Fußball

Der Wahnsinn der FußballgötterGnadenloser FC Schalke 04 raubt dem Tabellenführer den Verstand

29.11.2025, 03:30 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Gelsenkirchen
28-11-2025-Fussball-2-Bundesliga-Saison-2025-2026-14-Spieltag-FC-Schalke-04-SC-Paderborn-Die-Spieler-des-FC-Schalke-04-freuen-sich-ueber-den-Sieg
Der FC Schalke 04 und Abwehrkante Nikola Katic befinden sich im Höhenflug. (Foto: IMAGO/RHR-Foto)

Der FC Schalke 04 ist Tabellenführer der 2. Fußball-Bundesliga. Die Königsblauen hauen den SC Paderborn im Spitzenspiel weg. Wieder hilft ein Fußballgott den Schalkern. Trainer Miron Muslic flippt aus vor Glück.

Wer ein echter Schalker ist, der kann kein Monotheist sein. Für einen echten Schalker gibt es nämlich nicht nur einen (Fußball-)Gott. Es gibt mindestens zwei: Hennig Matriciani und Bryan Lasme. Der eine, Teilzeit-Gott Matriciani, bekam an diesem Freitagabend im Spitzenspiel der 2. Fußball-Bundesliga gegen den SC Paderborn abermals eine schöpferische Pause. Der andere, Lasme, wurde nach 67 Minuten eingewechselt und schoss die Schalker knapp 20 Minuten später mit dem Siegtor zum 2:1 (1:1) an die Tabellenspitze, vorbei an den Ostwestfalen. Nach 14 Spieltagen ist das ein Fingerzeig, wo es hingehen könnte.

In dieser 86. Minute lag so wahnsinnig viel von der Magie, die den Fußball zu einem schützenswerten Weltkulturerbe macht (mehr dazu gleich). Etwa dieser ewige Dreiklang von Vorfreude, über Anspannung bis zur Eskalation (manchmal auch Verzweiflung). Diese herausstechenden Heldengeschichten in der großen Gesamterzählung. Lasme, der wieder einmal lange verletzte Stürmer, raste nun auf und davon, er guckte den Torwart aus und lupfte den Ball über Dennis Seimen hinweg. Zuvor hatte er sich bereits einmal falsch entschieden. Er hatte geschossen, ein Pass auf Moussa Sylla im Zentrum wäre besser gewesen. Verzweiflung.

Jetzt, in dieser 86. Minute aber Eskalation. Lasme hatte sich auf dem Weg zum 2:1 an die Worte seines Trainers erinnert. Seimen sei ein starker Keeper, komme schnell raus und tauche schnell ab. Also lupfen, auch wenn der Stürmer das Wort nicht kannte, und es lieber mit Handzeichen in der Mixed Zone beschrieb. Eigentlich hatte er sich leise vorbeischleichen wollen, aber der aufgekratzte Sportchef Youri Moulder ließ ihm das nicht durchgehen. Er schob ihn nach vorne: den Herrn Bryan Lasme.

Der Lauf der Fußballgötter

Die Fußball-Götter haben in dieser Saison einen Lauf auf Schalke. Vor drei Wochen raubte Matriciani Elversberg, auch ein Topspiel, in der Nachspielzeit mit einer lässigen Körpertäuschung alle Hoffnungen. Bei einem Konter stellte er sich gelb vorbelastet in den Weg, der Ball trudelte aus. Und der Fußballgott ließ das Stadion beben. Nun war es eben Lasme, der die nächste Eskalation in der Arena heraufbeschwor. Und bei seinem Sololauf auf schmalem Grat wandelte. "Dass er da einen auf Raul macht beim Abschluss ...", staunte Trainer Miron Muslic und gestand: "Also ich hätte ihn gekillt, wenn der nicht reingeht." Aber es ist eben auch so: Den Typen Lasme, dessen Profi als rasender Hüne vorne drin, den hatte Muslic in den vergangenen Wochen "sehr vermisst".

Lasme hat die Fans auf Schalke schon häufiger zur Verzweiflung gebracht. Der sagenhaft schnelle Stürmer hat keine eingebaute Entscheidungssouveränität vor dem gegnerischen Tor. Doch in dieser Saison, in der auf Schalke alles ganz anders ist, macht auch der Franzose erstaunliche Dinge. Gegen Paderborn erzielte er bereits zum dritten Mal das Gamewinning-Goal. Gegen Bochum war ihm das schon gelungen und beim wackeligen Pokalsieg gegen Lok Leipzig. Das Gamewinning-Goal hatte er zuvor erst viermal in seiner Karriere geschafft, viermal in drei Jahren beim FC Sochaux B.

