Fußball

Zieler fliegt, Löw ratlos, Fans feiern Kuriositäten im Zeichen der Kobra

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Löw musste einsehen: "Der Spielverlauf war einfach gegen uns."

(Foto: dapd)

Es ist, um es vorsichtig zu formulieren, ein gebrauchter Abend für die deutschen Fußballer. Nicht nur, dass sie gegen Argentinien verlieren. Nein, ihnen gelingt das auf derart unglückliche Weise, dass Bundestrainer Joachim Löw hinterher Probleme hat, zu beschreiben, was er gesehen hat. Die Zuschauer feiern die DFB-Elf trotzdem.

Was war das denn jetzt? Bundestrainer Joachim Löw jedenfalls wusste hinterher nicht, wie er das soeben Geschehene einordnen sollte. "Das ist schwer auf den Punkt zu bringen, was hier alles passiert ist." Deutschlands beste Fußballer haben am Mittwochabend vor 48.808 Zuschauern im ausverkauften Frankfurter Stadion ein Freundschaftsspiel gegen Argentinien mit 1:3 verloren, zur Pause stand es 0:1. Was anmutet wie ein - aus Sicht der DFB-Elf - ernüchterndes Ergebnis einer gar nicht so schlechten Partie, war in Wirklichkeit eine Ansammlung von Kuriositäten.

Nachdem erst Mats Hummels verletzt vom Rasen getaumelt war, dann Torwart Ron-Robert Zieler Rasenschadenbedingt einen Elfmeter verursacht, Rot gesehen und zudem kurz vor der Pause das Standbein des besten deutschen Spielers, nämlich von Sami Khedira, den Ball ins eigene Tor gelenkt hatte, fühlte sich der geneigte Betrachter an Jürgen Wegmann erinnert. Der stürmte in den 80er Jahren für Dortmund, Schalke und die Bayern und behauptete von sich, vor des Gegners Tor "giftiger als die giftigste Schlange" zu sein. Deswegen wurde er Kobra genannt. Vor allem aber hat er einen Aphorismus geprägt, der das, was der Bundestrainer nicht in Worte fassen konnte, sehr gut beschreibt: "Zuerst hatten wir kein Glück. Und dann kam auch noch Pech dazu."

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik.

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Das hatte sich Zieler anders vorgestellt.

(Foto: dpa)

Ron-Robert Zieler: Das gab es noch nie. Der 23-jährige Torhüter aus Hannover ist der erste seiner Zunft in der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der vom Platz gestellt wurde. Damit war er in seinem zweiten Länderspiel wohl oder übel mit dafür verantwortlich, dass die DFB-Auswahl in ihrer seit 1908 währenden Geschichte den 500. Sieg verpasste. Das allerdings dürfte an diesem Abend sein kleinstes Problem gewesen sein. Oder wie es der Bundestrainer ausdrückte: "Schlussendlich war der Ron ziemlich betrübt." Anfang November hatte Zieler in Kiew beim 3:3 gegen die Ukraine sein Debüt gefeiert, nun durfte er zum zweiten Mal von Beginn an ran, weil der Münchner Manuel Neuer verletzt abgesagt hatte. Doch nach einer halben Stunde holte er Argentiniens Jose Sosa, einst in Diensten des FC Bayern, von den Beinen, was nicht erlaubt ist, sah, wie der schwedische Schiedsrichter Jonas Eriksson auf den Elfmeterpunkt und ihm regelkonform die Rote Karte zeigte. Dumm gelaufen. Joachim Löw holte Thomas Müller vom Platz, was erlaubt ist, und beorderte den Mönchengladbacher …

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Den gehaltenen Messi-Strafstoß kann ihm keiner mehr nehmen.

(Foto: REUTERS)

Marc-André ter Stegen ins Tor. Der ist 20 Jahre alt, hat nun ebenso viele Länderspiele auf dem Kerbholz wie Zieler - und feierte einen Einstand, wie er besser nicht hätte sein können. Er hielt den Strafstoß. Von Lionel Messi! Sei´s drum, das den mutmaßlich auch Manni Drexler gehalten hätte. Der ehemalige Bundesligaspieler hatte sich seit 1985 in weit über 300 Länderspielen um die Schuhe der Nationalspieler gekümmert und wurde nun in Frankfurt im Alter von 61 Jahren mit einem Blumenstrauß und viel Lob in den Ruhestand verabschiedet. Ter Stegen hingegen kassierte noch drei Treffer, allerdings ohne dass er das ernsthaft hätte verhindern können. Dennoch liest sich seine Bilanz eher mau: Zwei Länderspiele, acht Gegentore. Erstmals spielte er nämlich beim 3:5 Ende Mai in Basel gegen die Schweiz. Dumm gelaufen, irgendwie.

