Fußball

Bayern-Bosse mit Bier beworfen Kovac gewinnt, was ist mit Hummels?

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Hummels (re.) spielte stark erkältet und konnte deshalb nicht wirklich mithalten.

(Foto: imago/MIS)

Der FC Bayern verliert das Bundesliga-Spitzenspiel bei Borussia Dortmund. Doch haben die Münchener einen großen Anteil an dem furiosen Spektakel. Das darf Trainer Nico Kovac für sich verbuchen. Allerdings sorgt eine Personalie für Rätsel.

Erst die verpatzte Weltmeisterschaft, dann heftig kritisierte Leistungen beim FC Bayern: Mats Hummels hatte schon bessere Phasen in seinem Leben als Fußballer. Zum Beispiel, als er noch das Trikot von Borussia Dortmund trug und mit Jürgen Klopp rauschhafte Rock'n'Roll-Parties auf dem Rasen des Signal-Iduna-Parks feierte (natürlich hat er auch in München sehr gut gespielt). Das ist lange her. Erst recht im Business Fußball, dessen Schnelllebigkeit doch immer heftiger beklagt wird. Am Samstagabend nun war Hummels aber mal wieder Gast bei der lautesten Party der Bundesliga. Und was war das für eine Party? Heiliger Bimbam! Das vorab schon als aufregendster deutscher "Clásico" der vergangenen Jahre verherrlichte Spiel zwischen dem Tabellenführer aus Dortmund und dem Herausforderer aus München hatte den hämmernden Beat einer wilden Schranz-Nacht.

Wuchtige Dominanz-Bayern in Halbzeit eins, berauschte Tempo-Dortmunder in Halbzeit zwei. Zwei vergebene Führungen der Münchener, glimpflich korrigierter Chancenwucher-Wahnsinn bei der Borussia. Wer auf Spektakel gesetzt hatte, bekam eine prächtige Auszahlung: 3:2 gewann der BVB nach Toren von Marco Reus (49./67.) und Paco Alcácer (73.). Für die Bayern hatte vor 81.135 Zuschauern Robert Lewandowski doppelt getroffen (26./52.). Diese 90-minütige Werbung für den Bundesliga-Fußball - Fans beider Vereine positionierten sich mit Bannern gegen eine Superliga - hatte so viele starke Protagonisten, über die gesprochen werden könnte. Geredet wird aber sehr viel über Mats Hummels. Der auf der Rasenparty mit wilden Aussetzern wie ein dringender Fall fürs Bett wirkte.

Und da gehört er offenbar tatsächlich auch hin. Denn Mats Hummels ist krank. Schwer erkältet. Das erklärte er nach dem Spiel. Es erklärte, warum der so erfahrene Nationalspieler einmal gegen Reus (9.) und einmal gegen Jadon Sancho (62.) aussah, als würde er seine Umgebung deutlich verzögert wahrnehmen. "Es hat alles ein bisschen länger gedauert, als es normalerweise der Fall ist. Das hat man zweimal auch eklatant gesehen, als ich den Ball als letzter Mann verliere", so Hummels. Ein Eingeständnis, das aber die Frage aufwirft: Warum musste es soweit kommen? Wäre Hummels, der wegen seiner BVB-Vergangenheit natürlich gerne spielen wollte, nicht besser geschont worden? Auch wenn's das bisher vielleicht wichtigste Saisonspiel der Bayern war? Zumal Trainer Niko Kovac mit Niclas Süle eine hochbegabte Alternative auf der Bank hatte, die zuletzt gar als verlässlichste Stammkraft in der Innenverteidigung galt?

"Ich ärgere mich"

Hummels selbst sah den Fehler nur bei sich. "Ich ärgere mich, dass ich zur Halbzeit nicht spätestens gesagt habe, es macht keinen Sinn. Wenn alles so ein bisschen dumpf und verschwommen ist im Kopf, ist ein Spiel auf so hohem Niveau schwierig umzusetzen." Nach seinem zweiten schweren Patzer entschied er sich zur Auswechslung. "Nach der Situation habe ich dann gesagt, 'ok, so ist es zu riskant, dass mir so ein Ding nochmal unterläuft' und bin dann rausgegangen." Kovac sagte später, Hummels habe in der Pause ein Medikament erhalten und es habe geheißen, alles sei gut: "Ich habe ihn in der Halbzeit gefragt: Bist du dir sicher, dass du spielen kannst? Er sagte darauf 'Ja', deswegen haben wir ihn wieder auf den Platz geschickt." Süle, der sich in der Pause bereits aufgewärmt hatte, kam daher erst in die Partie, als bei Hummels nichts mehr ging.

Da stand es übrigens noch 2:1 für die Bayern, die aber zunehmend schwankten. Und dann fielen. Opfer der Konterwut und -wucht der nun enthemmt aufspielenden Gastgeber. Wofür die Hereinnahmen von Mo Dahoud für den schwachen Julian Weigl (46.) und Alcácer (59.) für den unauffälligen Mario Götze maßgeblich waren. Dass sich die Münchener um Klubchef Karl-Heinz Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic trotz der Niederlage starkredeten und von der besten Saisonleistung sprachen, lag vor allem daran, dass der für die zuletzt behäbigen Leistungen immer heftiger kritisierte Coach Kovac in seiner Elf die Topspiel-Leidenschaft geweckt hatte. Wieder überzeugt von den eigenen Fähigkeiten, robust im Zweikampf, beweglich im Spiel nach vorne und taktisch gut auf den BVB vorbereitet, setzte der FC Bayern ein ihm kaum noch zugetrautes Statement der Stärke. "Am Anfang haben sie uns klar dominiert", lobte Dortmunds Trainer Lucien Favre. "Wir konnten nicht den Ball erobern. Wenn doch, haben wir den Ball sofort wieder verloren." Ein Pressing, ein Druck aber nur auf Zeit. So analysierte Favre: "Ich hatte eine Intuition, dass sie das Tempo nicht weiter so hoch halten können." Je größer der Substanzverlust der tempoüberforderten Münchener wurde, desto mehr ließ der Coach der Borussia das Risiko erhöhen.

So verlässt Niko Kovac den Signal-Iduna-Park zwar als fast schon erwarteter Verlierer, der erwartet geschlagene, angezählte Mann aber ist er nicht. Den überalterten Kader, die wenigen Neuzugänge, die vielen Verletzten, all das hat der Trainer nur bedingt zu verantworten. Das sieht man offenbar auch intern so, denn das Mantra lautet weiterhin: Über Coach Kovac wird nicht diskutiert. Warum denn auch? Wenn sogar der Gäste-Trainer so etwas anerkennend Schmeichelndes sagt wie: "Man kann sich inspirieren lassen von der ersten Halbzeit der Bayern." Die hat Rummenigge dann auch als "Benchmark-Basis für die nächsten Wochen" ausgerufen. Mit Verstärkungen in der Winterpause? Das ließ er dann lieber offen, ehe es direkt zum Mannschaftsbus in Reihe eins ging. Ein Bier (so sah's aus) trinken. Mit Uli Hoeneß. Den Frust vergessen. Über die Niederlage, über sieben Punkte Rückstand auf Tabellenführer Dortmund. Und über eine allzu feuchte Bierdusche euphorisierter BVB-Fans nach dem 3:2 durch Alcácer. Sie hatten schon bessere Phasen in München.

Quelle: ntv.de