Alle Torhüter verletztFC Bayern in Not: 16-Jährigem winkt Debüt - in der Champions League

Manuel Neuer ist verletzt. Sven Ulreich auch. Ob Jonas Urbig in der Champions League gegen Atalanta Bergamo spielen kann, ist offen. So richten sich die Blicke auf einen 16-Jährigen. Kommt es wirklich zum Rekord-Debüt?
Den Rekord für den jüngsten jemals eingesetzten Spieler beim FC Bayern kann Leonard Prescott nicht mehr knacken. Trotz seines Alters von gerade einmal 16 Jahren. Aber er ist eben ein paar Monate älter als Paul Wanner, der den Rekord hält. Und dennoch kann Prescott Geschichte schreiben. Er könnte am Mittwochabend beim Champions-League-Spiel gegen Atalanta Bergamo der jüngste Torwart werden, den die Münchner jemals in einem Pflichtspiel eingesetzt haben. Bislang ist Erich Hoffmann. An den wird sich aber fast niemand erinnern können. Er stand vor fast genau 76 Jahren zwischen Pfosten. Bei der Oberliga-Süd-Niederlage (1:4) gegen den SSV Jahn Regensburg. 17 Jahre, 7 Monate und 18 Tage war Hoffmann damals am 26. März 1950 alt.
Prescotts Debüt im Achtelfinal-Rückspiel im Alter von dann 16 Jahren und 176 Tagen gegen die Italiener wäre allerdings alles andere als ein geplantes. Es wäre erzwungen. Denn der FC Bayern ist in akuter Torwart-Not. Manuel Neuer ist verletzt. Ein Muskelfaserriss in der Wade setzt ihn noch bis April außer Gefecht. Sein erster Vertreter Jonas Urbig erlitt beim Hinspiel gegen die Italiener eine Gehirnerschütterung. An diesem Montag soll er nochmal untersucht und über einen Einsatz entschieden werden. Damit Urbig wieder spielen kann, muss er ein spezielles Programm durchlaufen. Die Belastung wird in einem mehrstufigen Programm gesteigert, der Profi muss jeweils symptomfrei sein. Am Ende entscheidet der Mannschaftsarzt. "Ich glaube, Jonas ist auf einem guten Weg, vielleicht kann Jonas am Mittwoch wieder spielen", sagte Ulreich vor der Diagnose der eigenen Verletzung.
Für den Worst Case, den Ausfall von Nummer eins und Nummer zwei, halten sich die Münchner eigentlich noch Altmeister Sven Ulreich. Der war am Samstag im absurden Topspiel gegen Bayer Leverkusen nach weit über 500 Tagen zurückgekehrt und hatte großartig pariert. Aber sich ebenfalls verletzt. Der 37-Jährige hat sich einen Muskelbündelriss in den Adduktoren rechts zugezogen.
Was nun? Prescott dann vermutlich. Der 16-Jährige ist Stammkraft der Münchner U19 (16 Spiele, 30 Gegentore) und spielt auch für die deutsche U17-Nationalmannschaft. Er soll im Duell mit Jannis Bärtl, aktuelle Nummer eins der zweiten Mannschaft in der Regionalliga, die Nase vorne haben. Zumal Bärtl ebenfalls nur Ersatzmann für den ebenfalls verletzten Leon Klanac ist. Der 1,96 Meter große Prescott gilt als Riesentalent und war auch schon im Hinspiel im Kader. Auch gegen Leverkusen saß der in den USA geborene Keeper auf der Münchner Bank.
Manchmal vielleicht ein wenig zu mutig
Mit seinem Idol Neuer verbindet ihn eine besondere Geschichte: In der Champions League stand der "Zukunfts-Neuer" ("Bild"-Zeitung), dessen Spielstil mit jenem des Kapitäns verglichen wird, schon öfter als Balljunge hinter dem Tor. Intern genießt er volle Rückendeckung. "Er ist technisch überragend", sagte U19-Trainer Peter Gaydarov im vergangenen Sommer und betonte: "Er könnte gefühlt im Feld mitspielen." Außerdem sei Prescott "sehr mutig in seinen Aktionen" und "für sein Alter auf jeden Fall sehr weit".
Manchmal aber auch: ein wenig zu mutig. Im U19-Stadtderby gegen 1860 vertändelte er Anfang Oktober mehrmals den Ball. Einer dieser Patzer führte zum spielentscheidenden 0:1. Das Netz ist plötzlich trotzdem voll mit Highlight-Clips wie jenem zu Prescotts "letzten 35 Paraden".
Ein Einsatz des in New York geborenen Torwarts, der 2023 von Union Berlin zum FC Bayern wechselte, wäre für die Münchner indes wohl nur mit geringem sportlichen Risiko verbunden. Das Hinspiel in Italien gewann die Mannschaft von Trainer Vincent Kompany auf beeindruckendste Weise mit 6:1. Ein Ausscheiden ist damit quasi ausgeschlossen. Und für Kompany bietet sich die Situation auf Nummer sicher zu gehen, zu oft hatten die Münchner in den vergangenen Tagen und Wochen mit Folgeverletzungen zu kämpfen: Neuer eben, aber auch Alphonso Davies und Jamal Musiala fielen wieder aus.
Eine besondere Genehmigung für die späte Anstoßzeit (21 Uhr) braucht Prescott übrigens nicht. Seit 2021 gibt es eine Regel, die es jungen Sportlern unter 18 Jahren erlaubt, ihren Job auszuüben. Während der EM 2024 in Deutschland gab es rund um Spaniens Topstar Lamine Yamal (damals 16) eine Debatte zu dieser Frage. Sollte ein Spiel deutlich über 23 Uhr hinausgehen, könnte das arbeitsrechtlich problematisch werden. Eine Verlängerung wird nach dem klaren Vorsprung aus dem Hinspiel jedoch nicht erwartet. Sportliche Folgen drohen ohnehin nicht. Theoretisch denkbar wäre allerdings eine Geldstrafe wegen einer Ordnungswidrigkeit.
Und vielleicht wird Urbig ja ohnehin noch fit.