Der Gigant macht ihn fassungslosTrainer Miron Muslic legt sich dem FC Schalke 04 zu Füßen

Der FC Schalke 04 startet als Herbstmeister in die Rückrunde der 2. Fußball-Bundesliga. Ein Grund für die bislang überraschend starke Saison der Königsblauen ist Trainer Miron Muslic. Der hat sich in Windeseile in den Klub verliebt.
Vor knapp einem Jahr war der FC Schalke 04 noch ganz weit weg. Miron Muslic war tief in seiner Aufgabe als Trainer von Plymouth Argyle vergraben und musste im FA-Cup in der vierten Runde gegen den FC Liverpool ran. Schwieriger ging es für diesen Underdog nicht. Die Supertruppe aus der Premier League gegen den späteren Absteiger aus der zweiten Liga. Doch Plymouth schaffte gegen die star-reduzierten Liverpooler, aber immerhin mit Luis Diaz und dem mittlerweile verstorbenen Diogo Jota in der Startelf, die Sensation. Mit 1:0 ging's in die nächste Runde. "Ein Highlight, schön", sagt Muslic ein knappes Jahr später gegenüber RTL/ntv.
Im Sommer verließ Muslic England und ging zum FC Schalke 04. Zu jenem Klub, für den Trainer in diesem Jahrtausend zur Leibspeise geworden sind. Einer nach dem anderen wird in Gelsenkirchen verputzt. Muslic ist der 37. Trainer seit 2000 (inklusive aller Interimsvarianten). Und er könnte einer werden, der die Übungsleiter-Achterbahn in Gelsenkirchen deutlich verlangsamt. Auch wenn es schon wilde Gerüchte gibt. Ein Rauswurf steht nicht bevor, keine Sorge. Dafür ist er viel zu erfolgreich. Andere Klubs mit anderen Geldbörsen sollen ihn locken. Nur den langsam erwachenden Giganten Schalke gegen Ungewissheit eintauschen? Das ist nicht sein Ding.
Wer Muslic zuhört, kann sich kaum vorstellen, dass die Zeit auf Schalke einer Blitz-Ehe gleichkommt. Muslic hat in seinem ersten halben Jahr etwas geschafft, was niemand für möglich gehalten hätte: Der No-Name-Coach des Sommers hat aus einer perspektivlosen, am Abgrund tanzenden Mannschaft den Herbstmeister geformt.
Keine Indizien für einen Einbruch
Und das ohne einen gravierenden Kaderumbau, der finanziell ohnehin nicht stemmbar gewesen wäre. Auch wenn der Klub zuletzt gute Zahlen vermeldete, die Schuldenlast ist immer noch erdrückend. Auch deshalb läuft die Suche nach einem neuen Stürmer in der Winterpause bislang nicht erfolgreich. Einen Torjäger aber könnten die "Königsblauen" dringend gebrauchen. 22 Treffer in 17 Spielen sind keine erquickende Bilanz. Diese Harmlosigkeit der Offensive könnte schnell zu einem Problem werden, sollte die historisch gute Abwehr in der Rückrunde anfälliger werden. Indizien dafür gibt es bislang allerdings nicht.
Mit Loris Karius beschäftigt Schalke den besten Torwart der 2. Liga. Ganz verwegene Fans sehen ihn schon im WM-Kader. Vor ihm fressen Nikola Katic und Hasan Kurucay alles auf. Diese beiden Abwehrmonster kamen im vergangenen Sommer und stabilisierten den chaotischen Haufen. Ebenso wie Soufiane El-Faouzi, ein weiterer Neuzugang. Er kam aus der 3. Liga von Alemannia Aachen und ist bereits jetzt schon fast zu gut für die 2. Liga. Scouts von überall sollen den hochbegabten Mittelfeld-Terrier auf der Liste haben. Darunter angeblich auch: Borussia Dortmund! Wer hätte das vor der Saison gedacht? Die drei externen Eckpfeiler haben etwas in die Mannschaft gebracht, dass die sensationelle Wandlung vom Abstiegs- zum Aufstiegskandidaten möglich macht: Malchoer-Mindset.
