Fußball

Dardai formte den Bundesligisten Hertha BSC degradiert den Falschen

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Eine Ära geht bei Hertha BSC zu Ende: Pal Dardai gibt seinen Posten als Cheftrainer ab.

(Foto: imago images / Bernd König)

Fußball-Bundesligist Hertha BSC sucht nach der Saison einen neuen Trainer. Pal Dardai muss seinen Job nach mehr als vier Jahren aufgeben. In der ersten kleinen Krise zieht der Hauptstadtklub die Reißleine und schadet damit auch sich selbst.

Trainer Pal Dardai hat bei Hertha BSC ausgedient. Nach Saisonende wird der 43-Jährige nicht mehr Chefcoach sein. Ab Sommer 2020 soll er wieder Nachwuchstrainer im Klub werden. So lautet die Entscheidung der Klubführung um Manager Michael Preetz - laut Mitteilung in kompletter Einigkeit mit Dardai. Das ist schade - und falsch.

Natürlich nervt die einzige Konstante des Klubs: die Inkonstanz. Seit der Saison 2015/16 zeigt Hertha BSC in der Fußball-Bundesliga verheißungsvolle Auftritte - allerdings immer nur in der Hinrunde. Gegen den FC Bayern siegte Hertha in dieser Saison zu Hause mit 2:0, Borussia Mönchengladbach wurde mit einer 2:4-Niederlage nach Hause geschickt. In der Rückrunde folgte stets die große Ernüchterung mit schrecklichen Spielen bis zur Selbstaufgabe. In dieser Spielzeit etwa das 0:5 bei RB Leipzig. Da Dardai am 5. Februar 2015 zum Cheftrainer der Profimannschaft aufstieg, trägt er für diese Fahrstuhl-Halbzeiten Verantwortung. Doch wer garantiert dem Klub denn, dass mit einem neuen Trainer alles besser wird?

Das dürfte sehr schwer werden. Dardai ist eine absolute Identifikationsfigur für Hertha. 1997 wechselte der Ungar als Spieler nach Berlin und verließ den Klub seitdem nicht mehr. 286 Spiele hat er als Profi absolviert - Rekord beim Hauptstadtklub. Nach seiner sportlichen Karriere wurde er Trainer der U17 und arbeitete sich immer weiter nach oben. Seit mehr als vier Jahren trainiert er nun die Profis und ist damit hinter Freiburg-Coach Christian Streich der dienstälteste Trainer der Bundesliga. "In mir fließt blaues Blut", sagte Dardai einst über seine besondere Beziehung zum Verein. Seine drei Söhne spielen ebenfalls alle für Hertha BSC. Dardai hat mit seiner lockeren und verschmitzten Art dafür gesorgt, dass der sonst eher als piefig und steril angesehene Verein auch außerhalb Sympathien erntet. Gulasch essen vor dem Spiel? Kein Problem! Alle fünfe auch mal gerade sein lassen? Aber natürlich! Wenn denn anschließend wieder konzentriert gearbeitet wird. Dardai verkörpert einen Fußballromantiker in der modernen, schnelllebigen und abgehobenen Fußball-Epoche.

Dardai formt Nachwuchs zu Nationalspielern

Doch natürlich ist Dardai kein Maskottchen für Hertha BSC, das man gerne vorzeigt und zu irgendwelchen PR-Terminen schickt. Er hat viel mehr für den Klub geschafft. Er formte aus dem taumelnden Bundesligisten eine echte Mannschaft. Er integriert regelmäßig hochtalentierte Nachwuchsspieler in den Profikader. Er hilft mit, dass sie dem Klub treu bleiben und Profiverträge unterzeichnen, anstatt ihr Glück bei anderen Mannschaften zu suchen. Oder sie werden wenigstens teuer verkauft, wie etwa John Antony Brooks und Mitchell Weiser. Niklas Stark wurde auch dank Dardais Arbeit erstmals von Bundestrainer Joachim Löw für die Nationalmannschaft nominiert, Arne Meier, Maximilian Mittelstädt, Jordan Torunarigha und Lukas Klünter gehören der deutschen U21 an.

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Dardai hat Hertha BSC in der absolut unantastbaren Zone der Tabelle etabliert. Selten geht es um Europa-Ambitionen, aber eben auch nie gegen den Abstieg. Aus der Fahrstuhlmannschaft, die zu gut ist für die 2. Liga, aber zu mäßig für die Bundesliga, ist ein solider Bundesligaklub gereift. Dabei beklagt Dardai sich nicht öffentlich über das im Vergleich zu anderen Mannschaften kleine Budget. Der Ungar hadert nicht mit einer langen Verletztenliste, die ihn vor allem nun zum Saisonende plagt.

"Hertha ist und bleibt mein Zuhause"

Nach mehr als vier Jahren erlebt er nun seine erste richtige Krise. Ist es überhaupt eine ernst zu nehmende Krise? Es geht um nichts mehr, der Klassenerhalt ist nicht in Gefahr, die internationalen Plätze sind unerreichbar. Und so sagt auch Stürmer Davie Selke über seinen Trainer: "Er geht mit der Sache sehr gut um und überträgt es auf uns. Ich spüre keine Krise und habe nicht das Gefühl, dass wir verunsichert sind." Auch öffentlich gibt Dardai sich vorbildlich: "Ich habe immer betont, dass es mir um das Beste für Hertha BSC geht, denn Hertha ist und bleibt mein Zuhause."

Doch prompt zieht die Vereinsführung die Reißleine. Klar, irgendwo muss man in einer Krise anpacken und meist trifft es bei einem Fußballteam den Trainer. Aber das eigentliche Problem liegt bei Hertha BSC woanders: Die Ansprüche sind seit dem Aufstieg in der Saison 1996/97 zu hoch und können nicht befriedigt werden. Nicht von Dardai, aber wohl auch nicht von dessen Nachfolger. Wer von einer Mannschaft erwartet, um die europäischen Wettbewerbe mitzuspielen, muss diese auch so ausstatten. Mit Geld, mit entsprechenden Spielern - und nicht nur mit einem Trainer, der den hohen Ansprüchen bitte entsprechen soll. Und so wird es für den Nachfolger Dardais ebenfalls eine komplizierte Aufgabe - zumal er sich zuallererst ganz viele Sympathien erarbeiten muss.

Quelle: n-tv.de

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