Fußball

"Zu schade, um zu verteidigen?" Kovac-Bayern haben ein Handwerksproblem

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Absolut bereit zum Verteidigen? Nun Coach Niko Kovac hat da Zweifel bei seiner Bayern-Mannschaft

(Foto: imago images / ULMER Pressebildagentur)

Trotz Heimvorteils vier Gegentore im Pokal-Viertelfinale gegen Zweitligist Heidenheim, 43 Gegentore in 40 Saison-Pflichtspielen. Zahlen, die Niko Kovac nicht gefallen. Überraschend deutlich kritisiert der Bayern-Trainer die Verteidigungsbereitschaft seiner Mannschaft.

Javi Martinez wäre so einer gewesen. So einer fürs leidenschaftliche Verteidigen in einem Spiel, in dem es dringend einen leidenschaftlichen Verteidiger gebraucht hätte. Einen, der dem Spiel den Furor genommen hätte, spätestens nach der trotz sehr früher Unterzahl vehement erspielten 4:2-Führung des FC Bayern im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Zweitligist 1. FC Heidenheim. Aber Javi Martinez kam nicht. Und so ging der Furor am gestrigen Mittwochabend weiter: Aus dem 4:2 wurde zwischenzeitlich ein 4:4, nachdem zuvor bereits ziemlich furios aus einem 1:0 der Bayern ein 1:2-Halbzeit-Heimrückstand und schließlich das 4:2 geworden war. Erst auf Lewandowskis spätes Tor zum 5:4 fand Heidenheim keine Antwort mehr.

FC Bayern München - 1. FC Heidenheim 5:4 (1:2)

FC Bayern München: Ulreich - Kimmich, Süle, Hummels, Rafinha (46. Coman) - Thiago - Gnabry, James (46. Lewandowski), Goretzka, Ribéry (24. Boateng) - Thomas Müller. Trainer: Kovac
1. FC Heidenheim: Müller - Busch, Mainka, Beermann, Theuerkauf (73. Thomalla) - Dorsch (52. Feick), Griesbeck, Andrich - Schnatterer (66. Multhaup), Dovedan - Glatzel. Trainer: Schmidt
Tore: 1:0 Goretzka (12.), 1:1 Glatzel (26.), 1:2 Schnatterer (39.), 2:2 Thomas Müller (53.), 3:2 Lewandowski (55.), 4:2 Gnabry (66., nach Videobeweis), 4:3 Glatzel (74.), 4:4 Glatzel (77., Foulelfmeter), 5:4 Lewandowski (84., Handelfmeter)
Rote Karte: Süle nach einer Notbremse (15., nach Videobeweis)
Gelbe Karten: Lewandowski - Dorsch, Griesbeck, Beermann
Schiedsrichter: Winkmann
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)

Aber: Warum kam Javi Martinez eigentlich nicht? Das fragte sich eine chinesische Journalistin zunächst selbst und dann den Münchener Trainer Niko Kovac. Und der? Antwortete zwar, gab aber keine Antwort. Kovac erinnerte nur sehr höflich daran, dass er schon seit längerer Zeit nicht mehr über Spieler spreche, die nicht gespielt haben. Und so wolle er das auch gerne weiter haben.

Dabei hatte die Frage an diesem Donnerstagmittag, nur gut 17 Stunden nach Abpfiff dieses auch für Niko Kovac sehr "merkwürdigen" Fußballspiels in der ausverkauften Münchener Arena, eine sehr logische Herleitung. Denn der Trainer des FC Bayern, der dem ursprünglichen Anlass des Pressegesprächs entsprechend wohl viel lieber viel mehr über das am Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker auf ntv.de) anstehende Bundesliga-Topspiel gegen Borussia Dortmund gesprochen hätte, hatte in den 20 Minuten vor der Martinez-Frage sehr viel über das Verteidigen gesprochen. Und seine Mannschaft dabei sehr viel und sehr offen für ihre Art des Verteidigens kritisiert. Nicht im Speziellen, nicht in Details, sondern eher ganz grundsätzlich. Verteidigen, so sagte Kovac sei das "Einfachste" für ihn. Handwerk. Eine Sache der Bereitschaft. Also auch der Mentalität. "Man muss es aber unbedingt wollen, einen Zweikampf zu führen und zu gewinnen. Man muss als Mannschaft verteidigen." Eine Sache, an der es beim FC Bayern in dieser Saison häufiger mal hapert.

