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Zu viel Retroliebe auf Schalke Huntelaar kann kein S04-Heilsbringer sein

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Will Schalke vor dem Abstieg retten: Klaas-Jan Huntelaar von Ajax Amsterdam.

(Foto: imago images/Pro Shots)

Erst Sead Kolasinac, nun wohl Klaas-Jan Huntelaar: Schalke rüstet auf mit Stars aus besseren Zeiten und muss sich vor zu viel Retroliebe hüten. Denn der Holländer ist selbst bei Ajax nur Einwechselspieler. Und wer soll ihm bei Schalke die Flanken zu seinen Kopfballtoren schlagen?

"Er würde uns wahnsinnig guttun", kam Schalke-Trainer Christian Gross zuletzt geradezu ins Schwärmen: "Wenn ein Spieler mit der Erfahrung, mit dieser Aura, dieser Persönlichkeit und mit diesen Qualitäten sich noch mal bei uns reinhängen würde, wäre das fantastisch." Gross meinte damit natürlich Klaas-Jan Huntelaar. Den Hunter, der von 2010 bis 2017 für S04 auf die Jagd ging, insgesamt 126 Pflichtspiel-Tore erzielte und jetzt vor einer Rückkehr steht, um den krisengebeutelten Revierklub vor dem Gang in die 2. Liga bewahren.

Aber: Kann ein 37-Jähriger die Schalker wirklich retten? Oder wird hier viel zu viel Hoffnung in einen Altstar gelegt und eher in Erinnerungen an alte, bessere Zeiten geschwelgt als in die Zukunft geschaut? Verpflichtet der Revierklub nach Sead Kolasinac auch den Mann von Ajax Amsterdam, kittet der Verein zunächst einmal das zerrüttete Verhältnis zu seinen Fans. Danach dürften die Verantwortlichen dürsten. Respekt bekäme die Vereinsikone Huntelaar auf Schalke sowieso. Erst recht, weil er sich eine eventuelle Meisterschaft und das sich anschließende internationale Geschäft entgehen lassen würde, um gegen den Abstieg zu kämpfen.

Schränkt Huntelaar Hoppe ein?

Auch mit seiner Erfahrung und Aura könnte der Niederländer den oft ängstlich agierenden Schalkern helfen. Nur: Erfahrung im Abstiegskampf hat Huntelaar keine. Und seine Erfahrungen in der Bundesliga liegen Jahre zurück. In seiner letzten Saison bei den Königsblauen schoss er in 16 Ligaspielen gerade einmal zwei Tore, gab keine einzige Vorlage und beendete die Spielzeit auf Platz zehn. Dass knapp vier Jahre später sein Können zugenommen hat, darf bezweifelt werden.

Besonders, weil der Stürmer in der Saison 2019/20 der Eredivisie lediglich noch 18 von 26 Spielen (neun Tore) absolvieren konnte und in diesem Jahr nur 11 von 17, immer bis auf zweimal als Einwechselspieler. Einige seiner sieben Treffer dieser Spielzeit fielen in wilden Schlussminuten, wenn die gegnerische Defensive schon aufgemacht hatte. So knipste er zweimal beim 13:0 (!) über VVV Venlo, Huntelaar markierte die Tore zehn und elf der Partie. Auch gegen den Tabellensiebzehnten ADO Den Haag traf er doppelt - in einer Liga mit weitaus geringerem Niveau und Tempo als in der Bundesliga. Immerhin: Nach seiner Einwechslung in der 89. Minute gegen Twente Enschede beim Stand von 1:1 entschied der Hunter die Partie mit zwei Blitztoren für Ajax. Er könnte sich also für Schalke als Joker für die letzten Minuten lohnen. Als Heilsbringer aber wohl eher nicht.

Natürlich kann Schalke auch Jokertore gebrauchen. Der S04-Angriff ist der zweitschlechteste der Liga. Aber gerade in den vergangenen beiden Spielen konnten die Beobachter offensiv einen kleinen Aufwärtstrend erkennen - und der war eng verknüpft mit Youngster Matthew Hoppe. Einerseits könnte Huntelaar dem US-Boy als Lehrer zur Seite stehen (was aber eher eine Hilfe für die ferne Zukunft wäre), andererseits könnte er auch dessen aufgehenden Stern behindern, weil Schalke meist mit nur einer nominellen Sturmspitze spielt. Ohnehin ist aber eigentlich die Abwehr das Problem Nummer eins der Schalker, man stellt die mit Abstand schlechteste von allen 18 Teams.

Zu viel Retro, nicht genug Flanken

Hinzu kommt, dass Huntelaar im Topteam der holländischen Liga gespielt hat. Eine Mannschaft, die die Gegner fast immer dominierte. Wechselt er, kommt er vom Tabellenersten zum Tabellenletzten. Die Spielstile werden sich gravierend unterscheiden. Und der Stürmer glänzte in seiner Karriere normalerweise als klassischer Flankenverwerter. Nur wer soll diese schlagen? Besonders auf der rechten Schalker Seite - und rechts in der Abwehr - fehlt es an Qualität. In dieser Saison liegt Schalke bei Flanken aus dem Spiel - natürlich - auf dem letzten Platz mit 106. Zum Vergleich: Bayern München führt mit 236, dahinter folgen Frankfurt mit 206 und Leverkusen mit 195.

Auf Twitter kursieren schon Gerüchte, dass auch der Ex-Schalker Rafinha zurückkehren könnte, da auch er am Sonntag wie Huntelaar nicht im Kader seines Vereins, Olympiakos Piräus, stand. Folgen anschließend Raúl, Yves Eigenrauch und Marc Wilmots? Schalke muss aufpassen, nicht über zu viel verklärte Retroliebe zu stolpern. Nach der Verpflichtung Kolansinac' wird wohl auch der Hunter zu Schalke wechseln. Mit ein paar (Joker-)Toren wird er die Schalker Fan-Herzen sicherlich hochhüpfen lassen. Retten wird er allein den Revierklub kaum.

Quelle: ntv.de