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Boateng.

(Foto: dapd)

Jerome Boateng: Der Münchner begann sein 26. Länderspiel auf der rechten Abwehrseite. Das kann er, hat er auch bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine gut gemacht. Obwohl er ja immer mal wieder betont, dass er ja eigentlich noch lieber in der Mitte verteidigen würde. Sein Wunsch ging schneller als er und alle anderen es geahnt hatten in Erfüllung. Allerdings nur, weil Kollege Hummels verletzt vom Rasen musste. Wirkte aber auch auf seiner Lieblingsposition nicht immer sattelfest gegen flinke Argentinier.

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Hummels nach seinem Missgeschick.

(Foto: dapd)

Mats Hummels: Der 23 Jahre alte Dortmunder gilt nach souveräner EM in der deutschen Innenverteidigung als gesetzt und ist so etwas wie der neue Abwehrchef, auch wenn es den Titel gar nicht gibt. Also lief er auch gegen die Argentinier auf, sein 20. Länderspiel. Und dann das. Nach einer knappen Viertelstunde verrenkte er sich den Halswirbel, als er mit Argentiniens Gonzalo Higuain von Real Madrid zusammenprallte und musste zehn Minuten später musste leicht benommen und mit wirrem Blick raus. Es geht ihm aber mittlerweile wieder gut. Für ihn kam der Schalker …

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Höwedes (re.) plötzlich ein Oldie.

(Foto: dpa)

Benedikt Höwedes zu seinem neunten Einsatz im DFB-Trikot, rückte auf die rechte Abwehrseite. Jerome Boateng, der Glückliche, verteidigte von nun an in der Mitte. Benedikt Höwedes machte seine Sache gut, besser zumindest als Boateng, wagte sich nach der Pause mehrmals nach vorne - und war mit seinen 24 Jahren nach den Auswechslungen von Sami Khedira und Miroslav Klose der älteste deutsche Spieler auf dem Platz. Zur Feier des Tages erzielte er zudem mit einem wunderschönen Flugkopfball den einzigen Treffer seiner Mannschaft, sein erstes im Trikot des DFB.

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Badstuber hatte es nicht leicht.

(Foto: REUTERS)

Holger Badstuber: War, nachdem Hummels weg war, der Chef in der deutschen Abwehr. Zumindest inoffiziell und weil kein anderer mehr da war, der diesen Titel für sich hätte beanspruchen können. Der 23 Jahre alte Münchner machte in seinem 26. Länderspiel nur in Ansätzen das, was er sonst immer macht: unauffällig und gut zu spielen. Er wirkte vor allem nach der Pause arg gehetzt und mitunter unkonzentriert, wenn Lionel Messi und seine Kollegen das Spiel schnell machten und den Ball laufen ließen. War aber auch gemein, schließlich waren die Argentinier ja einer mehr.

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Schmelzer gefiel dem Trainer.

(Foto: dapd)

Marcel Schmelzer: Joachim Löw lobte den 24 Jahre alten Dortmunder nach seinem siebten Länderspiel ausdrücklich für seine engagierte Leistung auf der linken Abwehrseite, die eigentlich an Kapitän Philipp Lahm vergeben ist. Der aber war daheim in München geblieben, um vernünftigerweise bei der Geburt seines Kindes dabei zu sein. Dabei hatte Schmelzer durchaus seine Probleme, den flinken Madrilenen Angel di Maria in den Griff zu bekommen. Dafür hatte er mehrere starke Szenen in der Offensive, kurz vor der Pause flankte er schön auf Miroslav Klose, der den Ball allerdings verpasste.

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Bender: Guter Mann

(Foto: dapd)

Lars Bender: Der 23 Jahre alte, vom FC Bayern umworbene, Leverkusener war in seiner zehnten Partie für die DFB-Elf dem starken Sami Khedira auf der doppelt besetzten Stelle des Sechsers ein starker, dynamischer und zuverlässiger Partner. Nur wenn es mal in die Hälfte des Gegners ging, verließ ihn der Mut, oft agierte er zu hastig und zu ungenau. Und beim Tor von Lionel Messi war er etwas spät dran. Ansonsten aber gilt: Guter Mann. Eine Viertelstunde vor dem Ende machte er auf Geheiß des Bundestrainers Platz, für ihn kam der 20 Jahre alte Dortmunder Mario Götze zu seinem immerhin schon 16.Länderspiel - beim Stand von 0:3. Zumindest aber er lieferte die Vorlage für das einzige deutsche Tor des Abends. Der Stadionsprecher war so begeistert, dass er Götze gleich als Schützen ausrief. War aber ein Fehler, den er flugs korrigierte.

