Fußball

VAR rettet nur Hertha den Tag Kölner Keller spielt mal wieder Ergebnisgott

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Borré sieht das Unheil auf dem Monitor aufziehen.

(Foto: IMAGO/Jan Huebner)

Das Bundesliga-Spiel Hertha BSC gegen Eintracht Frankfurt ist unterhaltsam. Vorher überzeugen die Berliner Fans mit einer wunderbaren Choreo und am Ende steht der Hauptstadtklub fast wieder mit leeren Händen da. Dann meldet sich der Kölner Keller und mischt sich erneut nahezu übergriffig in ein Spiel ein.

In der 89. Minute des Spiels Hertha BSC gegen Eintracht Frankfurt passierte das, was Hertha BSC immer passiert. Nach einem guten Spiel standen sie wieder einmal mit leeren Händen da, hatten die Partie vor 44.694 Zuschauern denkbar dumm verloren. Nach der frühen Führung durch Suat Serdar hatte Hertha das Spiel gegen nicht ganz auf der Höhe agierende Frankfurter mit 1:0 in die Pause gebracht, um danach nach einem überflüssigen Ballverlust des Neuzugangs Filip Uremovic durch Daichi Kamada den Ausgleich zu kassieren.

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Schiedsrichter Willenborg hatte freie Sicht auf die entscheidende Situation.

(Foto: IMAGO/Matthias Koch)

Hertha und Frankfurt vergaben danach zahlreiche Gelegenheiten, das Spiel für sich zu entscheiden. Mal schossen sie sich an, mal versagten die Nerven und mal geriet jemand in Rücklage. Es war ein gutes Fußballspiel zwischen zwei Mannschaften, die am Ende der Saison sehr wahrscheinlich nichts mit der erweiterten Ligaspitze zu tun haben werden. Es war kein berauschendes Spiel, eines von 306 und deswegen gerade aufgrund seiner Durchschnittlichkeit exemplarisch.

Denn was dann in dieser 89. Minute und den darauffolgenden passierte, war so normal und durchschnittlich, wie alles den VAR betreffende in der Fußball-Bundesliga. Was also war überhaupt passiert? Hertha-Keeper Oliver Christensen hatte im Strafraum Rafael Borré zu Fall gebracht und Schiedsrichter Frank Willenborg direkt auf Elfmeter entschieden.

Die Macht der Bilder

Dann wurde es unübersichtlich. Die Entscheidung zog sich. Willenborg schritt in die Review-Area und schaute auf die Bilder, die ihm zeigten, dass Christensen Borré in der Tat berührt hatte, aber dieser Kontakt nicht unbedingt erheblich für den folgenden Sturz gewesen sein könnte. Immer wieder wurde ihm die Szene gezeigt, und auch auf der Pressetribüne beugten sich die Journalisten über ihre Monitore und diskutierten. Klarer wurde der Moment nicht.

"Ich habe in den Bildern gesehen, dass es zwar eine Berührung gibt, diese aber nicht ursächlich ist für das Fallen des Spielers. Für mich ist das ein Streifen", erzählte Willenborg nach dem Spiel bei Sky. "Mir ist es wichtig, dass am Ende die richtige Entscheidung getroffen wird. Da nehme ich mir die Zeit, das richtig zu bewerten. Ich wollte es nicht verpassen, die richtige Einstellung gesehen zu haben. Mir war es zudem wichtig, dass die Entscheidung herauskommt, die auch zum Spielmanagement passt. Ich habe sehr großzügig gepfiffen, das Spiel laufen lassen und diese kleine Berührung hätte ich im Mittelfeld auch nicht gepfiffen."

Willenborg hatte, das lässt sich guten Gewissens sagen, die wohl richtige Entscheidung getroffen. Er wollte, das erzählte er später dem Frankfurter Keeper Kevin Trapp, keinen "Gurkenelfmeter" geben. Erklärte zumindest der Nationaltorhüter. Doch eigentlich hätte Willenborg die Entscheidung überhaupt nicht treffen dürfen. Besagen die VAR-Regeln doch, dass nur bei einer klaren Fehlentscheidung ein Eingriff zu erfolgen hat. Die aber war der Elfmeterpfiff nicht. "So wie ich das verstehe, ist der Video-Schiedsrichter dafür da, dass bei einer klaren Fehlentscheidung eingegriffen wird. Wenn du dann aber gefühlt zehn Minuten schauen musst, ist es für mich keine Fehlentscheidung mehr, von daher weiß ich nicht, was er sich da angeschaut hat", wunderte sich Trapp stellvertretend für alle und zweifelte an seinem VAR-Wissen.

VAR schwerer auszurechnen als Messi

Der Pfiff selbst war mutig, ein wenig überzogen und wäre später womöglich noch ein wenig diskutiert worden. Die Frankfurter hätten sich sehr wahrscheinlich über den Sieg gefreut, die Berliner sich mit ihrem Hertha-Schicksal abgefunden. So aber entschied der Eingriff, der nicht hätte sein dürfen, über das Ergebnis des Spiels. Der VAR bleibt in jeder Hinsicht weiterhin das größte Ärgernis des Fußballs. Angetreten, den Fußball auf dem Platz gerechter zu machen, ist er krachend gescheitert.

