Fußball

Legales Pionier-Projekt beim HSV Fanexperte: Pyro wird auch weiter abgebrannt

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Diesmal dürfen die HSV-Fans legal Pyro abbrennen.

(Foto: imago images/MIS)

Feuer frei? Am Samstag dürfen zum ersten Mal im deutschen Profifußball Fans vor dem Fanblock legal und kontrolliert Rauchtöpfe abbrennen. Der Deutsche Fußball-Bund erteilte dem Hamburger SV für die Zweitligapartie gegen den Karlsruher SC (13 Uhr/im Liveticker auf ntv.de) jüngst eine einmalige Ausnahmegenehmigung. Im Interview mit ntv.de erklärt Fanforscher Jonas Gabler, wie es zu dieser einmaligen Situation kam, warum er den Schritt für eine gute Idee hält und er nicht glaubt, dass die Aktion von Querulanten gestört wird.

ntv.de: Herr Gabler, wie kam es, dass ausgerechnet der HSV der erste Profiklub wurde, der legal Pyrotechnik abbrennen darf?

Jonas Gabler: Ich denke, dass insgesamt viele Klubs festgestellt haben, dass ein striktes Beharren auf einem Verbot von Pyrotechnik an der grundsätzlichen Situation nichts ändert. Nämlich an dem Interessenskonflikt zwischen Verbänden, Vereinen und Polizei, Pyrotechnik zu verbieten und dem Wunsch von Teilen der Fanszene, Pyrotechnik zu zünden. Es geht auch darum, nach Jahren der Sprachlosigkeit und Verharren in "Schützengräben" wieder in den Dialog zu kommen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Beim HSV war offenbar Bereitschaft bei den handelnden Personen da, andererseits auch eine Bereitschaft der Fans, sich auf so etwas Neues einzulassen. So kamen die Beteiligten dann wahrscheinlich in Gespräche und haben versucht, diesen "Piloten" zu initiieren.

Sie haben es eben schon angesprochen: Die Fronten sind seit Jahren verhärtet. Wie überrascht waren Sie von der Ausnahmegenehmigung?

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Für mich kam die Ausnahmegenehmigung schon überraschend. Ich habe nicht damit gerechnet. Ich begrüße es aber, weil ich es wichtig finde, dass der Verband signalisiert, für gut durchdachte Lösungen, bei der keine Abstriche bei der Sicherheit gemacht werden müssen, offen zu sein. Man kann es ein bisschen als Gesprächsangebot verstehen. Wenn der DFB in diesem konkreten Fall abgelehnt hätte, wäre er aus der Nummer auf jeden Fall als Buhmann herausgegangen, als der "böse, strenge Vater", der es partout nicht erlaubt. Auch wenn viele sachliche Argumente dafür sprechen, es einfach mal zu probieren.

"Wir sind offen für Gespräche" - Ist das die Signalwirkung, die von der Ausnahmegenehmigung ausgehen soll?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich glaube aber, dass diese Genehmigung Raum öffnet, darüber zu sprechen, was ein sachgemäßer Gebrauch von Pyrotechnik ist. Ein Gebrauch, der auch von Vereinen und Verbänden sowie Polizei und Ordnungsbehörden akzeptiert werden kann. Was aber nicht heißt, dass man von dem grundsätzlichen Verbot von gefährdender Pyrotechnik abrückt.

Wie erfolgsversprechend sehen Sie diesen Testballon?

Hier stellt sich die Frage, was überhaupt ein Erfolg wäre. In diesem Fall wäre das wohl schon, wenn es am Samstag reibungslos abläuft. Ein Erfolg in der Hinsicht, dass von nun an Pyrotechnik kein Thema oder kein Problem mehr darstellt, wird es nicht sein. Ich denke nicht, dass Fanszenen davon abrücken, illegal Pyrotechnik abzubrennen. Aber es ist der Startpunkt für einen Dialog über einen legalen Gebrauch von Pyrotechnik und auch für einen Dialog über den illegalen Gebrauch im Sinne von: Es gibt gefährdenden Gebrauch, bei dem Böller oder Raketen aufs Spielfeld geschossen werden und einen Gebrauch von Pyrotechnik, bei dem zumindest erkennbar ist, dass man nicht vorsätzlich gefährden will. Also wenn zum Beispiel die Fackeln in der Hand bleiben, wenn nichts geschossen wird oder die Hand verlässt. Dadurch lässt sich zumindest die Verletzungsgefahr reduzieren, eine sogenannte "harm reduction" (Schadensminimierung, Anm. d. Red). Das wäre aus der Sicherheitsperspektive schon mal ein Fortschritt.

Am Samstag "debütiert" die Ausnahmegenehmigung bei der Partie HSV gegen Karlsruher SC. Zünden dann vorne zehn Fans legal und hinten im Block, gerade weil es dann den Reiz des Rebellischen ausmacht, 30 Leute Fackeln?

