Fußball

Fußball-Zeitreise, 25. 1. 1995 Kung-Fu-Cantona hätte fester zutreten wollen

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Mit Anlauf und dem Fuß voran sprang Cantona in die Zuschauer.

(Foto: Reuters)

Sein Tritt ist Legende - und stellt das komplette weitere Leben von Eric Cantona auf den Kopf. Am 25. Januar 1995 springt der Franzose im Trikot von Manchester United im Selhurst Park von Crystal Palace in den Zuschauerblock. Eine Tat mit Folgen weit über das Fußballspiel hinaus.

Eric Cantona hat später einmal gesagt: "Für mich ist es das Wichtigste, dass ich in diesem Augenblick nur ich selbst war." Der 25. Januar 1995 im Selhurst Park von Crystal Palace in London machte aus Cantona den Mann, der er heute ist. Das Foto von seinem Kung-Fu-Tritt mitten hinein in den Zuschauerblock, gerichtet auf den Palace-Fan Matthew Simmons, der ihn wild gestikulierend angepöbelt und aufs Übelste beleidigt hatte, ist eine Ikone geworden. Ebenso krass wie die Tat an sich fielen auch die Reaktionen aus.

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Reue ist nichts für Cantona.

(Foto: Reuters)

Während das britische Revolverblatt "The Sun" die sofortige Ausweisung des Franzosen forderte, fand das ehemalige Mitglied der "Crazy Gang" des FC Wimbledon, John Fashanu, lobende Worte: "Sehr gut gemacht, mein Sohn. Das wollte ich schon seit Jahren tun." Dem entgegen steht die wütende Reaktion der Trainerlegende Brian Clough. Er verurteilte die Tat aufs Schärfste und rief zur Gegengewalt auf: "Ich würde ihm die Eier abschneiden." Kurz zuvor hatte der Ausrüster von Cantonas Klub Manchester United  mit dem Spruch geworben: "1966 war ein gutes Jahr für den englischen Fußball. Eric wurde geboren."

Nun reagierten die Fans des Lokalrivalen Man City mit einem T-Shirt, auf dem stand: "1995 war ein gutes Jahr für den englischen Fußball. Eric wurde gesperrt". Auch viele Jahre später hat Cantona seine Meinung zu diesem Tag und diesem speziellen Augenblick nicht geändert. Er steht zu dem, was er damals getan hat. Er bereut nichts. Eher noch geht er sogar einen Schritt weiter, wenn er sagt: "Ach, ich habe ihn gar nicht hart genug getroffen. Ich hätte viel fester zutreten müssen."

Nicht für Cantona ändert sich vieles

Dieser eine Moment hat das Leben des Franzosen auf den Kopf gestellt. Vieles, was danach passierte, wäre ohne den Kung-Fu-Tritt nicht denkbar gewesen. Das Image des unangepassten Profis, des Rebellen, wurde in diesen Sekunden des 25. Januar 1995 manifestiert. Doch nicht nur für Cantona änderte sich so vieles. Auch für die Hausfrau Cathy Churchman und ihre Kinder Steven und Laura sollten diese ganz besonderen Augenblicke im Selhurst Park prägend sein. Die drei hatten direkt an der Stelle gesessen, an der Cantona auf den Schreihals traf, der von oben die Stufen hinuntergelaufen war. Cathys Mann, der beruflich mit Menschen aus der ganzen Welt zu tun hatte, bekam am Telefon gesagt, dass seine Frau aufgrund des Fotos nun berühmter sei als Prinzessin Diana.

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Für die United-Fans war Cantona Mitte der 1990er ein Held.

(Foto: Reuters)

Und dann gab es da noch den Mann, der neben Cathy und ihren Kindern saß. Der damals 15 Jahre alte Steven erzählt: "Wir hatten noch mit dem Typen neben uns gescherzt, weil er trotz Krankenscheins ins Stadion gegangen war. Nachdem die Sache mit Eric passiert ist, war er total aufgelöst. Er stammelte die ganze Zeit nur vor sich hin: Oh Gott, bitte lass die Szene nicht in 'Match of the Day' zu sehen sein. Mein Chef bringt mich um!" Eine irritierend irre Vorstellung, wenn man sich überlegt, was dieser Moment bis heute für den englischen Fußball bedeutet.

Lustigerweise hatte Cantona das Image des Raufbolds seit seiner ersten Pressekonferenz in Manchester inne. Das beruhte allerdings auf einem Missverständnis. Damals wiegte Cantona seinen Kopf leicht hin und her und sagte dann schwärmerisch: "Einer meiner frühen Helden ist Rimbaud gewesen!" Die englischen Journalisten verstanden trotz seines holprigen Englischs auf Anhieb, nickten verzückt und hatten die Schlagzeile schon im Kopf: "Rambo ist Eric Cantonas größter Held!" Cantona meinte natürlich den französischen Dichter Arthur Rimbaud.

Eine Portion Spaghetti auf dem Kopf

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Am Tage seiner Verurteilung - er wurde für acht Monate vom Fußballverband gesperrt und entging nur knapp einem Aufenthalt im Gefängnis - sorgte der Franzose mit einem Ausflug in die Poesie erneut für Verwunderung: "Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie glauben, dass die Sardinen wieder ins Meer geworfen werden." Lange wurde gerätselt, was Cantona seinen Zuhörern damit sagen wollte. Erst Jahre später löste der impulsive Star das Geheimnis auf: "Diese Worte hatten keinerlei ernst gemeinte Bedeutung. Die Situation war sehr angespannt, und ich wollte diese Anspannung lösen. Ich wusste, dass alle sofort analysieren wollten, was ich gesagt hatte. Sie hätten an meiner Stelle stehen und das große Unverständnis in all den Gesichtern sehen sollen. Umwerfend!"

Mittlerweile ist Cantona nicht nur in Manchester eine Ikone. Er ist ein Rebell, der auf vielen Feldern unterwegs ist und komplett nach seiner Fasson lebt. Ein Mann, dem man zuhört: "Ich merke, wie die Welt immer gleichförmiger wird. Alle müssen gleich sein. Ich mag Leute, die anders sind." Wie so etwas aussehen kann, präsentierte er einer breiteren Öffentlichkeit bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland.

Brasiliens Star Neymar hatte sich frisch zum Turnier eine eher gewöhnungsbedürftige Frisur gegönnt, die viel Aufmerksamkeit erzeugte. Etwas, das Cantona so nicht stehenlassen konnte. Am nächsten Tag veröffentlichte er ein Video, in dem er mit einer Portion Spaghetti auf dem Kopf abgelichtet worden war. Die Bilder gingen ebenfalls um die Welt - und siehe da: Neymar hatte verstanden. Die lächerlichen Fussellöckchen verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Die Freiheit für solche und andere Aktionen weit über den Fußball hinaus hat sich der Franzose vor genau 25 Jahren am 25. Januar 1995 im Selhurst Park geschaffen. Seitdem lebt Cantona jeden Tag sein Motto - "Die Verrückten haben der Welt mehr gebracht als die Vernünftigen" - mit voller Überzeugung.

Quelle: ntv.de