"Vielleicht fehlt uns der eine oder andere, der da zupackt"

So jedenfalls sieht es der Trainer, zumindest muss er so verstanden werden: "Es steht und fällt immer mit der Frage: ist ein Spieler bereit, das vorgegebene umzusetzen? Wir haben in 40 Pflichtspielen 43 Gegentreffer kassiert." Es gab Spielzeiten da hatte sich der FC Bayern nach weit über 50 Pflichtspielen keine 30 Treffer gefangen. Diese aktuelle Flut an Gegentoren hat für den Trainer etwas mit taktischem Fehlverhalten und individuellen Fehlern zu tun. Und womöglich auch mit einem Personal, das sich mit dem Handwerk eher schwerer tut als mit der (Angriffs)-Kunst. Was eine durchaus interessante Einschätzung ist, galt bei TV-Experten und in den Medien doch zuletzt eher die Einschätzung, dass sich das Personal des FC Bayern in dieser Saison mit der Kunst eher schwerer tue als mit dem Handwerk.

Sei's drum. Für Kovac ist die Sache mit dem Handwerk, beziehungsweise die Sache mit dem Nicht-Handwerk, ein gewaltiges Manko im Vergleich zu den Mannschaften, die die großen Trophäen im Weltfußball abgreifen. Die Franzosen zum Beispiel, die seien Weltmeister geworden, weil sie gut verteidigt haben. Weil sie mit N'Golo Kante einen Chefzerstörer im Mittelfeld hatten. Einen fürs Handwerk halt. "Man braucht in der heutigen Zeit, um erfolgreich zu sein, Abräumer. Das hatte der FC Bayern früher. Vielleicht fehlt uns der eine oder andere, der da zupackt - aber wir werden den suchen."

"Wenn sie Kinder haben, dann reicht es nicht mit einmal sagen"

Zur neuen Saison ganz sicher. Neben den schon verpflichteten - wie passend - französischen Weltmeister-Verteidigern Benjamin Pavard (VfB Stuttgart) und Lucas Hernández (Atletico Madrid) hat der FC Bayern im "größten Investitionsprogramm" aller Zeiten noch mehr als ein paar schlappe Mark übrig, um seinem Kader Bereitschaft zum Zweikampfsuchen, zum Zweikampfführen, zum Zweikampfgewinnen zuzukaufen. Was das für die gegen Heidenheim überforderten Mats Hummels und Jérôme Boateng sowie den nichtgeforderten Javi Martinez bedeutet? Offen, zumindest bei Boateng soll der Abschied laut "Süddeutscher Zeitung" aber bereits feststehen.

Nun liegt's aber dennoch vorerst an eben diesen Spielern, dem Trainer und dem Klub zum ersten großen Kovac-Sieg zu verhelfen. Am Samstag gegen Lucien Favres Borussia Dortmund, das Team mit der in dieser Saison wohl größten Wucht im deutschen Fußball. Im womöglich vorentscheidenden Duell im Titelkampf der Bundesliga, nach dem der Rückstand des FC Bayern auf den BVB im schlechtesten Fall fünf Punkte betragen könnte.

"Zu schade, um zu verteidigen?"

Die Mannschaft, sagt Kovac, "die weniger Fehler macht, wird das Spiel gewinnen". Das Problem aus Sicht des Bayern-Coaches ist: In seinem Team haben zuletzt ziemlich viele Spieler ziemlich erstaunliche Fehler gemacht. Die Fehler selbst sind aber nicht Kovac' größtes Problem. Sondern die Frage, warum sie gemacht werden. Der Bayern-Trainer formulierte das so: "Wenn ich bei jedem Fehler einen austauschen würde, muss ich scharf nachdenken, ob wir noch elf Spieler zusammenbekommen. Es geht um die Frage: bin ich mir zu schade, um zu verteidigen?" Seine Mannschaft habe sehr viel Qualität nach vorne, aber "das Defensive müssen wir so an den Tag legen, wie es in so einem große Spiel erforderlich ist."

Dabei wird er nicht müde seine Spieler immer und immer wieder zu ermahnen. "Wenn sie Kinder haben, dann reicht es nicht mit einmal sagen. Man muss immer wieder aufs Neue sagen: man muss es so oder so machen. Man darf nichts verbieten, sondern muss mit Argumenten kommen." Er werde, betonte Kovac, "bis Samstag immer wieder das selbe erzählen". Und forderte: "Man muss es aber auch umsetzen." Und falls (wieder) nicht? "Nur weil etwas nicht umgesetzt wird, heißt das aber nicht, dass es nicht mehr meine Kinder - oder in dem Fall meine Spieler - sind. Man muss immer weiter machen. Es geht immer weiter."

Bayern-Präsident Uli Hoeneß sieht das aktuell allerdings etwas anders: "Am Samstag, 18.30 Uhr, darf es keine Ausreden geben. Da muss gegen Dortmund geliefert werden. An eine Niederlage denke ich gar nicht", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Wir müssen gewinnen, dazu gibt es für mich keine Alternative."

Quelle: ntv.de

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