Er sorgt Woche für Woche für Konfusion, erweist sich weithin nur als Problemverlagerung hinein in den Kölner Keller, macht das Spiel für die Zuschauer im Stadion weniger attraktiv, raubt ihnen den fürs Fansein elementaren Moment der spontanen Freude und ist in der Entscheidungsfindung schwerer auszurechnen als Lionel Messi zu seiner besten Zeit. Er gehört abgeschafft, weil er nicht objektiv sein kann, weil er nur neuen Interpretationsspielraum bietet und das Spiel Fußball mit einem komplett überflüssigen neuen Element ausgestattet hat. Er überhöht das Element der Gerechtigkeit und ist dabei das Gegenteil davon. Er ist nicht gerecht, sondern willkürlich.

Götze noch auf Tauchstation

Frankfurt wartet daher weiter auf den ersten Bundesliga-Sieg seit Mitte März 2022. Zehn Spiele sind es nun schon für den Europa-League-Sieger, der sich als Tabellenelfter der vergangenen Saison verstehen will. Eine realistische Einschätzung des Trainers Oliver Glasner, der auf den Abgang von Filip Kostić noch eine Lösung finden muss. Ohne Kostic war die Eintracht gerade in der ersten Halbzeit ein Schatten vergangener Europapokalschlachten. Nicht alles ist schlecht bei den Adlern, die in Randal Kolo Muani einen verzückenden Balldieb und Publikumsliebling in ihren Reihen wissen und mit Weltmeister Mario Götze einen großen Star bekommen haben. Doch der ist weiter auf der Suche nach Anschluss. Er kam in 65. Minuten auf gerade einmal 43 Ballkontakte, die meisten davon uninspiriert und weit entfernt von der gefährlichen Zone.

Bezeichnend war sein Doppelpassversuch mit dem schwachen Ansgar Knauff außerhalb des Strafraums. Anstatt den Ball hinter die Abwehr zu bringen, brachte ihn der 30-Jährige in die Abwehr und wenig später winkte er bei dieser Aktion in der 28. Minuten frustriert ab. Schiedsrichter Willenborg hatte ein Foul im Nachgang gesehen. Von seinen 30 Pässen brachte er nur 70 Prozent an den Mann, dabei hatte es Götze nicht einmal auf die schwierigen Bälle abgesehen. In dieser Form wird der Weg zurück in die Nationalmannschaft zu lang für ihn.

Auf den Tribünen herrschte die ersten 23 Minuten Schweigen im Frankfurter Block. Erst dann marschierten die lautstarke Ultra-Fraktion zu "Hurra, Hurra, die Frankfurter sind da"-Rufen in den Block. Fortan spulten sie pflichtschuldig ihr Programm runter, doch ein halb gefülltes Olympiastadion ist kein Camp Nou und der Alltag in der Liga beschwerlich. Der Grund für die Verspätung? Sie waren schlichtweg zu spät aufgebrochen, hieß es hinterher in einer der stickigen Bahnen. Gut möglich.

Aufbruchsstimmung im Westend

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Bis Trainer Sandro Schwarz in einem Berliner Heldenstück auftaucht, wird es noch einige Zeit dauern.

(Foto: IMAGO/Jan Huebner)

Die Berliner hingegen hatten an diesem Tag wenig zu meckern. Es war sogar so etwas wie Aufbruchstimmung spürbar. Trotz der beiden Pleiten zu Saisonbeginn wollten sich die Herthaner ihr erstes Heimspiel nach dem Fast-Abstieg nicht verderben lassen. Weit vor Anpfiff gingen die ersten 2023 Döner auf Kevin-Prince Boateng. Dies hatte er bei seiner Vertragsverlängerung versprochen und daran hielt sich der verhinderte Weltstar aus dem Gesundbrunnen. Später konnte er sich nicht an der beeindruckenden Choreo sattsehen, die die Fans zu Ehren des 130. Geburtstags des Klubs vorbereitet hatten. Mit stoischer Gelassenheit und weithin lauter Unterstützung sind die Anhänger der Hertha in dieser Saison nicht mehr gewillt, weiter die Lachnummer der Liga zu sein. Sie tun ihr Mögliches, der Rest liegt nicht in ihren Händen, sondern in denen der Vereinsführung und natürlich den Füßen der Spieler.

Ohnehin war auf die Derby-Niederlage eine für Hertha-Verhältnisse ungewöhnlich ruhige Woche gefolgt. Bis auf einen Aussetzer von Fredi Bobic in einem Interview. Und, was aber erst nach dem Spiel überhaupt bekannt wurde, der Suspendierung des langjährigen Stammkeepers Rune Jarstein. Der 37-jährige, nicht von Glück verfolgt seit Beginn der Pandemie, soll die Nerven verloren haben. Er wird den Klub wohl nach acht Jahren verlassen. "Es ist schade, weil es eine Person trifft, die schon sehr lange hier ist und es nicht spurlos an einem vorbeigeht", erklärte Fredi Bobic. Sportlich spielte er ohnehin keine Rolle mehr. Mit Keeper Christensen scheint vorerst ein Nachfolger gefunden zu sein. Und der war Teil der Geschichte des Spiels. "Das ist nicht genug für einen Elfmeter in der Bundesliga", sagte Christensen. Die Sache mit dem VAR bleibt sinnlos.

Quelle: ntv.de

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