Schalke-Unterschrift als bester Trainermoment
Sie sind am richtigen Ort. So wie sich Muslic am richtigen Ort fühlt. "Die Unterschrift hier auf Schalke" nennt er seinen größten Erfolg als Trainer. "Ich habe vorher schon wunderschöne Etappen gehabt und Erfolge gefeiert. Alles schön, aber mit der Unterschrift hier auf Schalke, der Job hier als Cheftrainer, das sprengt alles." Im Eiltempo hat nicht nur Schalke den Trainer emotional gefangen, auch Fans und Klub können ihr Glück mit dem 43-Jährigen kaum fassen. Dass der Klub im Sommer gar eine Ablöse für ihn zahlte, in nicht näher genannter sechsstelliger Höhe, machte einige im Umfeld fassungslos. Vergessen. Ebenso wie die Wut der Fans, die viele der Spieler, die jetzt noch da sind und abliefern, im Sommer mit Versager-Plakaten verabschiedeten.
Der Glücksgriff mit Muslic war indes alles andere als der Versuch eines blinden, bald bankrotten Huhns, ein Korn zu finden. Aus dem Verein heißt es, dass Sportvorstand Frank Baumann und sein Team den Österreicher schon länger beobachtet hätten. Es wurde eine umfangreiche Expertise zu ihm eingeholt, ehe der Deal fixgemacht wurde. Muslic brachte das mit, was sie auf Schalke schon länger vermisst hatten: Aggressivität, Intensität, Mut.
Er hob die verschütteten Vereinsideale mit einer grenzenlosen Überzeugung an sich selbst und seinen Weg aus dem Schutt am Berger Feld. "Ich habe gewusst: Wenn wir dieses neue Mindset von Tag eins implementieren, diese Höchstleistungskultur wieder zurück zu Schalke bringen, dann haben wir eine Chance. Wir sind damit sehr offensiv, aggressiv und mutig umgegangen. Und ich glaube, wenn man die Vorbedingungen kennt und dann das, was wir daraus gemacht haben, zeigt, es einfach, dass das die richtige Entscheidung war."
Wie groß die Challenge war, der er sich da stellte, spürte er direkt nach seiner Ankunft. Er wurde von der Macht des Klubs voll erwischt. Ihm sei, so sagt er, sehr "rasch klar geworden, wie groß dieser Verein ist, was für ein Gigant Schalke immer noch" sei.
"Kein einziger Punkt wurde uns geschenkt"
Nach 17 Spielen steht Schalke mit 37 Punkten an der Spitze. Jeder einzelne davon ist verdient, findet Muslic. "Kein einziger wurde uns geschenkt. Und das ist das Mindset, das wir jetzt die ersten sechs Monate hatten. Und das gleiche Mindset brauchen wir auch für die nächsten fünf Monate." Wohin die Reise hingehen soll, das spricht Muslic nicht aus. Aber warum soll man als Tabellenerster nicht träumen dürfen? Vielleicht, um die Sinne scharf zu halten, um im Hochmut nicht nachzulassen?
Wenn Muslic über die zweite Serie spricht, sagt er so: "Wir freuen uns auf jeden Tag. Wir freuen uns auf diese unglaubliche Herausforderung, die gleichzeitig ein unglaubliches Privileg ist. Wir spielen für Schalke. Wir dürfen Schalke jedes Wochenende repräsentieren. Darauf sind wir sehr, sehr stolz. Und diesen Hunger haben wir immer noch, weiterhin an uns zu arbeiten und weiterhin für jeden Punkt 90 Minuten zu ackern."
