Fußball

Selbstzufriedenheit im DFB-Team? Kahn keilt, Löw kontert

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Mhhhhhhhhhm. Joachim Löw war mäßig zufrieden mit dem Spiel der DFB-Elf, aber wesentlich zufriedener als TV-Experte Oliver Kahn.

(Foto: dpa)

Dass die deutsche Nationalmannschaft gegen Argentinien verliert und dabei durchaus Schwächen in der Abwehr offenbart, bringt Oliver Kahn auf die Palme. Von dort aus kritisiert er Joachim Löw und wirft den Spielern vor, wie bei der EM mit zu wenig zufrieden zu sein. Der Bundestrainer kontert, räumt aber auch Defizite ein.

Wutrede? Wer? Ich? Nein! Joachim Löw gab sich ahnungslos und blieb ganz ruhig. "Ich habe einfach nur meine Meinung gesagt." Damit war für ihn die Frage nach seiner Abrechnung mit den Kritikern der Fußball-Nationalmannschaft zu Beginn der Woche erledigt. Zur Sicherheit sagte der Bundestrainer es aber noch einmal: "Eine Wutrede habe ich nicht vernommen, also von mir selber nicht." Ob oder nicht, war dann aber auch relativ schnell egal. Schließlich hatte die DFB-Elf an diesem Mittwochabend in Frankfurt gerade ihr Freundschaftsspiel gegen Argentinien mit 1:3 verloren. Unglücklich zwar, aber auch deutlich. Dabei sah die Abwehr nicht immer gut aus. Und als dann ein Journalist nach Oliver Kahn fragte, war es mit der Ruhe des Joachim Löw auch schon wieder vorbei.

Deutschland - Argentinien 1:3 (0:1)

Tore: 0:1 Khedira (45.+1/ET),0:2 Messi (52.), 0:3 Di Maria (73.), 1:3 Höwedes (81.)
Rote Karte: Zieler (Notbremse/30.)
Bes. Vork.: ter Stegen hält FE von Messi (32.)
Deutschland: Zieler - Boateng,Hummels (25. Höwedes), Badstuber, Schmelzer - Lars Bender (74. Götze), Khedira (68.Gündogan) - Müller (32. ter Stegen), Özil (68. Kroos), Reus - Klose (62. Schürrle)
Argentinien: Romero - Zabaleta(65. Campagnaro), Fernandez, Garay, Rojo - Mascherano (79. Brana), Gago - Sosa(46. Agüero), di Maria (73. Guinazu) - Messi,Higuain
Referee: Eriksson Zuschauer: 48.808
Schüsse: 11:13 Ecken: 7:5Ballbesitz: 42:58

Der ehemalige Nationaltorhüter hatte als gebührenfinanzierter Fernsehexperte die Nationalmannschaft scharf kritisiert und dem Bundestrainer vorgeworfen, die Leistungen seines Teams oft zu schön zu reden - und sprach dabei auch noch einmal das Aus bei der Europameisterschaft im Halbfinale an. "Da muss er sich langsam mal Gedanken machen. Es sind zu viele Torchancen, die der Gegner bekommt. Das muss man mal ansprechen. Man verliert nach einer blutleeren Vorstellung gegen Italien und bekommt jetzt drei Gegentore gegen Argentinien. Da kann man nicht zufrieden sein." Auch mit der grundsätzlichen Ausrichtung scheint Oliver Kahn nicht einverstanden zu sein. Und so spöttelte er. "Es ist ja alles schön und gut mit Spielphilosophie und Offensive, aber grundsätzlich hat der Gegner zu viele Torchancen."

Als Beispiel nannte er Sami Khedira, gegen die Argentinier einer der Besten, weil er beherzt das Angriffsspiel seiner Mannschaft ankurbelte. Aber: "Khedira war viel zu offensiv. So sind immer wieder Löcher entstanden. Die Argentinier hätten ein Tor nach dem anderen schießen können. Mir gefällt das nicht", nörgelte Oliver Kahn. Dass die deutsche Mannschaft nach dem Platzverweis von Torwart Ron-Robert Zieler fast eine Stunde lang in Unterzahl spielen musste, fiel für ihn offensichtlich nicht ins Gewicht. Offenbar wäre es ihm lieber gewesen, die deutsche Mannschaft hätte sich nach der Pause ein 0:1 ermauert, anstatt weiterhin mit schnellen Kontern auf ein Tor zu drängen. Vielleicht denken Torhüter so.

"Wir wissen doch alle, wie Titel gewonnen werden"

Oliver Kahn jedenfalls macht sich Sorgen, nachdem die deutschen Fußballer bei den jüngsten drei Turnieren stets knapp am Siegerpodest vorbeigeschrammt waren. Und er weiß auch, warum. "Wir wissen doch alle, wie Titel gewonnen werden. Große Mannschaften brauchen eine Kompaktheit, eine Stabilität im Defensivbereich, und die haben wir zuletzt vermissen lassen." Was ihm auch noch fehlte, war der Wille zum Sieg. Zehn Prozent zur absoluten Siegermentalität würden da fehlen. Dem Publikum in Frankfurt schien das aber egal zu sein. Die knapp 49.000 Zuschauer empfingen die DFB-Elf mit warmem Applaus, feuerten sie 90 Minuten und auch bei einem 0:3-Rückstand noch an und klatschten auch nach dem Spiel.

Und Joachim Löw? "Ich teile seine Meinung bedingt", sagte der Bundestrainer und lächelte gequält. "Natürlich hätten wir einige Situationen besser lösen können, in denen wir uns zu früh haben rauslocken lassen. Daran werden wir arbeiten." Ansonsten aber war er nicht amüsiert. Dass da jemand seinen Spielern den Einsatzwillen abspricht, war für ihn Grund genug, sich zum zweiten Mal in dieser Woche demonstrativ vor seine Mannschaft zu stellen. "Das sehe ich nicht so. Wer will denn beurteilen, ob zehn, zwölf oder acht Prozent fehlen. Ich kann taktische Dinge einschätzen, technische Dinge sehen und beurteilen, ob einer einen Fehler macht. Ich kann aber keinem Spieler vorwerfen, dass er nicht alles gegeben hat. Die Mannschaft hat nichts unversucht gelassen." Sprachs und blickte grimmig. Keine Wutrede - aber deutliche Worte.

Quelle: ntv.de