mein Befreier", sagt Argentiniens spätere Nummer 10 in seinen Anfangsjahren über den Fußball. Schnell ist sein Talent erkennbar - und schnell wächst der Druck auf den Heranwachsenden. "Als er das erste Mal aufs Feld lief, haben wir geweint", erzählt einst seine Mutter. Mit 15 bekommt Maradona eine Wohnung vom Fußballverein gestellt, in die er mit seiner kompletten Familie einzieht. Anfangs ging es ihm beim Fußballspielen einfach nur darum, der Familie ein Dach über dem Kopf zu besorgen.

Der klein gewachsene Dribbelkönig ist bald zu gut für Argentinien und wechselt 1982 von den Boca Juniors nach Europa: als teuerster Spieler der Welt zum FC Barcelona und für die Rekordsumme von umgerechnet etwa 5,5 Millionen Euro. Doch in seinen zwei Jahren beim Weltverein läuft es nicht rund, der Edeltechniker ist mal krank, mal verletzt. Zum ersten Mal kommt er in dieser Zeit mit Kokain in Kontakt, zieht immer öfter um die Häuser. Seine Eskapaden und die nächtlichen Party-Touren sprechen sich herum.

"Wer Maradona kritisiert, kritisiert Gott"

Auch vor dem Kokain flüchtet Maradona nach zwei Jahren Richtung Italien zum SSC Neapel, der in der Vorsaison fast abgestiegen wäre. Der ärmste Klub Italiens kauft den teuersten Fußballer der Welt für 13,5 Milliarden Lire, knapp sieben Millionen Euro. Auf dem Argentinier lastet der Druck einer ganzen Stadt. Und da diese Stadt vom Rest Italiens als dreckig, unmenschlich und nicht-italienisch angesehen wird, steigt die Last ins Unermessliche. Maradona wird zum Retter, zu der Person, aus der die ganze Region ihr Selbstbewusstsein zieht. Zum Gott. Der damals noch junge und naive Mann kann eigentlich nur verlieren.

Nach seinem ersten Tor für Neapel sagt Maradona, ohne die Doppeldeutigkeit dieses Satzes zu erkennen: "Nicht Maradona hat das Spiel gewonnen, sondern Gott." Maradona ist damals so gut, dass Youtube-Videos seiner Tricks heute noch der Renner sind. Mit seinen Körpertäuschungen lässt er seine Karriere über egal welchen Gegner ins Leere laufen, im Training hält er den Ball gerne mal fast beiläufig achtmal hintereinander mit der Hacke hoch. Ein Trainer sagt mal über Maradona, dass er der Beste der Welt gewesen sei, weil er im Kopf immer allen überlegen war. Welche Lücken der Argentinier sieht, welche Haken er schlägt, welche Bewegungsabläufe er instinktiv abspult, erkennen die rustikalen Abwehrspieler in den 1980er- und 90er-Jahren immer erst viel zu spät. Maradonas Tore gehen in die Ewigkeit ein.

1987 wird der Argentinier mit Neapel zum ersten Mal in der Geschichte des Klubs Meister - und Maradona ist Gott. "Oh Mama/ ich habe so Herzklopfen/denn ich habe Maradona gesehen" grölt die komplette SSC-Kabine nach dem Titel. Die Stadt liegt der Nummer 10 zu Füßen. Ganz Neapel lebt zwei Monate im Ausnahmezustand. Auf einer Friedhofsmauer steht damals geschrieben: "Sie wissen nicht, was sie verpasst haben." Die Fans rufen: "Er hat uns erlöst", oder: "Wer Maradona kritisiert, kritisiert Gott." Eine Krankenschwester, die der Nummer 10 Blut abnimmt, bringt die Probe anschließend in die Kirche.

"Von welchem Planeten kommst du?"

Natürlich genießt der Edeltechniker den Ruhm, er sonnt sich darin. Aber er wird ihm auch unheimlich. Die Last zerfrisst ihn, er kann sich kaum noch frei bewegen in Neapel. Wenn das "Mamakind", O-Ton Maradonas Mutter, nicht zu seiner Familie nach Argentinien fliehen kann, flüchtet er sich immer öfter in den Drogensumpf. Der Argentinier kokst und feiert, dem Druck auf dem Fußballplatz zu entfliehen, reicht nun nicht mehr. Er gewöhnt sich an eine ungesunde Routine: Sonntags spielen, bis Mittwoch Party machen und dann alles ausschwitzen.