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Khedira im Eigentorpech.

(Foto: dapd)

Sami Khedira: Singt zwar die Hymne nicht mit, war aber in seinem 33. Länderspiel der Beste der DFB-Elf. Der 25-Jährige ist einer der Führungsspieler, die der Mannschaft angeblich fehlen, er trieb das Spiel immer wieder energisch nach vorne und präsentiere sich als Ordnungshüter vor der Viererabwehrkette gewohnt stark in den Zweikämpfen. Blöd nur, dass er einen Eckball seines Madrider Vereinskollegen di Maria unhaltbar ins eigene Tor lenkte. Dumm gelaufen. Nach 68 Minuten war sein Arbeitsabend beendet, Joachim Löw wechselte den 21 Jahre alten Dortmunder Ilkay Gündogan für ihn ein. Sein drittes Länderspiel.

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Müller hätte gern länger gesilet.

(Foto: dpa)

Thomas Müller: Apropos dumm gelaufen. Der Münchner, 22 Jahre alt, ließ es in seinem 33 Spiel für Deutschland - doppelte Schnapszahl! - zu Beginn auf der rechten Mittelfeldseite recht schwungvoll angehen, spielte wesentlich stärker als zuletzt bei der EM, halt wie einer, der um seinen Stammplatz kämpft. Und musste doch nach einer guten halben Stunde vom Platz, weil der Bundestrainer nach der Roten Karte gegen Ron-Robert Zieler der Meinung war, dass seine Mannschaft doch besser auch weiterhin mit einem Torwart spielt. Da musste halt ein Feldspieler herhalten. Aber warum ausgerechnet Müller?

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Özil kämpfte und schrie.

(Foto: dpa)

Mesut Özil: Der 23 Jahre alte Wahl-Madrilene wirkte gegen Ende seines 39. Länderspiels ein wenig müde - angesichts der Tatsache, dass er es war, der sich in Unterzahl als unermüdlicher Antreiber in der Mittelfeldzentrale versuchte. Und dem das auch gelang, laufstark wie er ist. Leitete mit klugen Pässen in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr viele gefährliche Situationen ein. Nur gebracht hat es am Ende nichts. Dumm gelaufen. Nach 68 Minuten durfte er auf der Bank Platz nehmen, der Münchner Toni Kroos, 22 Jahre alt, bestritt seinem 31. Einsatz. Und wirkte dabei seltsam lustlos.

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Reus nahm den Titel als Ansporn.

(Foto: dapd)

Marco Reus: Schon vor dem Anpfiff stand der 23 Jahre alte Neu-Dortmunder im Mittelpunkt. Da gab´s nämlich für ihn den Pokal für den Fußballer des Jahres. Für die Leistungen, die er in der vergangenen Saison im Trikot der Borussia aus Mönchengladbach gezeigt hatte. Anschließend zeigte er, dass er richtig Lust auf Fußball hat und flitzte über den Rasen, dribbelstark und schnell, dass es eine helle Freude war. Nur war´s nicht immer zielführend, aber daran kann er ja noch arbeiten. Traf kurz nach der Pause mit einem grandiosen Schuss immerhin den Pfosten des argentinischen Tores. Dennoch dumm gelaufen.

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Klose wie immer gut unterwegs.

(Foto: dapd)

Miroslav Klose: Starker Auftritt des 34 Jahre alten Angreifers von Lazio Rom. Allerdings blieb dem Ersatz-Kapitän in seinem 122. Länderspiel Tor Nummer 65 verwehrt. Was nichts daran ändert, dass er einer ist, der gut mitspielt, fleißig mit den viel jüngeren Kollegen, vor allem mit Reus und Özil, kombiniert und sich gerne auch den Ball an der Mittellinie holt. Nach einer guten Stunde durfte sich der ewig Junge dann aber erholen und machte Platz für den Leverkusener André Schürrle, der seine Chance in seinem 17. Länderspiel nutzte und auf der linken Seite für erfrischenden Wirbel sorgte. Fast so schnell wie Reus. Nur hat das an diesem Abend nicht gereicht.

Quelle: ntv.de