Fußball

"IQ niedriger als Trikotnummer" Genial, versoffen, Gascoigne

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Versoffenes Genie: Paul Gascoigne

Als Fußball-Nationalspieler wird Paul Gascoigne zu Englands Liebling, später säuft er sich vor den Augen aller fast um den Verstand. Mit nun 50 Jahren will der Mann, der manchmal eine halbe Hausbar intus hatte, die Abstürze endlich hinter sich lassen.

Erst vor wenigen Tagen gab Paul Gascoigne mal wieder einen erschütternden Einblick in die Abgründe seiner Seele - und rührte Fußball-England ans Herz. Eigentlich sei er zuletzt "wirklich auf einem guten Weg" gewesen, erzählte der tief gefallene Fußball-Star am 8. Mai in der TV-Sendung "Good Morning Britain" - bis zu jener Sache mit Jay, seinem Neffen.

Der 22-jährige Sohn seiner Schwester Anna habe an psychischen Problemen gelitten und sich vergangenes Jahr das Leben genommen. Sein alter Kumpel Alkohol, berichtete Gascoigne unter Tränen, habe ihn danach wieder "übers Ohr gehauen". In der Folge habe er "ein schreckliches Jahr, das wohl schlimmste meines Lebens" durchlitten. Das will etwas heißen bei dem Mann, der am Samstag seinen 50. Geburtstag feiert - ganz sicher ohne Alkohol, wie sein Agent Terry Baker versichert.

Baker ließ über Facebook 30 Karten für eine intime Geburtstagsparty mit Gascoigne am 31. Mai im südenglischen Dorset verkaufen. Stückpreis: 499 Pfund. Es werde ein "besonderer Abend mit Gazza", kündigte er an, keine "boozy night", keiner jener Saufabende, wie Gascoigne sie zu oft erlebte. Die Bar werde nur vor und nach der Feier geöffnet sein.

Faxenmacher, begnadeter Fußballer, Säufer

So also steht es um den Mann, der die Phantasien der Fans zu seinen besten Zeiten beflügelte wie kein anderer englischen Kicker seit dem WM-Triumph von 1966. Kein Gary Lineker, kein David Beckham. Das Genie am Ball führte die Three Lions 1990 ins WM-Halbfinale; als er beim Aus gegen Deutschland bittere Tränen vergoss, weinte die Nation mit. Wie 1996, als er im Halbfinale der Heim-EM das Golden Goal um Stollenbreite verpasste; wieder gegen die "bloody Germans", die verdammten Deutschen.

Zwei Jahre später, bei der WM 1998, reichte es für "Gazza" nicht mehr zur Kader-Nominierung, sein nicht enden wollender Niedergang hatte da längst begonnen. Anfangs gefiel sich der Mann, dem George Best einst bescheinigte, sein IQ sei "niedriger als seine Trikotnummer", noch in der Rolle des ewigen Lausbuben. Er zog Teamkollegen in aller Öffentlichkeit die Hosen herunter, zeigte dem Schiedsrichter Gelb, oder bat Prinzessin Diana um einen Kuss (er durfte - auf die Hand).

Doch bald häuften sich die Abstürze - gnadenlos begleitet von der britischen Boulevardpresse. Ob Scheidung, Entziehungskuren, Not-Operationen oder Depression. Am übelsten spielte Gascoigne, der bei der EM 1996 mit seinem "Zahnarztstuhl-Jubel" die Fans verzückte, das Saufen mit. "Der Alkohol hatte von meinem Leben Besitz ergriffen", berichtete er vor Jahren, mal trocken. Vor Spielen habe er sich bisweilen mit "neun Brandies, Wein und Koks" auf Touren bringen müssen, an anderen Tagen brauchte er zwei Flaschen Whisky allein zur Beruhigung - und zwei weitere, um wieder drauf zu kommen.

"Save Gazza"

"Er wird wahrscheinlich bald sterben, es hat keinen Zweck, ihm zu helfen", erzählte sein Sohn Regan, damals zwölf Jahre alt, 2009 in der TV-Doku "Saving Gazza" ("Gazza retten"). Nun, er lebt immer noch. Obwohl: Im April 2016 berichtete Gascoigne, dass er fortwährend Textnachrichten von Freunden bekäme, "die fragen, ob ich tot bin".

Noch heute hat er viele dunkle Tage. "Manchmal bin ich gut drauf, und dann, plötzlich, wache ich auf, eine Flasche Gin neben mir, und denke: Wo kommt die nur her?", sagte er zuletzt. Oft schließe er sich zu Hause ein, mache Licht, Telefon und Fernseher aus, verstecke sich. Damit aber, betonte Paul Gascoigne wenige Tage vor seinem 50., sei nun "Schluss. Ich bin zurück - und in guter Form." Es ist ihm zu wünschen, dass das stimmt.

Quelle: ntv.de, Marco Mader, sid