13 Minuten waren nach dem 2:1 noch zu spielen. In der hitzigen Partie hatte sich einiges an Extraspielzeit angestaut. Und Schalke musste nochmal das überirdische Glück beschwören. Der Paderborner Luis Engelns hat die Chance, aber Nikola Katic wirft sich in den Ball, verhindert die ganz große Gefahr. Und will danach die ganze Welt auffressen. Wie ein Löwe auf Beutejagd schrie er das Glück aus sich heraus. Ron Schallenberg, der Schalker Sechser, sagte später: "Wir haben hinten Spieler, die finden es geiler, einen umzugrätschen, als ein Tor zu erzielen." Katic ist so einer. Die Fans waren längst im Jubel-Delirium. Wie viele Götter sollten sie an diesem Abend denn noch feiern? Auf dem Gelsenkirchener Vor-Olymp, dem Wartesaal der Götter in spe, wird es langsam eng.

Gigantische Choreo nach Stimmungsboykott

Dann der Abpfiff. Dann wieder ikonische Bilder. Fliegende Schalker, die sich vor sich selbst und vor den Fans verneigen. Tanzende Spieler und ein singender Trainer Muslic, der im Chor der "Spitzenreiter"-Rufe ganz weit vorne mitmischte. Er ist nicht nur dabei, er ist mittendrin. Muslic hat die wohl beste Zeit seines Trainerlebens und lebt das vehement aus. Er ist der Anführer, nach dem sich der Klub so lange gesehnt hat. Charismatisch, emotional, ein Malocher. Er liebt die Grätsche, lässt es an der Seitenlinie Jubelfäuste hageln. So was hat man hier lange nicht gesehen. Es war laut im Stadion, es war wild. Es war Schalke. Der Stimmungsboykott der ersten zwölf Minuten war längst vergessen. Die Ultras schlossen sich den bundesweiten Protesten gegen die "populistischen Forderungen der Innenminister" an. Das machte was mit der Mannschaft. "Es war heute das erste Mal, und wir haben es gespürt. Auf der Bank konnten wir das nicht glauben. Es fühlt sich surreal an, nicht wie ein Heimspiel. Aber ab der zwölften Minute ist es richtig abgegangen. Wir brauchen die Fans, wir brauchen diese Unterstützung. Das ist unser Statement."

Politik und Polizei hatten zuletzt regelmäßig Inkonsequenz bei Stadionverboten kritisiert. Fans befürchten eine Personalisierung von Eintrittskarten, Stadionverbote auf Verdacht und die Einführung KI-gestützter Gesichtserkennung. Die Innenminister der Länder tagen vom 3. bis 5. Dezember in Bremen.

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Die Gänsehaut-Choreografie für die Stadt Gelsenkirchen. (Foto: IMAGO/RHR-Foto)

Mitten im Stimmungsboykott bekam Schalke früh einen Elfmeter zugesprochen. Moussa Sylla war Anfang der achten Minute von Calvin Brackelmann bedrängt worden. Vier Minuten später wurde der Strafstoß kassiert. Das Foul war nach Ansicht der Videobilder vom Schiedsrichter außerhalb des Strafraums verlegt worden. Muslic sah darin eine klare Fehlentscheidung. Warum Brackelmann nur Gelb und nicht Rot wegen einer Notbremse bekam (unaufgeklärt), sorgt im Stadion für Fassungslosigkeit. Gut, dass die Szene nicht spielentscheidend war. Noch während die Wut über den zeitintensiven VAR-Einsatz grollte, flog in der Nordkurve eine gigantische Choreografie die Ränge hinunter. Eine Liebeserklärung der Fans an ihre Stadt Gelsenkirchen, die in diesem Jahr 150 Jahre alt wird. Die Stadt der 1000 Feuer wurde mit 1000 Wunderkerzen (oder mehr) gefeiert. Ein Statement der Ultras, was sie sein wollen.