Sein Trainer spricht von einem Diego, dem lieben schüchternen Jungen und einem Maradona, dem Star, dem Gott, der sich keine Fehler erlauben darf. Das Kokain hat nun Maradona im Griff und Maradona wiederum Diego. Die Droge wird aber von einer anderen Macht reguliert, die ihn unter ihr Schutzschild stellt und ausnutzt: die Camorra. Neapels mächtige Mafia versorgt Maradona mit Kokain und Prostituierten und hat ihn damit in der Tasche.

Trotzdem erreicht der Edeltechniker als Drogenabhängiger die Höhepunkte seiner Karriere. 1986 gewinnt er mit der argentinischen Nationalelf die WM in Mexiko. Auch hier spürt die Nummer 10 den Druck eines ganzen Landes auf seinen Schultern. Im Viertelfinale geht es gegen England und die Last wird gleich noch ein Stück schwerer: Zwei Jahre zuvor kämpften die beiden Länder mit Waffen um die Falkland-Inseln und Maradona erzählt aus dem Off, dass das "Spiel wie ein neuer Krieg" war. Er antwortet dem Druck auf seine Art: mit zwei der bekanntesten Tore aller Zeiten - binnen vier Minuten.

Zur Hand Gottes erzählt er: "Klar war das Hand, das passierte ganz spontan. Es war die symbolische Rache an den Engländern." Dann, in der 55. Minute, schnappt er sich an der Mittellinie den Ball, um zu seinem Jahrhunderttor-Solo anzusetzen. Der argentinische Kommentator schreit damals ins Mikrofon: "Kosmischer Drache, von welchem Planeten kommst du?" Dieses eine Spiel symbolisiert alles, wofür Maradona steht, wofür man ihn liebt und hasst: ein wenig Schwindelei und viel Genie. Auch im WM-Finale hält Maradona, der "dreckige Arbeiterjunge, der es mit allen aufnimmt", dem Druck stand und die BRD hat das Nachsehen.

Maradona war kein Gott

Maradona, süchtig nach Kokain und Alkohol, ist der beste Fußballer auf dem Planeten und holt mit Neapel den Uefa-Pokalsieg 1989 und einen weiteren Ligatitel 1990. Im Jahr 1991 erhält er erst wegen Drogenbesitzes eine Bewährungsstrafe und wird schließlich nach einer Dopingkontrolle für ein Jahr gesperrt. "Sie nahmen ihm sein Leben", sagt sein Trainer. Bei der Verurteilung ist vom Verein niemand anwesend. Zum ersten Mal ist Maradona allein. Er verlässt Neapel Hals über Kopf und sagt: "Als ich ankam, hatten mich 85.000 Menschen begrüßt. Aber ich ging in aller Stille."

Weil er nicht mehr Fußball spielen kann, flüchtet er sich noch tiefer in den Drogensumpf. So geht es sein Leben lang weiter. Immer wieder absolviert er monatelang Entziehungskuren. Die Welt lernt einen alten, nervösen Maradona kennen, aufgedunsen und mit dickem Bauch. Seine Kokainsucht bekommt er angeblich in den Griff, aber beim Alkohol wird er immer wieder rückfällig. Bei der WM 2018 in Russland sorgt der ehemalige Superstar mit Eskapaden auf der Tribüne für Aufsehen, bei denen er auch mal gegnerische Fans beleidigt. Trainerstationen bei unterklassigen Klubs in Lateinamerika enden im Nirgendwo. Die Welt schüttelt den Kopf.

Erst vor wenigen Tagen wird Maradona wieder in eine Klinik eingeliefert, dort wird ein Blutgerinnsel im Gehirn entdeckt. Nach einer erfolgreichen Operation kehrt er nach Hause zurück. Zu Hause, am Ort der Familie, für die er sich ursprünglich aufopferte, bleibt schließlich das Herz des "Mamakinds" stehen. Denn Maradona war kein Gott, Maradona war ein Mensch. Mit Stärken und vielen Schwächen. Ein Mensch, der eigentlich immer nur auf dem Platz stehen wollte, um alles andere zu vergessen.

Quelle: ntv.de