Fußball

"Scheißegal"-Spiel im DFB-Pokal HSV lässt Bayern-Prügel über sich ergehen

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Ein Leidender in Hamburg: Bert van Marwijk.

(Foto: imago/Eibner)

Ein Wunder, dass der Hamburger SV überhaupt im DFB-Pokal gegen den FC Bayern München antritt. Angeblich zählt allein die Liga - nur weckt die Selbstaufgabe keine Hoffnungen. Josep Guardiola freut sich über einen neuen Spieler.

Halbfinale im DFB-Pokal

15. und 16. April

FC Bayern - 1. FC Kaiserslautern

Borussia Dortmund - VfL Wolfsburg

Lotto King Karl musste es tun. Der in Hamburg weltb ekannte Entertainer arbeitet als Stadionsprecher beim HSV, er stellt die Mannschaft vor - und den Coach. Also brüllte Lotto King Karl ins Stadionmikrofon: "Und unser Trainer heißt Bert ..." Die Kurve antwortete "van Marwijk". Lautstark und voller Inbrunst, so dass es den Aufsichtsräten auf der Tribüne vielleicht ein bisschen peinlich war, dass die Ablösung des Niederländers seit Tagen feststeht, aber sein Nachfolger Felix Magath noch immer nicht im Amt ist. Wobei, Aufsichtsratschef Jens Meier hatte weder die Teamvorstellung noch die schicke Choreografie der Fans mitbekommen: "Als ich kam, stand es schon 2:0 für die Bayern", sagte er nach dem Spiel im TV-Sender "Sky". Am Ende stand es dann 5:0, was sowohl vom Rekordmeister als auch vom Hamburger SV so unaufgeregt kommentiert wurde, als habe der FC Bayern gerade in der ersten DFB-Pokalrunde die SG Sonnenhof Großaspach bezwungen.

"Es ist das erste Spiel gegen die Bayern, das ich erlebt habe, bei dem der Fußball eigentlich keine Rolle gespielt hat", sagte HSV-Verteidiger Heiko Westermann nach der Klatsche. Viel mehr Worte verlor er nicht über die 90 Minuten, die hinter ihm lagen. Dann richtete der Ex-Nationalspieler den Blick schon auf das Wochenende, auf das Kellerduell gegen Eintracht Braunschweig. Sein Sportdirektor Oliver Kreuzer sagte: "Es ist klar, dass unser Fokus eher auf Braunschweig lag." Wer es immer noch nicht verstehen wollte, für den drückte es Klub-Legende Uwe Seeler in der ARD so aus: "Dieses Spiel hier ist mir, Entschuldigung, scheißegal." Zur Erinnerung: Es ging um ein Viertelfinale im DFB-Pokal, der FC Bayern München war zu Gast. Andere Vereine nennen so etwas das "Spiel des Jahres".

Hinten dicht, vorne harmlos

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Mario Götze lässt Zhi-Gin Lam einmal mehr alt aussehen.

(Foto: imago/Baering)

Immerhin ging der HSV mit dem deutliche n Willen in die Partie, den Bayern das Leben schwer zu machen. In den ersten 20 Minuten gingen vor allem Hakan Çalhanoglu und Rafael van der Vaart früh auf die ballführenden Münchner, der HSV sorgte stets für Überzahl in Ballnähe. Das zeigte Wirkung, vor allem auf Toni Kroos, der erstmals seit dem Nachholspiel in Stuttgart wieder in der Anfangself stand und sichtlich fremdelte. Nur nach vorn kam der HSV nicht, die wenigen zarten Konterversuche verebbten.

In der 22. Minute schließlich zeigte sich, warum die Mannschaft im Abstiegskampf steckt. Zhi-Gin Lam bot Mario Götze an der linken Außenlinie eine Riesenlücke an, der zog nach innen und passte auf Mario Mandzukic, der von drei HSV-Verteidigern völlig allein gelassen wurde und locker einschob. Vier Minuten später entwischte Dante bei einer Ecke und köpfte das 2:0. "Das hat die Mannschaft mental nicht gerade stärker gemacht", kommentierte van Marwijk. Als sein engagierter Kapitän Rafael van der Vaart in der 40. Minute verletzt den Platz verließ, blieb die einzige Frage, wie hoch der HSV an diesem Abend verlieren würde.

Fans zeigen sich vorbildlich

Die zweite Hälfte bot Josep Guardiola sogar die Möglichkeit, Bastian Schweinsteiger Spielpraxis zu verschaffen. Als der Mittelfeldspieler in der 64. Minute aufs Feld kam, führte sein Team bereits mit 3:0, Robben hatte zehn Minuten zuvor nach feinem Pass von Toni Kroos getroffen. Die Fans feierten jeden Ballkontakt Schweinsteigers frenetisch, und auch sein Trainer freute sich: "Für uns ist er wie ein neuer Spieler in einer wichtigen Phase, die jetzt in der Champions League kommt."

Dass Mario Mandzukic mit einem Doppelschlag in der 74. und 76. Minute erhöhte, sorgte weder für überbordenden Jubel bei den Bayern, noch für große Enttäuschung beim HSV. Während sich die Mannschaft ihrem Schicksal ergab, feuerten die Fans sie pausenlos an. Geradezu rührend, wie die Fankurve in Ekstase geriet, wenn ein langer Ball auch nur in grobe Richtung der Außenstürmer sauste.

Immerhin: Die üblen Szenen nach der Pleite gegen die Hertha, als Anhänger die Spieler angriffen, scheinen vergeben und vergessen. Nach Spielende marschierten die geschlagenen Hamburger applaudierend in die Kurve - und ernteten Anfeuerungsrufe.

Guardiola muntert van Marwijk auf

Einen Fürsprecher im Abstiegskampf hat der HSV: Josep Guardiola. "Die Mannschaft hat eine gute Qualität", hatte der Spanier vor dem Spiel über die Hamburger gesagt, und er sagte es auch danach wieder. Nur konnte man da noch weniger verstehen, was er wohl damit meint. Die Mannschaft wollte zwar, konnte aber offensichtlich nicht. Die Abwehr leistete sich haarsträubende Aussetzer, offensiv blieb der HSV über die 90 Minuten völlig harmlos. "Wir haben die Qualität, in Braunschweig ein Tor zu machen", sagte Heiko Westermann unbeirrt - nur gab es dafür an diesem Abend keine Indizien. Ganze zwei Schüsse kamen aufs Tor von Manuel Neuer.

Josep Guardiola ließ sich aber in seiner Lobes-Wut nicht stoppen, er pries auch seinen Kollegen Bert van Marwijk als "Gentleman" und Erfolgstrainer. Dumm nur für den Niederländer, dass Guardiola keinen Sitz im HSV-Aufsichtsrat inne hat. Das Kontrollgremium tagt heute erneut, angeblich fehlt nur noch eine Stimme zur Ablösung von Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow, Sportdirektor Oliver Kreuzer und van Marwijk. Stadionsprecher Lotto King Karl sollte also schon mal üben: "Und unser Trainer heißt Felix ..."

Quelle: ntv.de