Mit dem Wort "Aufstieg" tun sich auch die Spieler noch sehr schwer. Die Sätze wirken wie eine kollektive Verabredung zur Demut: Kapitän Kenan Karaman will "irgendwann" darüber reden, "erstmal ist wichtig, dass du in der Rückrunde punktest". Die Rückkehr in die Bundesliga sei "noch sehr weit weg". Auch Abwehrchef Katic hält sich zurück. "Ich weiß, es ist langweilig für euch, aber wir denken wirklich nur von Spiel zu Spiel." Das sind Sätze, ganz nach Muslic' Geschmack.
Diese Mentalität, sich alles verdienen zu müssen, sehen viele auch in der Vita des Trainers begründet. Muslic ist ein wahnsinnig emotionaler Coach, der Härte mit großer Empathie verbindet. So hat er den orientierungslosen Kader in die Spur gebracht. Er sieht sein Handwerk indes mehr als Schlüssel zum Erfolg, als seine Geschichte: "Ein Stück weit helfen mir meine Erfahrungen schon. Aber auf der anderen Seite ist es keine Hilfe für die Jungs, wenn ich von Schicksalsschlägen erzähle oder von meinem Werdegang." Er wurde in Bihać geboren und flüchtete mit seiner Familie im Alter von neun Jahren aufgrund des Bosnienkrieges nach Österreich. "Das ist zwar eine nette Story, aber das reicht noch lange nicht, dass man dann ein Fußballspiel gewinnt. Da punkten wir vor allem mit Strukturorganisation, klarem Coaching, klaren Vorgaben, klarer Aufgaben- und Rollenverteilung."
So soll es weitergehen. Auch mit einem Plan B, der greift, wenn der krawallige Heavy-Metal-Ansatz des nervtötenden Attacke-Fußballs nicht greift. Zum Ende der Hinrunde wirkte der Code gegen das Dauerpressing von manchen Gegnern entschlüsselt. Zwischenzeitlich schien es, als habe Schalke auch kreativeren Fußball mit mehr Dominanz im Angebot. In einigen Heimspielen waren Fortschritte erkennbar, doch die Offensive bleibt die Schwachstelle. "Wir haben nicht nur ein System, das wir spielen können", sagt Abwehrchef Katic, das sei "einstudiert", aber: "Dabei müssen wir noch vieles verbessern."
"Niemals eine Belastung, sondern immer Ansporn"
Was innerhalb des Profiteams zumindest offiziell kleingehalten wird, ist im Umfeld längst nicht mehr einzufangen. Die Fans träumen von der Rückkehr in die Bundesliga im kommenden WM-Sommer. Sie träumen nicht mehr nur leise, sondern laut. Damit müssen die Schalker umgehen lernen. Der Erwartungsdruck steigt. "Das ist niemals eine Belastung, sondern immer Ansporn", sagt Muslic. "Das hindert uns nicht, sondern hilft, die Handbremse zu lösen. Das ist für uns eine Motivation, weil der Weg der Fans, ihre Geschichte, ihre Historie – das ist immer noch Schalke, das ist immer noch ein Gigant. Und es ist immer noch ein Verein mit sehr, sehr hohen Ambitionen. Also weg vom Bremsen, weg vom Erschrecken, sondern den nächsten Gang finden und volle Attacke!"
Mit Hertha BSC wartet direkt eine große Herausforderung (Samstag, 20.30 Uhr auf RTL und im Liveticker bei ntv.de). Für den Hauptstadtklub geht es im ersten Spiel des neuen Jahres direkt darum, die eigenen Aufstiegsambitionen zu untermauern. Eine Niederlage gegen Schalke, wie am ersten Spieltag, würde die Ruhe des Winters direkt wegpusten. Und Schalke noch größer träumen lassen als eh schon. Mehr als 20.000 wollen Nullvier in Berlin zum Sieg schreien, alle verfügbaren Tickets für die neun Heimspiele der Rückrunde waren bereits im November innerhalb weniger Stunden vergriffen.