Das Stadion erwachte, das Spiel auch. Schalke presste drauflos, als wäre der alte Fisnik persönlich hinter ihnen her. Sie rauben dem Gegner den Verstand mit ihrer Omnipräsenz. Doch die Paderborner fanden vorerst noch gute Lösungen, um die erste Welle zu brechen. Und gingen in einer wilden Phase des Spiels in Führung. Erst hätte Katic beinahe das dümmste Eigentor der Saison erzielt, als er Torwart Loris Karius so schlecht anspielte, dass er mit einer spektakulären Grätsche klären musste (36.). Dann flogen plötzlich drei Schalker auf das Paderborner Tor, doch Christopher Antwi-Adjei spielte einen gnadenlos schlechten Pass in Richtung Mika Wallentowitz (37.). Das Stadion raunte und Muslic bekam sich vor Wut an der Seite kaum noch ein. Und dann stand's 1:0 für die Gäste. Laurin Curda vollendete einen überragenden Angriff (38.).

Und dann kommt Kenan Karaman

"Fußballerisch hat uns die erste Halbzeit Spaß gemacht, da waren wir ordentlich unterwegs", lobte Trainer Ralf Kettemann seine Mannschaft, die sich in der donnernden Arena tapfer schlug, den etwas besseren Fußball spielte und in den Zweikämpfen voll dabei war. Möglich, dass das Spiel eine andere Abbiegung genommen hätte, hätte Paderborn die Führung mit in die Kabine genommen. Aber in der dritten Minute der Nachspielzeit spielte Sylla Kapitän Kenan Karaman mit ein bisschen Glück an, der kurz dribbelte und dann einen feinen Schuss in die Ecke setzte. Der hämmerte sich danach wie ein wilder Stier aufs Logo auf der Brust. Die zähen Monate hatte er hinter sich gelassen. Karaman ist wieder voll da. "Er ist ein unglaublich wichtiger Spieler für uns, der sich in den letzten vier bis sechs Monaten absolut in den Dienst der Mannschaft gestellt hat und alles dem Erfolg unterordnet", lobte Muslic. "Heute war er bei zwei entscheidenden Momenten dabei: beim wichtigen Ausgleich kurz vor der Halbzeit und als Passgeber für das 2:1. Das zeigt seine Wichtigkeit. Kenan ist unantastbar."

Wie nahezu alle Schalker. Die haben einen Sommer hinter sich, in dem alle großen Entscheidungen saßen. Die Verpflichtung von Muslic, der die Tugenden des Vereins lebt, wie es ewig kein Schalker Trainer tat. Die Verpflichtung von Soufiane El-Faouzi, der so grandios die Gegner aufmischt, dass er schon bald für höhere Aufgaben berufen werden könnte. Oder aber die Verpflichtung des Löwen Katic und seines Nebenmanns Hasan Kuruçay, der eine wilde Laufbahn hinter sich hat und im Sommer vereinslos war. Als er in der ersten Halbzeit den Ball ganz weit vorne eroberte und ihn mit der Hacke weiterspielte, rief einer im Stadion: "Der Hasan, der Hasan, der Hasan, boah ey." Die Schalker können ihr Glück in diesen Monaten kaum fassen. Alles, was ihnen abhandengekommen war, sich gegen sie verschworen schien, fällt jetzt wie ein Jackpot in ihren Schoß.

Schalke erhöhte nach dem Seitenwechsel massiv den Druck. Das Pressing wurde noch aggressiver, noch höher, noch effektiver. Nach 55 Minuten sah auch Paderborns Trainer, wie seine Mannschaft erdrückt wurde. "Es war dann nur eine Frage der Zeit, bis wir uns für den Aufwand belohnen und das Tor machen", befand Muslic. In der 63. Minute hatten sie bereits gejubelt, Syalla traf. Sie jubelten lange, stellten sich zum Anstoß wieder auf, dann kassierte der VAR alles ein. Pfiffe. Und weiter. "Wir haben Paderborn mit unserem Pressing dominiert und in Bedrängnis gebracht. Ich bin unglaublich glücklich, unglaublich stolz." Die Zeichen standen auf Angriff, Matricianis göttliche Kraft der Verteidigung wurde dafür nicht gebraucht, sondern Lasmes göttliches, raul'eskes Gefühl im Fuß. Als (Fußball-)Gott lebt es sich in Gelsenkirchen derzeit besser als in Frankreich. Hat man so auch noch nicht oft gehört.

Quelle: ntv.de

FußballFC Schalke 04SC Paderborn 072. Fußball-Bundesliga