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Vor dem erstmaligen Abstieg in die zweite Bundesliga im Mai 2018 zündelten und randalierten die HSV-Ultras, bis die Polizei einschritt.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Ich denke und hoffe, dass dies in der Fanszene im Vorfeld ausführlich thematisiert worden ist. Das wäre ansonsten natürlich ein Bärendienst für diesen Versuch. Wobei ich davon ausgehe, dass mittel- oder langfristig auch von der HSV-Fanszene wieder illegal gezündet wird. Ich rechne aber nicht damit, dass es am Wochenende Quertreiber im Gästeblock gibt, während vorne legal Pyrotechnik kontrolliert gezündet wird.

2011 scheiterte eine Initiative zur Legalisierung von Pyrotechnik der Ultras und ein Runder Tisch mit dem DFB und der DFL platzte. Seitdem ist die Situation festgefahren. Was für Ansätze außer dem kontrollierten Abbrennen vor dem Block gibt es denn, um das Problem zu lösen?

Einen gänzlichen Ausschluss von Pyrotechnik aus Fanblöcken halte ich für extrem schwierig. Das ist nur mit einem erheblichen logistischen Aufwand und Verlängerung der Einlasskontrollen etc. zu bewerkstelligen. Insofern glaube ich daran. Es gibt sicher auch noch andere Ansätze. Zum Beispiel mit kalter Pyrotechnik …

… die aber auch nicht wirklich "kalt" ist, sondern immer noch einige Hundert Grad warm.

Ja, aber die Verletzungsgefahr ist erheblich geringer. Ob es dann legal werden könnte, wäre aber auch sehr fraglich. Ein wichtiger Ansatz wäre, wenn nun eine Debatte darüber entsteht, wie Pyrotechnik innerhalb der Ultraszene gebraucht wird. Das wäre dann auf jeden Fall ein Fortschritt.

Warum ist Pyrotechnik bisher so ein wichtiger Bestandteil der Ultrakultur?

Die Pyrotechnik hat die Ultraszene von Anfang an begleitet. Das Fanmodell der Ultras wurde sich aus Italien abgeguckt. Die Bilder von italienischen Fankurven haben die Fans in Deutschland inspiriert. Man muss auch dazu sagen, dass in den 90er-Jahren in Deutschland das Thema anders diskutiert wurde und noch nicht so problematisiert und weniger kriminalisiert wurde. Pyrotechnik war von Anfang an ein Stilmittel der Ultrakultur. Nur wegen Verboten von Institutionen ist dies für widerständige Subkulturen wie der Ultrakultur kein Grund, darauf zu verzichten. Das ist ja auch gerade ein Charakteristikum einer widerständigen Subkultur. Man kann aber auch beobachten, dass sich der Gebrauch verändert hat. Früher war es vor allem ein Stilmittel, in den vergangenen Jahren hat ein gefährdender Gebrauch von Pyrotechnik eher zugenommen. Rund um die Pyrodebatte 2011 gab es ein viel größeres Bestreben der Fanszene selbstregulierend dafür zu sorgen, dass Pyrotechnik nicht gefährdend gebraucht wird. Diese Debatte ist etwas in den Hintergrund gerückt. Zum Teil ist Pyrotechnik auch als Waffe gebraucht worden und als Symbol, dass man das Stadion in Besitz nimmt, ein Symbol von Rebellion und Widerstand gegen Verbote von Autoritäten. Es wäre auf jeden Fall ein Gewinn, wenn dieses Bestreben durch Dialogbereitschaft durchbrochen wird.

Wie gefährlich ist Pyro im Stadion? Ist es von den offiziellen Verletztenstatistiken her ein ernsthaftes Problem?

Fanforscher Jonas Gabler

Der Diplom-Politologe aus Berlin ist 38 Jahre alt und beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Fanthemen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Fußballfankulturen, insbesondere Ultras. 2010 veröffentlichte er das Buch "Ultras – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland". Er ist Mitbegründer der KoFaS (Kompetenzgruppe Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit) an der Leibniz Universität Hannover.

Es gibt immer wieder Verletzte. Es gibt Verletzte durch Verbrennungen und natürlich Gesundheitsbeeinträchtigung durch den Rauch, gerade für Leute mit Atembeschwerden. Insgesamt ist die Zahl der verletzten Personen durch Pyrotechnik so gering, dass man sich keine Sorgen machen muss, ins Stadion zu gehen. Da müsste man sich eher Sorgen machen, auf dem Weg zum Stadion in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden. Die Wahrscheinlichkeit ist nach wie vor höher. Aber trotzdem gilt: Jeder Gebrauch von Pyrotechnik bedeutet potentiell Gefahr.

Glauben Sie, dass der "Hamburger Weg" die Runde machen wird und andere Vereine aufspringen?

Je nachdem, wie es am Samstag laufen wird. Ich denke nicht, dass die Vereine von sich aus vorschlagen werden, Pyroshows vor den Kurven als "Hamburger Modell" abzuhalten. Wenn es jetzt erfolgreich verläuft - vor dem Hintergrund, dass es der DFB genehmigt hat - kann ich mir vorstellen, dass andere Fanszenen auch an ihre Klubs herantreten und fragen, ob es auch bei ihnen möglich ist. Insofern glaube ich schon, dass es Verbreitung finden wird. Das heißt nicht, dass jede Fanszene das so machen wird. Wir werden trotzdem noch erleben, dass Pyrotechnik illegal gezündet wird.

Mit Jonas Gabler sprach Emmanuel Schneider

Quelle: ntv.de